Das Ruhrgebiet jenseits der Klischees: Fotos von Brigitte Kraemer

Die Fotografie hat das Ruhrgebiet von Anfang an begleitet, auch seinen langen Abschied von der schweren Industrie. Aus der Funktion entlassen, sind die baulichen Zeugnisse von Kohle und Stahl frei geworden für neue Blicke, ihre ästhetischen Qualitäten traten hervor, Zweckbauten wurden Denkmale. Bernd und Hilla Becker gaben den Anstoß: Ihre „anonymen Skulpturen“ erklärten die Architektur zum Hauptdarsteller. Menschen kamen auf ihren Aufnahmen nicht oder nur am Rande vor.

Bei Brigitte Kraemer ist das anders. Seit ihrem Studium an der Folkwangschule, das sie 1982 mit der – im Jahr darauf als Buch erschienenen – Diplomarbeit „Frauen im Frauenhaus“ abschloss, erzählt sie Geschichten aus dem Ruhrgebiet; wenige haben es so beharrlich mit der Kamera durchforscht wie sie. Geboren 1954 in Hamm, wohnt sie in Herne, eine teilnehmende Beobachterin, die mit den Menschen im Gespräch ist und als Fotografin unsichtbar bleibt. Ihre Bilder stellen sich nicht in den Dienst von Botschaften und Betroffenheiten, auch beim Auftun verborgener Wirklichkeiten und sozialer Nischen haben sie etwas Selbstverständliches. Es ist, wie es ist: „Wie man lebt – wo man lebt“. Der Band, der zur Ausstellung im Ruhr Museum in Essen (bis 31. August) erschienen ist, destilliert ihr Lebenswerk.

„Wie man lebt - wo man lebt“
„Wie man lebt – wo man lebt“Klartext Verlag

Der besondere Augenblick und die Kraft der Komposition finden zusammen. Vertreter der jüdischen Gemeinde, die zur Einweihung der Synagoge Thorarollen durch die Bochumer Innenstadt tragen, hinduistische Pilger, die im Datteln-Hamm-Kanal, der symbolisch zum Ganges wird, unter einer Autobahnbrücke rituelle Waschungen vornehmen, Geistliche und Knappen auf einer Flurprozession der Pfarrei St. Antonius in Essen, Neujahrsfest in einem buddhistischen Tempel in Dortmund, Gebet während des Ramadans in Gelsenkirchen, eine spirituelle Zusammenkunft von Sikhs in Moers, Taufzeremonie einer Freikirche in der Ruhr: Fotos von Glaubensgemeinschaften stehen am Anfang und vermitteln, was der ungeordnete Ballungsraum Ruhrgebiet auch ist: eine Einwanderungsgesellschaft, heterogen, offen und im Wandel, erfahren darin, zu improvisieren und sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren.

Bei der Arbeit: Josef Betori, Inhaber eines Eiscafés, Essen-Werden 1986
Bei der Arbeit: Josef Betori, Inhaber eines Eiscafés, Essen-Werden 1986Brigitte Kraemer

Der Band ist thematisch gegliedert, die nächsten Kapitel („Flucht“ und „Migration“) variieren die Vielfalt: Eine Türkin schlägt Schafswolle auf einer Wiese in Bochum, die alten Frauen unter den Spätaussiedlern aus der So­wjetunion im Durchgangslager Unna-Massen tragen andere Kopftücher, eine Syrerin im langen, schwarzen Gebetskleid hütet lachend das Tor auf einem Sportplatz in Mülheim-Styrum, auf der Hochzeit eines jesidischen Paares prunken die Damen mit Abendroben und Lockenpracht, selbstbewusst in ihrer kulturellen Identität. Boulevards gibt es im Ruhrgebiet keine, aber den Rhein-Herne-Kanal: Naherholungsgebiet, Sportanlage, Bühne. Brigitte Kraemer identifiziert ihn als Lebensader.

Voller Durchblick: Bude in der Nähe der Zeche Pluto, Herne-Röhlinghausen 2006
Voller Durchblick: Bude in der Nähe der Zeche Pluto, Herne-Röhlinghausen 2006Brigitte Kraemer

Langzeitstudien öffnen den Zugang zu an den Rand geschobenen Wirklichkeiten, in Frauenhäuser und in ein Frauengefängnis, Exkurse führen nach Bayern oder in die Türkei. Die Kinder aus Krisengebieten, die verletzt und traumatisiert im Internationalen Friedensdorf Oberhausen Aufnahme finden, werden nicht „nur“ als Opfer gesehen: Der beinamputierte Junge aus Angola jagt auf Krücken dem Ball hinterher, der Halbwüchsige aus Afghanistan, der beide Hände verloren hat, hält den Tischtennisschläger mit den Armstümpfen. Das Verhältnis „Freizeit und Alltag“ hat viele Facetten: Camping, auch wild unter der Mintarder Brücke, Kirmes, Kleingärten, Kaffeefahrten, Trinkhallen, Imbissbuden, Eiscafés, Einkaufen. Komik läuft immer mit – und im Kapitel „Männer und Autos“ zur Hochform auf.

Und wo bleibt die Arbeit, der hier lange alles untergeordnet war? Die Maloche ist dem Ruhrgebiet abhandengekommen, der Alltag ist bunter geworden. Aber es gibt auch noch die, die von ihr nicht lassen können: wie der Senior, der mit nacktem Oberkörper seinem Wohnwagen aufs Dach gestiegen ist, um es, Kohlenstaub bedeckt es schon lange nicht mehr, zu schrubben. Muss doch sauber sein. Wie das aussieht!

Brigitte Kraemer erkundet das Ruhrgebiet hinter den Industriekulissen, jenseits der Klischees von Fußball, Brieftauben und Currywurst. Ihre Ge­sellschaftsbilder sind visuelle Sozio­logie. Schon 2022 hat das Ruhr Museum ihr Archiv erworben, das mit knapp vierhunderttausend Bildern, so Heinrich Theodor Grütter, der scheidende Direktor, der „bedeutendste Ankauf einer Fotosammlung für unser Museum“ ist.

Heinrich T. Grütter und Stefanie Grebe (Hrsg.): „Wie man lebt – wo man lebt“. Dokumentar­fotografien von Brigitte Kraemer. Klartext Verlag, Essen 2025. 256 S., Abb., geb., 29,95 €.