Das neue Mandarin Oriental in Wien

Menschen im Hotel: Das sind heute meist Menschen in ihren Hotelzimmern. Anders als zu Zeiten von Vicky Baum, die ihren berühmten Roman Ende der Zwanzigerjahre über flanierende Figuren im Foyer eines Berliner Luxushotels schreiben konnte, würde heute eine Recherche über Menschen in Hotelfoyers nicht viel interessanten Stoff bringen. Denn in den Wartebereichen vieler Hotels tut man eben nur das: warten. Die meisten Foyers und Rezeptionen laden nicht zum Verweilen und Aufschauen, sondern eher zum Durchqueren ein.

Die Rezeption des in Wien eröffneten Mandarin Oriental Hotels unterscheidet sich davon auf wohltuende Weise. Das hat zunächst etwas mit ihrer Dimension zu tun, mit einer menschenfreundlichen Überschaubarkeit, die diese Räume prägt. Es sind Räume, die lange Zeit ganz anders genutzt wurden. In dem Jugendstilgebäude im Ersten Bezirk war bis 2003 das Wiener Handelsgericht ansässig. Hier fanden die großen Finanzdramen der österreichischen Wirtschaftsgeschichte statt. Regelmäßig wurden hier in dem Gebäude Konkurse und Insolvenzverfahren verhandelt. Nach dem Auszug des Handelsgerichts stand das Gebäude viele Jahre leer und wurde als Filmkulisse unter anderem für Verhörszenen des österreichischen „Tatorts“ genutzt, bis 2020 die Mandarin Oriental Gruppe den Umbau des denkmalgeschützten, 1904 nach Plänen des Architekten Alfred Keller errichteten Gebäudes in ein luxuriöses Boutiquehotel ankündigte.

Ein Restaurant mit nur sieben Tischen

Fünf Jahre und 100 Millionen Euro später betritt der Gast in einer ruhigen Nebenstraße wenige Schritte vom Wiener Ring entfernt ein Haus, das seine rechtsprechende Vergangenheit ganz hinter sich gelassen zu haben scheint. Nur eine blinde Justitia-Büste im Treppenaufgang erinnert noch an die frühere Bestimmung des Gebäudes. Ansonsten sind es die gerecht wirkenden Dimensionen der Räume und Säle, die das ehemalige Innenleben des Hauses bezeugen. Im Lichthof, der ursprünglich als zentraler Wartebereich des Gerichts diente, ist heute unter einer großzügigen Glasdachkuppel der Speisesaal untergebracht.

Blick in einen Deluxe Room
Blick in einen Deluxe RoomJack Hardy

Dort, wo früher Angeklagte um ihr Schicksal bangten, sitzen heute Menschen, die sich um ihr Geld eher keine Sorgen machen müssen. Sie sitzen im diskreten Abstand voneinander und bekommen Austern mit einer Mandarin-Sauce und Bananencurry mit Kürbiskernen serviert. Küchenchef Thomas Seifried hat sich in der Schnitzelstadt Wien dafür entschieden, vornehmlich exquisite Fischgerichte auf seine Karte zu setzen, um einen kulinarischen Kontrapunkt zur klassischen Kaffeehauskultur zu markieren. Neben der Brasserie „Atelier 7“ hat er auch ein Fine-Dining-Restaurant mit nur sieben Tischen eröffnet, in dem man seine Kochkünste in noch intimeren Kreis ausprobieren kann.

Den Vicky-Baum-Blick schweifen lassen

In der gegenüberliegenden Ecke befindet sich die Hotelbar, in der man japanisch konnotierte Cocktails bestellen und sich in die tiefen Samtsesseln fallen lassen kann. Von hier aus kann man tatsächlich noch einmal den Vicky-Baum-Blick schweifen lassen, kann die gegen ihr Alter ankämpfenden alten Freundinnen beobachten, wie sie sich zwischen den Gängen stolz ihre erreichte Schrittzahl des Tages zeigen, sieht die reichen Jungfamilien, wie sie von der Digitalkraft kolonialisiert zusammen am Tisch sitzen und jeder für sich auf seinen Bildschirm starrt, beobachtet den jugendlich wirkenden Oberkellner, wie er mit sorgfältiger Gelassenheit an die Tische tritt, den Blick seiner Gäste sanft suchend, ihre Bestellungen leise aufnehmend, mit einem leicht verträumten Ausdruck, als würde er noch über das eben Gesagte nachsinnen – das sind schon ein paar Figuren, die man hier im Speisesaal des Wiener Hotels zu sehen bekommt.

Über die könnte man durchaus eine Geschichte schreiben, die von den auffällig vielen russischsprachigen Gästen hier im Haus handelte und von den warmen kleinen Handtüchern, die einem zur Begrüßung an der Rezeption gereicht werden. Von den schwarz-weißen Fliesen, die das Schwarz-Weiß-Denken der Gerichtsbarkeit zitieren sollen. Von den marmornen Badewannen oben in den Zimmern, in denen man liegt und sich vorstellt, es käme gleich ein kleiner Wagen mit Canapés hereingerollt.

Stilvoll ist natürlich auch das Spa.
Stilvoll ist natürlich auch das Spa.Jack Hardy

Eine Geschichte, in der es auch um die automatische Schiebetür ginge, unten im stilvollen Spa-Bereich, wo man Ganzkörpermassagen und Gesichtsmasken bekommt, aber dabei eben immer auch an diese milchgläserne Schiebetür denken muss, die sich so wundersam geräuschlos öffnet und schließt. Und an die virtuellen Tageslichtfenster vorne im Fitnessstudio, die auf den ersten Blick so wirken, als fiele durch sie gleißendes Sonnenlicht, die in Wahrheit aber aus unzähligen Nanopartikeln bestehen, die das Licht einer LED-Lampe exakt so brechen, wie es die Erdatmosphäre mit dem Sonnenlicht tut. Es wäre eine Geschichte über Menschen im Hotel, die sich morgens nicht an einem überfüllten Frühstücksbuffet gegenseitig auf die Füße treten, sondern immer wieder Gläser mit gekühltem Grapefruitsaft bringen lassen.

Wie sich bescheidene Schönheit vom Protz unterscheidet

Es wäre eine Geschichte über die alten Fenster oben in den Suiten, die sich zwar nicht richtig öffnen, aber dafür per Knopfdruck mit einem hereinfahrenden Samtvorhang verdunkeln lassen. Es wäre eine Geschichte über die Frage, wie sich bescheidene Schönheit vom Protz unterscheidet und eine Antwort zum Beispiel in den kleinen Klettverschlüssen findet, mit denen das Housekeeping die lose herumliegenden Aufladekabel fixiert. Nur eine kleine stilvolle Geste, leicht zu übersehen, und doch drückt sich in ihr das ganze Ethos dieses Hauses aus: nicht grell und pompös wirken, sondern ruhig und gelassen, konzentriert auf den Ausdruck eines still-schönen Stils.

Nicht von ungefähr ist der Fächer das Markenzeichen der Mandarin Oriental Hotels – in jedem ihrer Häuser wird zur Eröffnung ein individuell gestalteter Fächer nahe der Rezeption ausgestellt. Hier in Wien hat der Künstler Peter Jellitsch ein Exemplar geschaffen, das auf jegliche figurativen Darstellungen verzichtet. Die Anmutung des Fächers ist geprägt von jener reflektierten Eleganz, die einem auch beim Gang durch das Haus begegnet.

Es ist eine Eleganz, die etwas mit der Umverteilung von Atmosphäre zu tun hat, mit den aufgeregten Schritten von früher, die noch nachhallen, ohne dass dadurch die anspruchsvolle Modernität von heute gestört würde. Diese Eleganz, die sich darin erfüllt, dass Menschen hier nicht schnellstmöglich zu ihren Zimmern wollen, sondern unten im Saal unter dem Glasdach sitzend von einem verlängerten Aufenthalt träumen. Und von diesem Kellner mit seinem sanften Blick.

Informationen unter: https://www.mandarinoriental.com/en/vienna/inner-city?src=loc.local-listings.movie.ggl.