Mit jedem „Zisch“ verschwinden die Gesichter der Fahrer mehr hinter weißem Dampf. Seit 27 Jahren ist die Ostra-Bahn nicht mehr auf Schienen gefahren. Die kleine Lokomotive stand in Museen, auch einmal in einer Bücherei, bis sie Ralph Reppingen, 58 Jahre, gerettet hat. Sie sei ein „sanfter Riese“, sagt er. Riesig wirkt beim Anblick der blau-rot glänzenden Lokomotive dabei allerdings vor allem ihr Besitzer selbst, reicht die Bahn ihm doch kaum bis zu den Knien. Dieser Tage hat der Dampfbahnclub Rhein-Main die Fahrsaison seiner Gartenbahn eröffnet. Für die kleinen Loks haben die Vereinsmitglieder eine große Leidenschaft.
Die Lokomotive namens Ostra-Bahn war 150 Stunden lang bei Reppingen in der Reparatur, in der „Hauptuntersuchung“, wie er sagt. Er wurde schon als Kind „dampfinfiziert“. Seit mehr als 50 Jahren sei er mit dem Hobby verwachsen. Infiziert wurde er von einem der Großen der Szene, dem Namensgeber der Bahn, die er heute fährt – seinem Großvater: Otto Straznicky (1922–2017), auch „Ostra“ genannt. Jahrzehntelang tourte dieser mit seinen Gartenbahnen durch Europa, transportierte und faszinierte eine Viertelmillion Kinder bei mehr als 800 Veranstaltungen.
Reppingen, der als Berufskraftfahrer arbeitet, hat das Wissen und vor allem die Faszination seines Großvaters übernommen und alles „von der Pike auf“ gelernt. „Man muss mit der Maschine eins werden. Man muss ihr zuhören, man muss sie auch mal streicheln“, sagt er und tätschelt dabei die Bahn. Auf den Tag, an dem die 51 Jahre alte Ostra-Bahn zum ersten Mal seit so langer Zeit fährt, habe er sich gefreut. Aber eigentlich freue er sich ohnehin auf jeden Fahrtag.
Ein Lernprozess, der nie endet
Auf dem Grundstück des Klubs in Ginsheim-Gustavsburg sind etwa 600 Meter Schienen verlegt. Es gibt einen Bahnhof, einen Schalter für die Weichenstellung, ein Stellwerk und einen Kiosk, in dem Besucher Kaffee, Kuchen, Bier, Bock- und Rindswurst kaufen können. Ein Euro kostet ein Ticket für die Fahrt mit der elektrisch betriebenen Gartenbahn, die bis zu zehn Kinder und Erwachsene hinter sich herziehen kann.
Wenn die Kinder nicht auf einem der kleinen Wagen sitzen, laufen sie neben dem Zug her, lachen, winken, rufen: „Hallo, Baaahn!“ Auf einer hochgestellten Gleisanlage dürfen sie auch ihre eigenen Modelleisenbahnen fahren. So werde die Saat für das Hobby schon früh gelegt, sagt Ingmar Planz, 61 Jahre, Kassierer im Vorstand des Klubs. „Ich glaube fest daran, dass ein Kind, das mit drei, vier Jahren mit der Lok fährt, sich noch mit 50 Jahren daran erinnert.“ Er selbst mache Modellbau, seit er denken könne. Im Verein sei er seit zehn Jahren, „also noch nicht so lange“. Er besitze fünf eigene Lokomotiven. Seine größte ist lindgrün und wiegt 250 Kilogramm. Er habe sie gebraucht gekauft – für 10.000 Euro.
Es sei ein teures Hobby. Eltern könnten Jugendlichen den Fußballverein ermöglichen. Aber eine Dampfbahn für Tausende? Der Verein biete die Möglichkeit, das Fahren mit einer Gartenbahn zu erleben, ohne gleich eine eigene kaufen zu müssen.

Wenn Planz nicht auf den Schienen fährt, dann ist er täglich bis zu drei Stunden in seiner Werkstatt und schraubt, schweißt, lötet und schleift. Als Fluglotse im Vorruhestand habe er alle Zeit der Welt. Die technischen Kenntnisse, um auch eigene Bahnen zu bauen, sammelte er über die Jahre, vor allem durch den Austausch mit Mitgliedern des Vereins. Es sei ein Lernprozess, der nie aufhören wird. „Das ist ja das Schöne!“
Das Wissen, das sich die Eisenbahnfreunde in Jahrzehnten angeeignet haben, geben sie gerne weiter. Dabei wird es aber wahlweise „kompliziert“, „sehr technisch“, „kleinteilig“, „nicht trivial“ oder „detailreich“. Planz startet einen Versuch. Es sei – „vereinfacht gesagt!“ – wie mit einem Kochtopf, in dem man Wasser koche. Durch den Wasserdampf, der sich bildet, entstehe Druck, der dann die Kolben in Bewegung setze. Bis zu einer Stunde dauert es, bis genug Dampf und damit Druck entsteht und sich die Lok in Bewegung setzen kann.
Nachwuchs für die Schiene
Das „Andampfen“, wie der Start in die Fahrsaison auch genannt wird, ist dabei ein Tag, an dem Bahnen und Bahner sich im Fahrbetrieb zurechtruckeln. „Wo fährst du denn hin?“, ruft einer über den halben Platz. „Auf Gleis zwooo!“ – „Ne, vier! Gleis zwei ist doch gar nicht vorbereitet!“ Den Kindern allerdings ist egal, ob sie auf Gleis zwei oder vier in die Bahn einsteigen – oder vielmehr auf sie draufsteigen.

„Heute krabbeln alle aus ihren Löchern“, sagt Marina Watrin, 62 Jahre alt. Sie und ihr Mann Claus, 67 Jahre alt, sind seit 20 Jahren Mitglieder des Klubs. Es fühle sich für sie an wie eine große Familie. Ob es in der Familie Nachwuchsprobleme gebe? Claus Watrin schüttelt den Kopf. „Das ist die Antwort“, sagt er und deutet auf die Schienen. Dort schaufelt ein Junge mit Sommersprossen, 14 Jahre alt, Kohle in eine kleine schwarze Lokomotive. Das sei eine „Tigerli“, ein Schweizer Modell. Mit acht Monaten habe er das Bahnfahren entdeckt, zumindest habe er damals zum ersten Mal auf einem der Züge gesessen. Seit er fünf Jahre alt ist, fährt er selbst. Zunächst auf elektrisch betriebenen Bahnen, seit zwei Jahren auch mit einer Dampflok. Sechs bis acht Stunden könne er schon einmal an einem Tag fahren.
„Wenn Kinder hierherkommen, um Eisenbahn zu spielen, dann müssen wir sie spielen lassen“, sagt Claus Watrin mit Blick auf Felix. Nur so könnten die Vereinsmitglieder die Leidenschaft weitergeben. 381 Fahrtickets hat der Dampfbahnclub beim Andampfen am vergangenen Sonntag verkauft. Den ganzen Tag sind die Bahner mit den Kindern in Kreisen getuckert, haben gezischt, getutet – und so vielleicht den einen oder anderen einer neuen Generation „dampfinfiziert“.
Fahrtage von März bis Oktober immer am letzten Sonntag im Monat. Am 25. Oktober endet die Fahrsaison mit dem „Abdampfen“. Adresse: Auf der Mainspitze 21, 65462 Ginsheim-Gustavsburg
