Debütalbum der Berliner Morning Stars: Die Sterne dimmen langsam aus

Schwierig, dabei mit leichter Hand entworfen: Keyboardflächen aus den mittleren bis späten Achtzigern, Unisonogesang aus den späten Sechzigerjahren und ein zeitlos vertracktes, akzentuiertes Schlagzeug, auf diese Weise beginnt das Debütalbum des Berliner Quartetts The Morning Stars.

„One Of The Doors“, so der Titel des Auftaktsongs, ist mit vier Minuten Dauer einer von zwei kürzeren Songs auf „A Hymn Without A Sound“. Gleich danach wird es episch: „Canʼt Stand Up“ kann in der Tat als heimliche Hymne auf das langsame Erwachen gehört werden. Der Song lebt von Wiederholungen, Fingerpicking und unterschwelliger Nervosität und dauert fast acht Minuten. Der Gesang setzt knapp vor Minute drei ein.

Bekenntnisse zur Epik, zwei, drei Songs in einem, das aber mit luftigem Gestus und psychedelischem Drive, so fächert sich die Klangwelt der Morning Stars auf. Die Band begann als Geburtstagsgeschenk für Drummer Sebastian Vogel (auch bei Kante). Im Wissen darum, dass ihm ein neues Lebensjahr als Herausforderung erscheinen würde, beschlossen Keyboarderin Barbara Morgenstern, Gitarrist Felix Müller-Wrobel (ebenfalls Kante und früher auch bei der Band Sport) und Bassist Alex Paulick (ehemals Kreidler), ihrem Kollegen eine neue Band zu schenken. In Berlin konnte man die Morgensterne im Januar 2025 im Theater Hebbel am Ufer als Vorband für das elektronische Pop-Duo Tarwater in sinnhafter Kombination erleben.

Stilvolles Abdriften

Auch da fiel schon eine Liebe zum Ausgefeilten und Ausgedehnten auf, der die Morning Stars unbedingt treu bleiben sollten. Dass sie in zwei der drei vorab veröffentlichten Videosingles ihre Songs auf drei bis vier Minuten gekürzt haben, mag als Zugeständnis an die kurze Aufmerksamkeitsspanne des Zeitgeists gedacht sein, aber nur einmal zur Erinnerung: „Bela Lugosiʼs Dead“ von Bauhaus, der Song, mit dem 1979 Gothic begann und der als Musterbeispiel für das stilvolle Abdriften gilt, wie es auch die Morgensterne pflegen, bringt es auf ganze neun Minuten und ist auch exakt so auf Single veröffentlicht worden.

Morning Stars

The Morning Stars: „A Hymn Without A Sound“ (Morning Stars/Bandcamp); live: Slot, Hamburg, 16. Januar 2026

Dafür endet die imaginäre A-Seite von „A Hymn Without A Sound“ – das Album liegt erst einmal nur als Download und CD vor – mit der geräumigen Ballade „Like This“. Sieben Minuten umfasst sie, und danach bietet es sich an, über den Bandnamen nachzudenken.

Seine naheliegendste Deutung ist der Nachname ihrer Keyboarderin und Sängerin, aber der zeitgenössische Morgenstern tut noch ein anderes Feld auf. In der römischen Mythologie hört er und damit der Planet Venus auf die poetische Bezeichnung Luzifer. Mit dem Lichtbringer ist die Popwelt vertrauter, als ihren Bewohnern immer bewusst ist.

Dann ist „Morning Star“ auch der Name einer britischen Tageszeitung und der Titel eines Sechsminüters der britischen Artrockband Henry Cow. Die bis 1979 existierende Band und das Blatt sind dezidiert links, wobei die Band eher unorthodox klingt, während das Blatt auf Parteilinie bleibt.

Zur zweiten Hälfte des Albums: Nach den kompakten vier Minuten des Songs „Scars“ fahren die Sterne langsam ihre Krallen aus. „Chainsaw Fiddle“ ist um Synthiestreicher, Gitarre und Schlagzeug gebaut und verblüfft nach der zweiten Strophe mit einem Noise-Pop-Déjà-vu.

Der Songtext spielt verschiedene Varianten von „Es war einmal“ durch: Tagtraum, Grenze, Illusion von Ordnung und Gefahr. Eine Einladung in die Nostalgie klänge anders.

Die letzten beiden Songs sind massive Stücke. „Trap“, noch einmal acht Minuten, lebt von einem raffinierten Wechselspiel aus Funkrhythmik und jazziger Gitarre, von zuerst dezenter, dann präsenter Elektronik und angedeuteten Dub-Effekten. In einer relaxten Coda dimmen die Sterne langsam aus.

„The Everything“, das Finale, hebt mit Morsesignalen und Kantenschlägen auf den Drums an. In der ersten von insgesamt neun Minuten gerät der Song zum Breitwand-Pop, in der zweiten kehrt er wieder zu seinem minimalistischen Intro zurück. Zwei-, dreimal schlägt das Pendel, bis auf einer tiefen Keyboardspur der Gesang ins Spiel kommt.

Einmal innehalten, dann wiederholen die Morgensterne mantraartig und unisono den Albumtitel „A Hymn Without A Sound“. Der vierköpfige Orchestergraben erhebt sich, fährt himmelhoch auf und setzt einen Punkt. Zacken stehen ihm gut.