

Es hätte ein Preisverleihungsmarathon werden sollen, am Donnerstag auf dem Leipziger Buchmessegelände. Zu Beginn des Nachmittags wurde der Alfred-Kerr-Preis an Dietmar Dath, Feuilletonredakteur der F.A.Z., übergeben für dessen Literaturkritiken, und am Ausklang des Messetags sollten eigentlich 115 Buchhandlungen (oder genauer gesagt 118, aber drei wurden ja bekanntlich gestrichen) geehrt werden, doch diese Preisverleihung hatte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer abgesagt (wie seinen ganzen für heute geplanten Messerundgang).
Dazwischen lag eine weitere Preisverleihung, die wichtigste und spannendste, denn welche drei Bücher die Preise der Leipziger Buchmesse gewinnen werden, war bis zur Verleihung unbekannt. Und dieser Jury (unter deren sieben Mitgliedern auch der F.A.Z.-Redakteur Tilman Spreckelsen ist) redet niemand in ihre Entscheidungen hinein.
Keine andere literarische Auszeichnung des Bücherfrühlings hat hierzulande eine vergleichbare Wirkung. Und die Auswahl der jeweils fünf nominierten Titel in den Sparten Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzungen kann sich sehen lassen. So sehr, dass es diesmal keine klaren Favoriten gab. Entsprechend interessant ist die Zeremonie, die um 16 Uhr in der Glashalle der Buchmesse begann, wie so häufig kräftig aufgeheizt – nicht nur der Stimmung wegen, sondern auch durch den strahlenden Sonnenschein.
Auch hier bekommt Wolfram Weimer sein Fett weg
Natürlich kam man auch hier um Weimer nicht herum, obwohl seine Absage der Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises immerhin eine Terminkollision für manche Anwesenden beseitigt hat – deren Beginn war auf 17 Uhr im Kongresszentrum der Messe angesetzt gewesen, also unmittelbar im Anschluss an die Preisverleihung in der Glashalle, und das beim bereits am Donnerstag rekordverdächtigen Trubel auf dem Messegelände. Aber dafür dankte Weimer niemand. Stattdessen bekam er in der letzten Dankesrede sein Fett weg. Aber davon auch hier zuletzt.
Für Übersetzer ist der Preis der Leipziger Buchmesse wohl diejenige Auszeichnung, die ihnen und den von ihnen übertragenen Büchern die meiste Aufmerksamkeit generiert. Diesmal waren ausgewählt der von Ulrich Faure aus dem Niederländischen übersetzte Roman „Das Lied von Storch und Dromedar“ von Anjet Daanje, Tina Fleckens Übertragung von Auður Ava Ólafsdóttirs „Eden“ aus dem Isländischen, der von Manfred Gmeiner aus dem Spanischen ins Deutsche gebrachte Band „Unten leben“ von Gustavo Faverón Patriau, Timea Tankós Übersetzung von András Viskys „Die Aussiedlung“ aus dem Ungarischen und Petra Zickmanns Verdeutschung des katalanischen Romans „Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis“ von Irene Solà.
Die drei Preisträger der Leipziger Buchmesse
Ausgewählt wird mit „Unten leben“ (erschienen bei Droschl) dasjenige Buch, das die surrealistischsten Züge trägt, angesiedelt in den dunkelsten Tiefen der lateinamerikanischen Geschichte, für die Manfred Gmeiner Worte fand, die deren Stimmungen auch (und gerade) im Deutschen treffen.
Bei den Sachbüchern sind vertreten Marie-Janine Calics „Balkan-Odyssee 1933–1941 – Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“, Ines Geipels „Landschaft ohne Zeugen – Buchenwald und der Riss der Erinnerung“, Jan Jekals „Paranoia in Hollywood – Wie die USA exilierte Künstler erst retteten und dann verfolgten, 1941–1953“ und Manfred Pfisters „Englische Renaissance“ als vier „klassische“ Bücher und dann als fünfter Titel noch ein Comic: „Schamaninnen“, Ulli Lusts zweiter Band ihres kulturanthropologischen Zyklus „Die Frau als Mensch“, dessen erster bereits den Deutschen Sachbuchpreis gewonnen hat.
Aber diesmal geht Lust leer aus, denn die Auszeichnung in Leipzig bekommt Marie-Janine Calics bei C. H. Beck herausgekommenes Buch zugesprochen. Es erzählt Migrationsgeschichten, die fast hundert Jahre alt sind, aber Fragen der Gegenwart berühren, die sich seitdem nicht verändert haben.
Die Bekanntgabe des Siegers unter den fünf konkurrierenden Romanen (Helene Bukowskis „Wer möchte nicht im Leben bleiben“, Norbert Gstreins „Im ersten Licht“, Anja Kampmanns „Die Wut ist ein heller Stern“, Katerina Poladjans „Goldstrand“ und Elli Unruhs „Fische im Trüben“) steht traditionell am Ende, und gewonnen hat eine von gleich drei in Leipzig Nominierten (Kampmann, Poldajan und Unruh), deren Titel im Herbst beim Deutschen Buchpreis in Frankfurt, der meistbeachteten Literaturauszeichnung beim Publikum, noch leer ausgegangen, ja damals nicht einmal auf die Longlist gekommen waren: Katerina Poladjan.
Und sie ist es auch, die sich zur Weimer-Affäre äußert, mit der Autorität einer in der Sowjetunion geborenen Frau, die noch erlebt hat, was staatliche Gängelung des Lebens bedeutet, ehe sie im Alter von sieben Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland kam. „Ein staatliches Handeln“, sagt Poladjan in ihrer Dankesrede, „das sich auf nicht bekannte geheimdienstliche Erkenntnisse beruft, muss bei mir eine Erinnerung hervorrufen.“ Es ist nicht nur Poladjans Roman „Goldstrand“, der heute ganz besonders glänzt, es ist auch dessen Autorin.
