Als Adam und Eva plötzlich erkannten, dass sie nackt waren, eilten sie zum Feigenbaum und bedeckten ihre Blöße mit Blättern; eine neue Bleibe suchen mussten sie sich trotzdem. Um in der fremden weiten Welt zu bestehen, ging Adam auch modisch neue Wege, schlüpfte in das Bärenfell, den Blaumann, den Business-Anzug und die Baggy Pants. Auch Eva probierte verschiedene Looks, doch da in ihr schon die weibliche Verunsicherung ob ihres Äußeren angelegt war, wandte sie sich ratsuchend an ihren Gefährten. „Probier noch mal das Erste“, sagte er, „darin hast du mir eigentlich am besten gefallen.“ – „Das kleine Schwarze?“, fragte Eva. „Nein“, antwortete Adam. „Das Feigenblatt.“
Männer schauen sich gern nackte oder leicht bekleidete Frauen an. Das war schon immer so und ist grundsätzlich nicht verkehrt, sondern für den Fortbestand unserer Spezies von Vorteil. Wenn wir aber diskutieren über Sexismus und Missbrauch und die Frauenverachtung mancher Männer, dann muss man ein drastisches Ungleichgewicht benennen: Nacktheit ist in unserer Gesellschaft noch immer vor allem weiblich.
Auch daran wäre im Prinzip nicht alles falsch, begriffe man Nacktheit schlicht als Zustand der Natürlichkeit und der Freiheit, nicht nur von Textilien, sondern von Konventionen; dazu aber bedürfte es eines Höchstmaßes an Naivität. Kaum etwas scheint stärker gesellschaftlicher Kontrolle unterworfen als der weibliche Körper. Jung, schlank und normschön hat er zu sein, so wie er den meisten Männern – und den meisten Frauen – gefällt. Und wie man ihn folglich überall findet: in der Werbung, in den Medien und vor allem im Netz.
Die Frau verkauft, der Mann kauft
Der Begriff „nackt“ in der Google-Bildersuche liefert auf einen schnellen Blick zu 80 Prozent Fotos von Frauen, bei „sexy“ wächst der Wert auf gefühlte 98 Prozent; das Trefferverhältnis bei weniger unschuldigen Suchbegriffen darf, wer mag, selbst recherchieren. Sex sells, wie man weiß, aber in einer Weise, welche die gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse widerspiegelt: Die Frau verkauft, der Mann kauft. Wie dies das Frauenbild schon vorpubertärer Jungs prägt, kann man sich ausmalen.
In früheren Epochen dagegen war der öffentlich nackte Körper meist männlich. Die griechischen Olympia-Athleten kämpften textilfrei, die christlichen Kirchen sind voll mit freizügig gestalteten Putten und Märtyrern. Das alles war, von bedeutenden Ausnahmen abgesehen (Michelangelo!), nicht unbedingt sexuell konnotiert.
Anders sah es von Anfang an bei der Darstellung nackter Frauen aus. In der Aktmalerei war die Rollenverteilung lange zementiert: Maler und Model, Betrachter und Betrachtete. Das Atelier angezogen zu betreten und ihrerseits einen nackten Menschen zu malen, war Studentinnen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts verwehrt, sie galten als moralisch nicht gefestigt genug.
Der Besuch jedwedes Museums für klassische Kunst zeigt, wie sich das ausgewirkt hat: Das Übermaß an nackten Frauen- gegenüber nackten Männerkörpern dürfte sich nicht wesentlich unterscheiden von demjenigen in den Auslagen der Läden auf der Reeperbahn, auch wenn die Sexualität dort fraglos aggressiver präsentiert wird.
Natürlich ist es den Frauen mithilfe verbündeter Männer über die Jahre gelungen, gewisse sexistische Phänomene zurückzudrängen. Die Lust der „Stern“-Redaktion, jede noch so fernliegende Titelstory mit mindestens halb nackten Frauenkörpern zu illustrieren („Risiko Röntgen“, „Abnehmen beginnt im Kopf“, sogar „Vorsorge und Früherkennung“), hat sichtbar nachgelassen. Und auch die „Bild“-Zeitung schaffte 2012 das barbusige Pin-up-Girl ihrer Seite eins, im Redaktionsjargon „Mieze“ genannt, nach fast 30 Jahren ab – nicht ohne sich selbst für diesen feministischen Schritt zu feiern. „Wie kann er das Mädchen der Träume verbannen“, klagte der „Bild“-Briefeschreiber Franz Josef Wagner damals öffentlich über seinen Chefredakteur.
Die „Bild“ berichtet über Sydney Sweeney im „Date-Night-Korsett“
Zu zeigen gibt es für die „Bild“-Zeitung auch so noch genug. Zum Beispiel Sydney Sweeney. Sweeney ist Schauspielerin und taucht in jüngster Zeit alle paar Tage mit offenherzigen Fotos bei „Bild“ auf: „Sydney Sweeney will’s wieder wissen: Mit Traum-Dekolleté zur Premiere“ steht dann daneben oder „Sydney Sweeney im goldenen Nackt-Look“. Vor Kurzem hat Sweeney ihre eigene Dessousmarke lanciert, da besteht für „Bild“ natürlich Berichterstatterpflicht. „Sydney Sweeney vervierfacht ihr Vermögen“, staunt das Blatt und erweckt trotzdem nicht den Eindruck, ihm sei viel an der Würdigung einer erfolgreichen Unternehmerin gelegen. Auf dem Foto zum Text trägt Sweeney ihr „Date-Night-Korsett“, hat die Augen weit aufgerissen und lutscht an zwei ihrer behandschuhten Finger.

Spätestens hier wird es natürlich hoch kompliziert, denn wer würde – vor allem als Mann – einer 28 Jahre jungen Frau die Freude an ihrem Körper und ihr Geschäftsmodell vorhalten wollen, zumal wenn sie damit ihr Vermögen auf angeblich 40 Millionen Dollar vermehrt hat? Sweeneys Lingerie hat ihr Ruhm und viel Geld beschert und damit Macht. Sie bedient die Gesetze des Marktes so wie andere berühmte und schöne Frauen auch.
Das Spiel mit der Verführung ist uralt, schon Marilyn Monroe hat bei der Inszenierung ihrer Reize willig mitgespielt und ist zum größten Sexsymbol aller Zeiten geworden; glücklich geworden ist sie mit ihrem Image allerdings nicht. Selbstermächtigung soll das Signal sein, mancher Empfänger jedoch sieht einfach nur: Sex. Die Verführerin wird dann zur vermeintlich Verfügbaren. Dass Leni Klum auf den Plakaten ihrer Dessouskampagne immer so traurig wirkt, muss aber irgendeinen anderen Grund haben.
Nun haben auch Männer in Unterwäsche posiert, Sweeneys Kollege Jeremy Allen White etwa oder, das prominenteste Beispiel, der Fußballspieler David Beckham. Unser Blick mag durch kulturelle Prägung verzerrt sein, doch wo eine Frau in Dessous oft verletzlich scheint, strahlen diese sixpackbewehrten Männer Stärke aus: Die traditionelle Geschlechterhierarchie bringen auch Boxershorts nicht ins Wanken.
„Wir teilen Menschen eigentlich nicht in Teile ein – außer wenn es um Frauen geht“
Überhaupt steht unsere Wahrnehmung der Gleichberechtigung ziemlich im Wege. Eine Studie der University of Nebraska-Lincoln offenbarte 2012 unterschiedliche Perspektiven auf Frauen und Männer: Wurden Männer auf Fotos besser wiedererkannt, wenn sie in Gänze zu sehen waren, erinnerten sich die Teilnehmenden an Frauen besser, wenn man ihnen einzelne Körperpartien zeigte. „Wir teilen Menschen eigentlich nicht in Teile ein – außer wenn es um Frauen geht, und das ist wirklich bemerkenswert“, konstatierte die Studienleiterin, die Psychologin Sarah Gervais. Besonders ernüchternd: Ebenjener objektifizierende Blick auf Frauen fand sich auch bei den befragten Frauen.
Und auch das könnte ein Grund dafür sein, dass von Männern viel weniger sexualisierte Bilder kursieren als von Frauen: Die Frauen sind gar nicht so wild darauf. „Männer reagieren auf das, was sie sehen. Ein nackter Frauenkörper ist – jedenfalls für einen heterosexuellen Mann – so gut wie immer anziehend“, hat der Sexualforscher Ulrich Clement gesagt. „Ein nackter Männerkörper für eine Frau noch lange nicht! Ob sie diesen erregend findet, hängt davon ab, was dieser Mann sagt, wie er schaut, was er macht.“
Noch prägnanter hat es einmal Elisabeth Raether in der „Zeit“ formuliert: „Ein Penis wird, etwas überspitzt gesagt, für eine Frau erst nach einem persönlichen Kennenlernen interessant.“ Eine bittere Wahrheit für alle Typen, die – was auch immer sie sich davon erhoffen – wildfremde Adressatinnen mit dick pics behelligen.
Nun ist es nicht allein das primäre männliche Geschlechtsorgan, mit welchem sich, streng objektiv betrachtet, schwerlich ein Schönheitspreis gewinnen ließe; auch der gesamte Manneskörper hält ästhetischen Ansprüchen nicht durchgehend stand. Der scheinbar naturgegebene Drang des britischen Mannes, sich im volltrunkenen Zustand seiner Kleider zu entledigen, hat den Ruhm des Empire gewiss nicht gemehrt. Und wenn Lars Eidinger auf der Bühne einen seiner vielen Nacktauftritte hinlegt, dürften die meisten Zuschauerinnen in ihm kein Sexobjekt sehen, sondern einen großen, leicht irren Schauspieler, der mal wieder über die Grenze geht.
Männliche Nacktheit ist im Kino schon länger enttabuisiert
Im Kino ist männliche Nacktheit schon länger enttabuisiert, dient statt erotischen Zwecken aber häufiger der Erheiterung, so in den „Eis am Stiel“- oder „American Pie“-Reihen. Und als wir einst die Sängerin Shirin David fragten, ob sie, nachdem der Kollege Fler frech über ihren booty gerappt hatte, nicht im Gegenzug den seinen besingen müsste, zeigte sie kein Interesse – Frauen schließlich hätten aus ihrer Sicht den „viel ästhetischeren Körper“.
Wenn selbst die Frauen das so sehen, dann schiene sogar das Bestreben, wenigstens für ausgleichende Ungerechtigkeit zu sorgen und Männerkörper ebenso zu sexualisieren wie die von Frauen, aussichtslos. Also werden sich weiterhin junge Frauen am Strand in String-Bikinis mehr aus- als angezogen präsentieren, während junge Männer in Badeshorts schlüpfen, die an lange Unterhosen erinnern. Und Berichte über exotische Zeitvertreibe wie Nacktfahrradtouren weiter verlässlich mit der einzigen Frau bebildert werden, die sich inmitten Dutzender männlicher Nacktradler finden ließ. Eine Rolle bei alldem dürfte auch das Unbehagen spielen, das nicht wenige Männer beim Anblick männlicher Nacktheit verspüren – geplagt von der Sorge, eine womöglich in ihnen schlummernde Homosexualität zu erwecken.
In prüdere Zeiten freilich möchte niemand zurück. Es kann auch kein Ziel sein, die unbekleidete Frau – bei der nun mal mehr Körperteile erotisch aufgeladen sind und von Tugendwächtern als anstößig empfunden werden als bei Männern – aus der Öffentlichkeit zu verbannen. „Nacktheit ist ein Zustand des Seins, es ist keine Show für jemand anderen. Es sind nur wir und unsere Körper. Wir sollten keine Angst haben, uns nackt zu zeigen“, hat vor bald drei Jahren die Moderatorin Lola Weippert auf Instagram geschrieben und dazu im Wasser mit durchnässtem und durchsichtigem Oberhemd posiert.
Ein ehrenwerter Ansatz, der im Kontext von Weipperts Insta-Allerlei aus Wellness, Aktivismus und Unterwäschewerbung nicht ideal platziert wirkte; ausgerechnet von Oliver Pocher, der sich nicht entblödete, aus seiner gescheiterten Ehe eine Bühnenshow zu machen, musste sich Weippert wiederholt vorwerfen lassen, ihren Körper verkaufsfördernd einzusetzen. Dass sie, wie praktisch alle jungen Frauen in der digitalen Öffentlichkeit, laufend sexistisch geschmäht und bedroht wird, hat sie unlängst wieder mitgeteilt.
Am Ende helfen, so öde das klingen mag, wohl nur Aufklärung und Erziehung weiter. Inszenierte nackte Haut über normschönen Körpern will stimulieren und verführen, zum Beispiel zum Kauf von Dessous, und dass diese Körper meist weiblich sind, liegt in unserer kulturellen Prägung begründet, in tradierten Geschlechterrollen und der simpler gestrickten, auf Schlüsselreize gepolten männlichen Sexualität. Nichts, aber auch gar nichts ist damit gesagt über die Bedürfnisse echter Frauen oder – eine absurde Vorstellung – die Überlegenheit und die höheren Rechte des männlichen Geschlechts.
Zu einer gewissen Entspannung könnte es führen, setzte man all den sexualisierten Körpern solche in selbstbestimmter, natürlicher Nacktheit entgegen: männliche und weibliche, dicke und dünne, trainierte und schlaffe, im Internet, in der Kunst, in den Medien und wohldosiert auch im öffentlichen Raum. Solange dies aber nicht einherginge mit einem Bewusstseinswandel, der Sexualität und Sexismus sauber zu trennen weiß, wäre alles letztlich nur: ein Feigenblatt.
