Dax: Ein seltsamer Rekord | FAZ

Schlaue Leute sind es inzwischen gewöhnt, dass die Aktienkurse sich anders benehmen, als man denkt. Dann erklärt man die Aktionäre manchmal für zynisch, manchmal für ein bisschen irrational – und manchmal behalten die Aktienmärkte auch Recht. Aber was dieses Mal geschieht, das ist trotzdem nicht leicht zu erklären.

Da geht es vielen deutschen Firmen schon schlecht, der deutschen Gesamtwirtschaft sowieso. Seit Monaten herrscht Unsicherheit, ob Künstliche Intelligenz überbewertet ist und bald eine Blase platzt. Ja, Donald Trumps Zölle haben der Weltwirtschaft weniger geschadet, als anfangs befürchtet worden war. Doch: Gerade erst hat die ehemalige Vizechefin des Internationalen Währungsfonds, Gita Gopinath, vor zu viel Optimismus gewarnt. Die Zölle würden eher langfristig schaden.

Und dann kam die vergangene Woche. In Berlin führte ein großer Stromausfall aller Welt vor Augen, dass Deutschlands Infrastruktur viel zu leicht sabotierbar ist. In Caracas ließ Amerikas Präsident Donald Trump den Machthaber von Venezuela festnehmen und nach Amerika bringen. Plötzlich wuchs die Angst vor einem Streit um Grönland und davor, dass sich China zu einem Einmarsch in Taiwan ermutigt fühlen könnte: Da sorgt man sich um zwei Ereignisse, die nicht nur rechtlich und menschlich ein Problem wären, sondern selbst für zynischste Börsianer zum Problem würden. Denn dann wäre erst mal eine Menge an Lieferketten unterbrochen. Dazu kämen mögliche Embargos oder zusätzliche Zölle, die ebenfalls kräftig auf Unternehmensgewinne und Aktienrenditen drücken würden. Überall wuchs also die Unruhe. Außer an der Börse.

Blenden die Aktionäre schlicht alle Risiken aus?

Der Dax übersprang zum ersten Mal in seiner Geschichte die 25.000 Punkte. Nach einem starken vergangenen Frühling und einem kurzen Zoll-Schreck hatte der Dax sich seit Mai praktisch nur noch zur Seite bewegt, um jetzt relativ plötzlich wieder nach oben aufzubrechen – ein entsprechender ETF ist heute fast 25 Prozent mehr wert als vor einem Jahr.

Nicht nur der Dax stieg so hoch wie nie zuvor. Auch der europäische Aktienindex Euro-Stoxx 50 erreichte einen Rekord, und in den USA trugen KI-Aktien den Index ebenfalls auf einen neuen Höchststand (zumindest, wenn man die Kurse in Dollar betrachtet). Was ist da los: Blenden die Aktionäre schlicht alle Risiken aus? Lassen sie sich gegenseitig von Kurseuphorie anstecken – kommen sie womöglich aus dem selbstverstärkenden Kursanstieg gar nicht mehr heraus? Oder haben sie einen guten Grund für ihren Optimismus, den der Rest der Welt so nicht auf dem Schirm hat? Da ist dringend eine Nachfrage ­nötig.

Fangen wir mit dem Einfachen an. Erstens: Deutsche Aktienkurse spiegeln nicht nur das Schicksal der deutschen Wirtschaft wider. Die Unternehmen im Dax machen laut einer Analyse der Deutschen Bank nur ein Fünftel ihres Umsatzes in Deutschland, der Rest verteilt sich fast gleichmäßig auf Europa, die Asien-Pazifik-Region und Nordamerika – jede einzelne dieser Regionen macht mehr aus als die Konjunktur in Deutschland.

Es ist längst nicht nur die KI

Zweitens: Schon lange treibt nicht nur die Künstliche Intelligenz die Kurse. In den vergangenen sechs Monaten hat Deutschlands wertvollster IT-Konzern, SAP, sogar rund ein Fünftel seines Wertes verloren. Die großen Gewinner der jüngeren Zeit waren Bayer, das sanierte Siemens Energy, RWE und die Deutsche Bank. Banken profitieren derzeit davon, dass die Zinsen für kurzfristige Einlagen tief sind, während die für längerfristige Kredite gewachsen sind, erläutert Kapitalmarktstratege Thomas Lehr von der Fondsgesellschaft Flossbach von Storch – darum steigen ihre Gewinne.

Ähnlich sieht es aus, wenn man auf die ganzen Branchen guckt: Da waren in Gesamteuropa im vergangenen halben Jahr die Versorger vorne, die Banken und der Gesundheitssektor. Technologieaktien haben kaum noch an Kurs gewonnen. Die KI-Blase wird also zumindest nicht in Europa aufgepustet.

Es gibt noch ein paar Dinge, die ganz praktisch den Kurs stabilisieren. Da ist die wachsende Zahl von ETF-Anlegern, die dem Rat der Wissenschaft folgen und ohne großes Ansehen der Mark­t­lage ihren Sparplan weiterlaufen lassen. Sie glauben nicht daran, dass sie selbst gut vorhersagen können, wie die Kurse sich entwickeln – und wer der menschlichen Angst folgt, der verpasst oft die besten Börsentage.

Europa ist in Mode gekommen

Immerhin richtet sich die Börse nicht nur nach echten Wirtschaftsdaten, deren Prognosen sowieso immer daneben liegen können, sondern auch nach dem komplizierten Stimmungsspiel der Anleger. Also ziehen sich viele Anleger darauf zurück, gar keine Prognosen mehr zu machen und einfach jeden Monat einen ge­wissen Sparbeitrag einzuzahlen. Auch das treibt die Kurse jenseits aller ­Stimmung.

Anfang des Jahres, also jetzt, bekommen sowieso viele Fondsmanager Geld zum Anlegen, wie Kapitalmarktstratege Lehr betont. Lehr sieht den aktuellen Rekord sogar noch als Folge eines grundsätzlichen Wandels in der Welt der Anleger, der schon ein Jahr alt ist: Europa ist in Mode gekommen. Auch viele amerikanische Anleger investieren ihr Geld hier – immer noch.

Jedes Jahr komme zu Beginn der Optimismus, bisher allerdings seien die Gewinne nicht mitgewachsen. „Wenn Sie sich heute vor ein professionelles Publikum stellen und fragen: Wie viel sind die Kurse vergangenes Jahr gestiegen? 23, 24 Prozent, das kriegt noch jeder hin. Wie viel waren es im Jahr davor? Da sagt der Profi zu Recht: Das war auch kein schlechtes Jahr. Und dann fragen Sie: Wie stark sind denn die Gewinne gestiegen? Da kriegen Sie alle möglichen Antworten.“ Tatsächlich sind die Gewinne der deutschen Unternehmen in Summe kaum gestiegen, jedenfalls längst nicht so weit wie die Aktienkurse.

„Alle Autohersteller zusammen kein Top-Fünf-Wert mehr im Dax“

Wenn einmal Optimismus herrsche, sagt Lehr, dann würden an der Börse auch zweischneidige Nachrichten eher positiv gewertet.

Hat nicht die Entführung in Venezuela den Ölpreis erst mal ein bisschen gesenkt? Das hat sie, und die folgende Grönland-Debatte hat die Kurse von Rüstungsunternehmen in die Höhe getrieben, wie der Finanzdienst Bloomberg bemerkt – wohl in der Erwartung, dass Europa seine militärische Eigenständigkeit jetzt noch wichtiger nimmt.

Die Rüstungsunternehmen sind für die Indizes inzwischen viel wichtiger als die gerupften Autohersteller. Die sind noch so wenig wert, dass auch ihr Gewicht im Dax gering geworden ist: „Alle Autohersteller zusammen wären heute kein Top-Fünf-Wert mehr im Dax“, sagt Philipp Schweneke, der sich bei der Fondsgesellschaft DWS mit europäischen Aktien beschäftigt. Und wenn Deutschland seine Infrastruktur noch weiter stärken würde, dann würden auch davon einige Unternehmen profitieren.

Die Stimmung dreht sich

Kurz gesagt: Manches von der Bedrohung, die Deutschland gerade spürt, kann eben doch die Gewinne der Firmen steigern – „weil gerade die deutsche Regierung den Spielraum hat, gegenzusteuern“, glaubt Aktienfachmann Schweneke.

Am Freitag hat sich die EU auch endlich auf das Freihandelsabkommen mit der lateinamerikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur geeinigt. Fürs aktuelle Jahr wird in Deutschland zwar kein Rekordwachstum erwartet, sondern eher ein laues Bisschen. Aber das scheint schon den Optimismus der Aktionäre zu befeuern.

DWS-Fondsmanager Schweneke guckt zum Beispiel darauf, wie viele Aufträge deutsche Unternehmen bekommen und wie viel die deutsche Industrie produziert. Da haben sich in den letzten Monaten des vergangenen Jahres die Trends zu drehen begonnen. „Die Stimmung ist dank der Aufhebung der Schuldenbremse gut“, sagt Schweneke. Das Geld komme offenbar allmählich an. Deutschland mache zwar an den Gewinnzahlen der Unternehmen nicht viel aus, aber: „Die Stimmung spielt eine enorme Rolle.“

Und diese Stimmung an den Märkten, da sind sich Schweneke und Lehr einig, die ist gerade eben gut. Nicht überschäumend. „Euphorie sieht anders aus“, sagt Schweneke. „Die Zölle und die Risiken, die sehen wir natürlich alle auch.“ Aber richtig schlecht ist die Stimmung eben auch nicht.

Und wenn man das so anguckt, dann passt die Börsenstimmung vielleicht doch wieder zur Realität – nur eben auf Umwegen. Katastrophenszenarien sind zum Glück unsicher. Relativ sicher ist: Die vergangenen Tage haben es wahrscheinlicher gemacht, dass Europa ­weniger Geld für das Schöne ausgibt und dafür mehr Geld für das Not­wendige. Das ist nicht so gut für den Spaß am Leben. Aber niemand würde erwarten, dass so etwas den Aktienkursen schadet.