DDR-Fotografien in Potsdam: Es war einmal ein Land

Die DDR, heißt es heute vielerorts, war besser als ihr Ruf. Sie bot ­Sicherheit, Schutz, Arbeitsplätze, feste Strukturen, verlässliche ­Lebensläufe. Manches davon ist wahr, zumal vor dem Hintergrund der heutigen Krisen. Aber das Gesamtbild ist falsch, denn es blendet die Schattenseite der DDR-Realität aus. Der Preis der Sicherheit war die Unfreiheit, der des Schutzes die Überwachung. Die Ar­beitsplätze waren unrentabel, die Strukturen veraltet, die Lebensläufe aussichtslos. Das System fuhr auf Verschleiß. Um das zu erkennen, muss man keine Geschichtsbücher wälzen. Es genügt, sich einige der Fotografien anzuschauen, die im späten Arbeiter-und-Bauern-Staat entstanden.

Viele der DDR-Fotos wurden damals nicht publiziert

Etwa die Bilder, die Christiane Eisler 1982 von „schwer erziehbaren“ Mädchen im Jugendwerkhof Crimmitschau bei Zwickau gemacht hat. Sie schuften in der Spinnerei. Sie rauchen lustlos im Gemeinschaftsraum. Sie stehen in der Strafecke. Oder die Fotos von Merit Schambach und Tina Bara, auf denen junge Frauen mit trotzigen Gesichtern, selbst geschneiderten Kleidern, schreienden Mündern und herausfordernden Blicken zu sehen sind, in Ost-Berlin und anderswo. Oder die Aufnahmen Ludwig Rauchs vom Arbeitsalltag der Brigade „Karl Marx“ im VEB Elektrokohle in Berlin-Lichtenberg: die altersschwachen Anlagen, die unzureichende Schutzkleidung, die Wolken aus Kohlenstaub, die sich auf Haut, Stoff und Atemwege legen. Rauch hatte einen offiziellen Auftrag, aber seine Fotos wurden nie publiziert, sowenig wie die Bilder, die Tina Bara 1988 von den Missständen im Buna-Werk in Schkopau und der Umweltzerstörung rings um die Raffinerie machte. Das Regime der Lüge hielt dicht.

Jugend im Hinterhof: Marie, Ostberlin, Prenzlauer Berg, 1988
Jugend im Hinterhof: Marie, Ostberlin, Prenzlauer Berg, 1988Merit Schambach

„Das Weite suchen“ heißt die Ausstellung im Brandenburg Museum in Potsdam, in der die Bilderserien von Rauch, Eisler, Bara und Schambach mit Aufnahmen von Ute Mahler, Barbara Wolff, Jürgen Matschie und fünf weiteren Fotografen zusammentreffen. Die Idee der Schau besteht darin, die Wirklichkeit kurz vor dem Mauerfall mit den Verhältnissen der ersten Nachwendejahre zu konfrontieren, möglichst im Blick desselben Künstlers. Das bedeutet beispielsweise, dass Christiane Eislers Fotografien aus Crimmitschau neben ihren Aufnahmen von Arbeiterinnen stehen, deren Betriebe 1990/91 vor der Abwicklung stehen, in Leipzig, Delitzsch, Zwickau und Weißenfels. Oder dass sich Peter Oehlmanns trostlose „Graulandbilder“ aus Honeckers bröckelndem Reich in der Serie „Bruchzeit“ spiegeln, mit der er wenig später die verwirrende Mischung aus Aufbruch und Abbruch im wiedervereinigten Deutschland einzufangen versucht.

Ute Mahler wiederum hat ein Jahr vor der Maueröffnung die um sich greifenden „Erotik-Shows“ in den Groß- und Kleinstädten der DDR mit dokumentiert. Zwei Jahre später reist sie noch einmal durch Ostdeutschland und beobachtet dasselbe Phänomen, nur in verwandelter Gestalt: Inzwischen hat die Lust am Pornographischen auf die Alltagssphäre übergegriffen, eine Wohnung ist zum Sexshop, eine Gaststätte zum Pornokino geworden. Entblößung überall.

Vor der Abwicklung: Arbeiterin im Sachsenring-Werk in Zwickau, 1991
Vor der Abwicklung: Arbeiterin im Sachsenring-Werk in Zwickau, 1991Christiane Eisler/transit

Ein Grundmotiv der späten DDR-Fotografie ist die Lethargie, die sich überall breitmacht. Man spürt sie fast körperlich auf Joachim Richaus Impressionen aus dem brandenburgischen Dorf ­Beerfelde: ein Kind, das auf der Dorfstraße einen Handstand macht; eine Frau an der Kartoffelsortiermaschine; zwei Bäuerinnen vor einer Scheune; ein Bauer mit seinem Traktor; das LPG-Personal bei der Frühstückspause. Ganz ähnliche Bilder hat Barbara Wolff in Sechzehneichen bei Königs Wusterhausen gefunden: ein „Konsum“-Geschäft mit leerem Schaufenster, eine Landstraße ohne Autos, ein spärlich besuchtes Dorffest und zuletzt das „Ausreisegepäck“, so der Titel des Fotos, einer Familie zwischen den aufgestapelten Möbeln ihrer Wohnung. Die Dörfer, die Städte, das ganze Land wirkt wie zurückgelassen, es wartet auf eine Zukunft, die einfach nicht kommen will.

Und danach? Die Mauer fällt, die Wirtschaft bricht ein, Betriebe werden abgewickelt, Ausländer attackiert, in Rostock-Lichtenhagen wird das Sonnenblumenhaus belagert, in dem vietnamesische Vertragsarbeiter wohnen, in Eberswalde stirbt der Angolaner Amadeu Antonio an den Stiefeltritten von Neonazis. Christian Fenger, Ute Mahler und Ludwig Rauch haben diese „Baseballschlägerjahre“ und ihre Opfer fotografiert. In der Zusammenschau mit der erschöpften, staubigen und erstickenden Idylle der späten Honeckerjahre wirkt die Gewalt, deren Spuren sie mit der Kamera festhalten, noch schockierender, sie bringt zum Vorschein, was unter der Oberfläche des sozialistischen Musterländchens schlief. Vier Jahrzehnte später ist dieses Land für viele wieder zum Inbegriff einer heilen Vergangenheit geworden. Deshalb sind Ausstellungen wie die im Brandenburg Museum so wichtig: Sie zeigen, wie es damals wirklich ausgesehen hat.

„Das Weite suchen. Fotografien der späten DDR und frühen 1990er-Jahre“. Brandenburg Museum für Zukunft, Gegenwart und Geschichte, bis 22. März. Kein Katalog.