Es ist Mitte Februar, und im House of Pianos in Al Quoz, dem neuen Art-District von Dubai-Stadt, gibt der pakistanische Pianist Usman Anees mit 39 Jahren sein internationales Debüt. Im ersten Teil des Konzerts spielt er klassisches Repertoire und zeigt mit Chopins kraftvollem Scherzo in B-Moll, Beethovens manisch-lyrischer „Appassionata“ und Mendelssohns Temporitt „Rondo Capriccioso“, dass man in Deutschland nur noch selten hört, seine ganze interpretatorische Vielfalt.
Im zweiten Teil mit Eigenkompositionen, die Anees „Character Pieces“ nennt und mit denen er einen Brückenschlag versucht zwischen westlicher und östlicher Musiktradition, hat er den klassischen Anzug mit einem „Sheerwani“ getauscht, ein traditioneller Frack, der in Pakistan nur bei den allerwichtigsten Gelegenheiten getragen wird. Die schulterlangen, schwarzen Haare, die er in Reminiszenz an Franz Liszt nicht mehr schneiden lässt, trägt er nun offen, wie es sein großes Idol auf der Bühne getan hat. Liszt wusste sich schon vor 200 Jahren als romantischer Künstlerrebell zu inszenieren, Anees aber zielt nicht auf den Rebell, sondern das Genie, das mit zwölf Jahren alle 32 Beethoven-Sonaten beherrschte.
Nicht passend für das gängige Pianistenschema
Nach knapp zwei Stunden applaudiert das faszinierte Publikum in der Concert Hall in Dubai im Stehen, darunter auch Gerrit Glaner, der langjährige Leiter der Künstlerabteilung des Klavierbauers Steinway. Er sagt: „Ich war skeptisch. Ich kannte seine Youtube-Videos, aber ich wollte sehen, was er unter echten Konzertbedingungen liefern kann. Keine Frage, Usman hat die Hände für ein großes Spiel.“
Ein Debüt als klassischer Konzertpianist mit 39 Jahren, was soll das aber sein in einer Welt voller Wunderkinder, die es immer wieder zu bestaunen gibt, zuletzt der Russe Alexander Malofeev oder die Koreaner Yunchan Lim und Seokyoung Hong, die schon in jungen Jahren weltweit für Furore sorgten? Usman Anees passt nicht in das gängige Pianistenschema. Das hat viel mit seinem Heimatland zu tun und der Frage, wie in der Welt der klassischen Musik große Talente gescoutet und entdeckt werden. Das Problem beginnt damit, dass in Pakistan, anders als in China, Korea oder Russland, niemand nach einem talentierten Pianisten sucht.
Die werden bei den großen Klavier-Wettbewerben ausgemacht, in Warschau (Chopin), Moskau (Tschaikowsky) oder Wien (Beethoven), aber eben nicht in Karatschi. Er kenne ein, zwei tolle indische Pianisten, erzählt Gerrit Glaner, aber aus Pakistan komme selten jemand. „Willst du Cricketer werden, dann ist Pakistan ein phantastisches Land, du wirst schnell Anerkennung bekommen. Als Konzertpianist kann es sein, dass du sie nie bekommst“, sagt Rameez Ansari. Ansari, 41, ist ein erfolgreicher Software- und Private-Equity-Manager aus Karatschi, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Anees’ Karriere zu fördern, weil es die Musikindustrie nicht tut. „Wäre Usman in München, Wien oder Chicago geboren, würden wir darüber gar nicht reden, er würde längst auf den großen Bühnen spielen“, sagt er.
Als Komponist hat er fast 200 Werke geschrieben
Kennengelernt haben sich die beiden vor drei Jahren, als Ansari einen Klavierlehrer für seine sechsjährige Tochter Sophia in Karatschi suchte. Usman, der am Tag bis zu acht Unterrichtsstunden für Kinder und Jugendliche gab und durch die Millionenmetropole von Haus zu Haus tingelte, wurde ihm wärmstens empfohlen. Schon bei ihrem ersten Treffen habe Ansari gemerkt, dass Usman Anees kein gewöhnlicher Lehrer war.
Usmans Geduld und seine Präzision im Unterricht seien ihm sofort aufgefallen, erzählt Rameez Ansari wenige Stunden vor Usman Anees’ Debütkonzert in Dubai auf Einladung von Steinway. Ansari liebt klassische Musik, aber er ist kein Musikmanager. Er habe „600 Datapoints“ mit Usman gesammelt, also 600 Mal mit ihm persönlich interagiert, er könne sich nicht mehr in Usman täuschen, erklärt Ansari in bestechender IT-Logik. Er selbst ist in Pakistan und Nordamerika auf die besten Schulen gegangen, in Stanford habe er die härteste Business School mit den besten Professoren der Welt besucht, aber einem besseren Lehrer als Usman sei er nie zuvor begegnet.
Da mag viel Überschwang eines Förderers dabei sein, der sich am Talent seines Schützlings berauscht, den er ins Schaufenster stellt, und doch lohnt der genaue Blick auf einen Künstler, der von sich selbst behauptet, dass sein konzertreifes Repertoire von Beethoven bis Rachmaninow über 40 Stunden umfasse, und der als Komponist fast 200 Werke geschrieben hat, von Klaviersonaten bis hin zu Orchesterwerken, die es alle noch zu entdecken gilt.
Auf der Bühne im House of Pianos wirkt Usman Anees für einen Debütanten ungewöhnlich präsent. Er spielt alles ohne Noten, die meiste Zeit die geschlossenen Augen Richtung Decke gerichtet, so, als könne er dort die Noten ablesen. Die Stücke moderiert er so kundig an, dass man ihn dann auch spielen hören will. Beethovens „Appassionata“ sei für ihn eine „challenge of speed and stamina“, sagt er, und seine Phrasierungen im dritten Satz wenig später sind so obsessiv und virtuos, dass das Kribbeln im Publikum spürbar wird. Ohne Beethoven, ohne Chopin wäre Usman Anees nie bei der klassischen Musik gelandet in einem Land mit Sufi-Mystik, Sitarklängen und östlicher Raga-Harmonik.
Aufwachsen mit Klassik-Platten aus Russland
Frühstück mit einem Pianisten, der kein Spätentwickler ist, sondern womöglich nur späte Anerkennung erfährt. Es ist der Tag des Konzerts, und Usman Anees erzählt von seinen Anfängen, die auf viel Zufall beruhten, und vom Fehlen einer gezielten Förderung. Im Alter von sieben Jahren hat er mit dem Klavier angefangen, ermuntert und anfangs unterrichtet vom eigenen Vater. Ijaz war Elektroingenieur, nebenbei hat er Klaviere und Keyboards repariert. Als der Vater in den 1970-ern von einer Ausbildung aus der Sowjetunion zurückkehrte, hatte er Bücher und Langspielplatten im Gepäck, die den Sound in Usmans Elternhauses für immer verändern sollten. Erst entdeckte der Vater die klassische Musik und brachte sich selbst das Klavierspielen bei. Nach Usmans Geburt zeigte er es dem Sohn.
Als Kind begann Usman, in den Platten zu kramen, die sein Vater aus dem heutigen Russland mitgebracht hatte. Beethovens „Mondscheinsonate“, gespielt von Emil Gilels, und Chopins „Scherzo“ von Mikhail Pletnev oder die Klavierfantasie in d-moll von Mozart, das erste Werk, das Usman selbst spielen konnte. Für Anees müssen die Platten ein Erweckungserlebnis gewesen sein. Stundenlang, oft einen ganzen Tag lang, hörte er Pletnev zu, tauchte ein in sein Spiel und versuchte, es zu entschlüsseln. Dynamik, Phrasierung, Rubato, Usman absorbierte alles, was er hörte, so lange, bis er es selbst spielen konnte.
Drei klassische Pianisten in Pakistan, zwei sind seine Brüder
Die ersten vier Jahre unterrichtete ihn sein Vater, übte mit Usman jede einzelne Note, Handhaltung, Akzentuierung, sechs bis sieben Stunden am Tag. Als der Vater ihm nichts mehr beibringen konnte, zog er sich zurück, er wollte nicht, dass sein Sohn seine Individualität verlor, so hat er es Usman erklärt. Fortan ist er ganz Autodidakt. „Einen professionellen Lehrer habe ich nie gehabt“, sagt Usman in Dubai, „aber von Anfang an wollte ich ein professioneller Pianist werden, auch wenn das in Europa viel einfacher gegangen wäre.“ Heute gibt es in Pakistan genau drei klassische Pianisten, neben ihm selbst sind das Asad, 36, und Ehsen, 42 – seine beiden Brüder.
Sein erstes Konzert spielte Usman mit zwölf Jahren in einem Luxushotel in Karatschi vor ausländischen Geschäftsleuten, danach folgten Auftritte in Konsulaten, beim Goethe-Institut oder dem Institut français in Karatschi, Islamabad oder Lahore. 2008 lud ihn die pakistanische Botschaft für ein Konzert nach Berlin ein, stolz wollte man in Deutschland einen Pianisten präsentieren, der eben nicht pakistanische Folklore darbot, sondern Bach und Beethoven. Im ausgewählten Publikum Diplomaten, Professoren und Politiker, keine Künstleragenten, die sein Talent nachhaltig hätten beurteilen und befördern können. Vier Jahre später nahm er an einem Kompositionsstudium am Trinity College in London teil, obwohl er keinerlei akademische Zulassung dafür hatte. Er schickte kurzerhand einige seiner Kompositionen ein und bekam ein Stipendium. Beim internationalen Kammermusikfestival in Singapur wurden zwei Jahre hintereinander seine Kompositionen ausgewählt und auf großer Bühne uraufgeführt.
Das Klavierspielen und das Komponieren hänge bei ihm eng zusammen, erzählt Usman. Er improvisiere viel, das führe fast zwangsläufig zu neuen Ideen für eigene Werke. Die Form sei dabei immer die klassische Musik, die er mit Texturen, Rhythmik, Klangfarben, Stimmungen seiner Heimat anfülle. So wie in „Time“, einem Stück das er mit einem professionell produzierten Video auf YouTube gestellt hat und das einen guten Eindruck von dem komponierenden Pianisten Usman Anees gibt. Genau wie sein Konzert an diesem Abend im House of Pianos in Dubai, das an der Schnittstelle von Ost und West offenbar nicht mehr nur Influencern und Investoren eine Bühne gibt, sondern auch eine Startrampe für Künstler sein kann.
Als Zugabe hat sich Usman an diesem Abend eine charmante Überraschung einfallen lassen. Er fragt wahllos ein französisches Pärchen nach ihren Vornamen, und wie sich herausstellt, haben sie gerade erst geheiratet. Spontan improvisiert Usman auf den Noten in ihren Namen – A, E, H, b – ein musikalisches Akronym, das sich minutenlang zu einer eigenständigen Komposition entwickelt. Die Besucher sind berührt. Wie weit ihn seine musikalische Ausdruckskraft noch tragen kann? Im April vergangenen Jahres besuchten Usman Anees und Rameez Ansari ein Klavierkonzert in der Dubai-Oper von Mikhail Pletnev, dem Mann, dessen Spiel Usman so intensiv studiert hat wie kein Zweiter. Und irgendwann im Laufe des Abends beugte sich der Pianist zu seinem Manager hinüber und flüsterte ihm mit einem Fingerzeig Richtung Bühne zu: „Wie wäre das eigentlich, wenn ich da vorne sitzen würde?“
