Es war viel Gold im Spiel an diesem Abend für Mathias Gidsel. Ein goldener Ball für den wertvollsten Spieler des Turniers, ein golden bedrucktes Meistertrikot, die große goldene Schale für den Sieger des Turniers und schließlich der goldene Konfettiregen für den neuen Handball-Europameister. Und im Mittelpunkt: der Welthandballer. Natürlich war Gidsel mit 68 Toren in neun Spielen auch bester Torschütze der kontinentalen Titelkämpfe, Gidsel hat die Dänen damit zum letzten noch fehlenden Titel seiner Generation geführt.
Unwirklich anmutende 14 Jahre musste das kleine Königreich auf diesen Triumph bei der EM warten, der aufgrund der enormen Dichte an Weltklasseteams schwerer zu gewinnen ist als der Welttitel, den Dänemark viermal in Serie geholt hat. Nun haben die Dänen hintereinander die Weltmeisterschaft, die Olympischen Spiele und auch die Europameisterschaft gewonnen, mehr Dominanz geht nicht. Das ist vor ihnen nur der großen Generation der Franzosen um Nikola Karabatic gelungen.

:Der beste Handballer der Welt
Mathias Gidsel, der Mann mit den schmächtigen Schultern, wirft Dänemark zum Weltmeistertitel. Doch trotz der enormen Erwartung ist es Gidsel wichtig, dass das Handballfeld sein Spielplatz bleibt.
Zweitbester Torschütze des EM-Turniers war im Simon Pytlick, der 64 Treffer zum Titelgewinn beisteuerte, womit auch die überragenden Akteure genannt wären. Bis auf die Portugiesen in der Vorrunde hat es keine Mannschaft geschafft, dieses Duo zu bremsen, das sich so kongenial ergänzt: auf der linken Rückraumseite der Rechtshänder Pytlick, rechts der Linkshänder Gidsel, ergänzt durch Routinier Rasmus Lauge in der Mitte.
Natürlich ist die ganze Mannschaft der Dänen ein Ensemble an Weltklassespielern, der wohl weltbeste Torwart Emil Nielsen oder der Kreisläufer Magnus Saugstrup seien beispielhaft genannt. Das dänische Spiel ist von einer bemerkenswert attraktiven Einfachheit geprägt: In einer aggressiven Abwehr werden Ballgewinne provoziert oder schlechte Würfe, die Nielsen sofort in Tempogegenstöße umsetzt. Das Tempospiel der Dänen ist das beste aller Topteams, wie ein roter Tsunami rollt der Angriff über die Gegner hinweg. In Minuten können die Dänen eine ganze Partie entscheiden.
„Es ist unmöglich, Gidsel aus dem Spiel zu nehmen“, sagt Deutschlands Torwart Andreas Wolff
Gidsel und Pytlick stechen aus dieser Gruppe Extrakönner nochmals heraus. Niemand lässt den Ball im Rückraum mit einer derart atemberaubenden Geschwindigkeit zirkulieren, nah an der Abwehr, bis sich eine Lücke findet. Dabei strahlen beide eine immense Torgefahr aus, im Eins-gegen-eins-Spiel sind sie kaum zu halten, können aber auch aus dem Rückraum abschließen und haben das Auge für den Kreisspieler. „Es ist unmöglich, Gidsel aus dem Spiel zu nehmen“, hat Deutschlands Torhüter Andreas Wolff gesagt. Und wenn es doch mal gelingt, „dann haben sie da noch Pytlick“.
Das Perfide an deren Spiel ist, dass jeder genau weiß, was kommt, es aber keiner verhindern kann. Trainer Nikolaj Jacobsen fördert diesen rasanten Spielstil und hat in Gidsel den idealen Taktgeber. Der 26 Jahre alte Welthandballer bestimmt im Spiel seines Teams das Tempo und den Rhythmus. Ohne ihn verliert das Spiel der Dänen augenblicklich an Durchschlagskraft. Deshalb führt der eher schmächtige, 1,90 Meter große Athlet auch in einer weiteren Kategorie des Turniers: Kein Spieler hat so lange auf dem Parkett gestanden. Ganze acht Stunden und 20 Minuten hat Gidsel Dänemarks Auftritte beschleunigt. Was besonders angesichts seiner extrem kraftraubenden Spielweise umso erstaunlicher ist. Der Deutsche Lukas Zerbe kommt auf vergleichsweise bescheidene 6,39 Stunden.
Gidsel geht in jedem Angriff mit Höchstgeschwindigkeit und ohne Rücksicht auf seine Gesundheit auf die gegnerische Deckung, was gegen Abwehrbrocken wie Tom Kiesler ein zweifelhaftes Vergnügen ist. Dabei kommen ihm seine blitzschnellen Körpertäuschungen zugute, wie auch der deutsche Abwehrspieler im Finale erkennen musste: Kiesler kam einen Schritt zu spät, erwischte Gidsel am Hals und musste mit der roten Karte vom Feld.
Da stand er dann, der Goldjunge der Dänen, und gab geduldig Interviews. Mit goldenem Konfetti am Körper, roten Striemen am Hals und Kratzern im Gesicht, Erinnerungen an die gegnerischen Versuche, ihn aufzuhalten. Er sei das gewohnt, sagte Mathias Gidsel, es werden von Spiel zu Spiel mehr. Einen Schönheitspreis werde er daher nicht gewinnen. Aber an Preisen mangelt es ihm ja nicht.
