Das erwartet sie am Sternenhimmel im April

Im April verfrüht sich der Sonnenaufgang um eine Stunde; ihr Untergang verspätet sich um weitere 14 Minuten. Zieht man außerdem die Morgen- und Abenddämmerung ab, verkürzt sich die dunkle Nacht im Monatslauf von mehr als sieben auf weniger als fünf Stunden. Der Frühling ist da! Das zeigt auch der Blick auf den abendlichen Sternhimmel: Auf unserer Karte dominieren die Frühlingssternbilder Löwe, Jungfrau und Bärenhüter (Bootes). Ursa Major, die Große Bärin mitsamt ihrem auffälligen Großen Wagen, steht im Zenit, also über unseren Köpfen.

Beim Blick nach Westen fallen noch einige der hellen Wintersterne ins Auge: Kapella im Fuhrmann nähert sich langsam dem Nordwesthorizont. Beteigeuze im Orion verschwindet kurz vor Mitternacht, Prokyon im Kleinen Hund wenig später. Am längsten halten sich die Zwillinge Kastor und Pollux – in diesem Jahr mit dem alles überstrahlenden Jupiter in ihrer Nähe. Nicht auf der Karte zu sehen ist die helle Venus: Sie strahlt als Abendplanet im Sternbild Stier, geht aber schon vor 22 Uhr unter. Dennoch lohnt sich nach Sonnenuntergang ein Blick: In den letzten beiden Aprilwochen wandert unsere Nachbarin zwischen den beiden Sternhaufen der Plejaden und den lockeren Hyaden mit dem hellen Stern Aldebaran hindurch.

Am 22. April begegnet sie Jupiter

Diese Himmelsregion ist als das Goldene Tor der Ekliptik bekannt, denn die Ekliptik, die scheinbare Sonnenbahn, verläuft genau hindurch. Deshalb müssen alle Planeten und der Mond bei ihrem Lauf über den Sternhimmel durch dieses Tor. Blicken Sie besonders am 19. April eine Stunde nach Sonnenuntergang nach Westen: Neben der Venus macht auch die Mondsichel dem Tor seine Aufwartung – sie steht gleich über den eng zusammengekauerten Sternen der Plejaden.

Folgt man der dicker werdenden Mondsichel an den folgenden Abenden, dann kann man sich zu einer Reihe weiterer interessanter Himmelsobjekte leiten lassen. Am 22. April begegnet sie Jupiter. Kurz nach Mitternacht, wenn beide Objekte nur noch knapp über dem Westhorizont stehen, erreichen sie ihren geringsten Abstand von etwas mehr als zwei Grad – das entspricht etwa der Breite eines Fingers an der ausgestreckten Hand. Am 23. und 24. April passiert der Mond das unscheinbare Frühlingssternbild Krebs – die einzige Konstellation des Himmels, deren hellste Sterne lichtschwächer sind als das hellste Deep-Sky-Objekt in ihrer Mitte.

Etwa in der Mitte des von den auf der Karte verzeichneten Sternen aufgespannten Dreiecks kann man unter sehr dunklem Himmel ein mattes Lichtwölkchen sehen, das im Fernglas in Dutzende weit verstreute Sternchen zerfällt. Diese Sternchen leuchten zusammengenommen heller als jeder einzelne der hellen Sterne des Krebses – doch ihr Licht verteilt sich über eine Fläche von mehr als einem Grad am Himmel. Unter aufgehelltem Stadthimmel ist das Licht der Krippe – so der Name des Sternhaufens – daher nicht wahrnehmbar.

Die Rede ist von den April-Lyriden

„Krippe“ ist übrigens die eingedeutschte Version des über Jahrtausende verwendeten Begriffs „Praesepe“ – die kreuz und quer verstreuten Sterne erinnern an das Stroh in einer Futterkrippe. Im 19. Jahrhundert führte der englische Astronom John Herschel den Namen „Beehive“ ein – Bienenhaufen. Dieser Name ist in den vergangenen Jahrzehnten aus dem englischen Sprachraum auch bei uns eingesickert, sodass jüngere Astronomen den Sternhaufen im Krebs meist nur unter dem Namen kennen. Auch die Bezeichnung des interessantesten Sternschnuppenstroms des Monats kann verwirrend sein.

Die Rede ist von den April-Lyriden, oft einfach Lyriden genannt. Der Name deutet darauf hin, dass die Meteore mit dem Sternbild Leier (lateinisch Lyra) zusammenhängen. Meteorströme werden nach dem Sternbild benannt, aus dem ihre Sternschnuppen zu kommen scheinen. Wer aber am 22. April – gegen 22 Uhr erreichen die Lyriden ihr Maximum – genau hinschaut, stellt fest, dass der Ausstrahlpunkt im benachbarten Herkules liegt. Zwar wurden die Lyriden seit jeher mit der Leier und ihrem hellen Leitstern Wega assoziiert, doch als 1930 die Internationale Astronomische Union den Himmel in fest definierte Sternbildgrenzen einzäunte, fiel der Radiant der Lyriden dem Herkules zu. Beim Namen aber blieb es, wohl aus Gewohnheit.

Den Lyriden wird das herzlich egal sein. Denn ob Leier, Herkules, Krippe oder Bienenhaufen – all diese Bezeichnungen sind schließlich nur Erfindungen und Einbildungen, ausgedacht von einigen wenigen nachtaktiven Exemplaren einer seltsamen Spezies sprechender Affen, die sehr vorübergehend einen winzigen Felsenplaneten im Orionarm der Milchstraße bewohnt.

Was immer diese Spezies denkt und tut – im großen Spiel des Kosmos ist es unbedeutend. Bis zu 20 Lyriden, die eigentlich von einem Kometen stammen, der bei uns C/1861 G1 (Thatcher) genannt wird, wovon dieser aber auch nichts weiß, können unter günstigen Umständen am 22. April am Himmel aufblitzen. Jede einzelne Sternschnuppe markiert das Ende eines winzigen, Milliarden Jahre alten kosmischen Staubkorns, das in der Erdatmosphäre verglüht.

Sonne: 1. April, Sonnenaufgang 7.02 Uhr; Sonnenuntergang 19.57 Uhr; 30. April, Sonnenaufgang 6.03 Uhr, Sonnenuntergang 20.43 Uhr.

Mond: 2. April, 4.12 Uhr: Vollmond; 10. April, 6.52 Uhr: letztes Viertel; 17. April, 13.52 Uhr: Neumond; 24. April, 4.32 Uhr: erstes Viertel.