
Seit Jahren ringt die in Cum-Ex-Transaktionen verwickelte Privatbank M.M. Warburg um ihre Zukunft. Nun ist die Entscheidung erneut vertagt. Interne Dokumente könnten die Ausgangslage noch einmal entscheidend verändern.
In ein paar Tagen wird Olaf Scholz (SPD) Bundeskanzler gewesen sein, ein unangenehmes Thema ist er aber nicht los. In der aktuellen ZDF-Serie „Die Cum-Ex-Affäre“ geht es auch darum, ob sich Scholz als Erster Bürgermeister Hamburgs zu sehr für die in illegale Aktiendeals verwickelte Privatbank M.M. Warburg eingesetzt hat. Und der Bundestag will klären, ob Spenden an die in der Hansestadt regierende SPD dazu beitrugen, eine Rückforderung der Finanzbehörden an das Institut vorerst nicht einzutreiben.
Die Zuwendungen sind bekannt, insgesamt betragen sie 45.000 Euro. Ob ein solcher Zuschuss in die Parteikasse ausgereicht hat, um sich Erleichterungen in zweistelliger Millionenhöhe zu erkaufen? Viele Fragen sind noch offen.
Das gilt auch für die Zukunft der 1798 gegründeten Traditionsbank. Einst eine hanseatische Institution von untadeligem Ruf, hat der Skandal das Fundament des standesgemäß an der Binnenalster ansässigen Instituts erschüttert. Seit Jahren befindet es sich in einem Endspiel, bei dem sich Wellen von Zuspitzung und Entspannung ablösen. In den vergangenen Tagen brandete die Flut einmal mehr besonders heftig an, nun hat sich die Bank eine Atempause verschafft. Gelöst sind ihre Probleme damit noch nicht, wie bisher unbekannte Interna zeigen.
Die Geschicke von M.M. Warburg lagen über Jahrzehnte in den Händen ihrer Haupteigentümer Christian Olearius und Max Warburg, die um die Bank ein Geflecht von Gesellschaften und Beteiligungen errichteten. Nachdem die Finanzaufsicht BaFin das Institut als Problemfall identifiziert hatte, drängte sie darauf, die Verstrickungen zu lösen. Olearius und Warburg mussten Stimmrechte an Treuhänder abgegeben, Familienmitglieder aus dem Vorstand ausscheiden. Der Prozess erfasste auch Details: So müssen die Eigentümer mittlerweile Gebühren für die von ihnen genutzten Parkplätze entrichten.
Ein Überbleibsel der engen Verflechtung war ein Kredit, den die Bank der ihr übergeordneten Dachgesellschaft – der Warburg Gruppe – eingeräumt hatte. Dieser belief sich auf 60 Millionen Euro, von denen 50 Millionen abgerufen waren. Das Arrangement lief in diesen Tagen aus, die BaFin hatte schon lange signalisiert, dass sie keine Verlängerung wünschte.
Auch deshalb startete die Bank die Suche nach einem Investor, der den Kredit ablösen und Kapital für die notwendige Modernisierung mitbringen sollte. Zum Favoriten erkoren die Warburg-Eigner den Investor Socrates Capital, dessen Offerte sich jedoch als Luftnummer entpuppte.
Begleitet von der Investmentbank Perella Weinberg ging die Suche weiter, mit vier Interessenten verhandelte man konkret: Zu ihnen zählten die Düsseldorfer IKB, die Frankfurter Helaba und der Finanzinvestor Altor.
Hinzu kam eine als „Hamburger Lösung“ bezeichnete Gruppe, hinter der sich ein Frankfurter Rechtsanwalt und ein früherer Vorstand der HSH Nordbank verbergen. Sie wollten hanseatische Unternehmer wie den Milliardär Klaus-Michael Kühne beim Einstieg begleiten, wie konkret die Pläne waren, soll für Insider kaum durchschaubar gewesen sein. Die berufliche Nähe des Anwalts zur BaFin war aber ein wichtiges Argument für Gespräche.
Letztlich geriet der Prozess ins Stocken. Dabei ging es weniger um die aktuelle Verfassung der Bank als um schwer kalkulierbare Altlasten. So hat die Bank zwar alle Rechnungen wegen Cum-Ex beglichen. Unklar ist aber, ob sich aus artverwandten, bisher nicht komplett aufgearbeiteten Cum-Cum-Deals Forderungen ergeben. Bei Warburg stehen Transaktionen mit der britischen Bank Barclays im Fokus, deren Bewertung umstritten ist.
Sonderprüfung durch die BaFin
Daneben spielte ein weiterer, bisher unbekannter Faktor eine Rolle: Die BaFin hatte bei Warburg schon vor längerer Zeit eine Sonderprüfung veranlasst. Mit solchen Verfahren untersucht sie spezielle Sachverhalte und die ordnungsgemäße Geschäftsführung. Bei M.M. Warburg hatte sie mit der Aufgabe das Prüfungs- und Beratungsunternehmen Forvis Mazars betraut.
Dessen Hunderte Seiten umfassende Gutachten trudelten während der Verkaufsverhandlungen ein. Ob der inhaltliche Erkenntnisgewinn in angemessenem Verhältnis zur Länge der Ausführungen steht, ist unter Beteiligten umstritten: Neben detaillierten Überlegungen zu Schiffskrediten soll sich das Gutachten auf Dutzenden Seiten an der Frage abarbeiten, ob die Bank früheren Vorständen Büromöbel zu günstig überlassen hat. Die komplexen Erörterungen sollen die Investoren jedoch ebenfalls verunsichert haben. Ein angemessener Preis war deshalb nicht zu erzielen.
Wegen des auslaufenden Kredits drohte damit nun womöglich die Insolvenz der der Bank übergeordneten Warburg-Gruppe. In aufreibenden Verhandlungen fanden ihre Vertreter – der als Bevollmächtigter der Gesellschafter fungierende frühere Roland-Berger-Chef Burkhard Schwenker und Florian Drinhausen, Partner der Kanzlei Ashurst und zuvor viele Jahre Leiter der Rechtsabteilung der Deutschen Bank – schließlich doch einen Kompromiss: Die Gruppe zahlt 20 Millionen Euro an die Bank zurück, das Geld stammt letztlich aus den Privatvermögen von Olearius und Warburg.
Gleichzeitig wird der Kredit in der verbliebenen Höhe um zwei Jahre verlängert. Mit der BaFin ist die Konstruktion abgesprochen.
Sie bedeutet nicht, dass Olearius und Warburg nun wieder schalten und walten können, wie sie wollen, ihr Einfluss bleibt weiterhin beschränkt. Die gewonnene Zeit will die Bank nutzen, um sich in bessere Form zu bringen. Ein Modernisierungsprogramm ist fertig ausgearbeitet und soll ihren Wert so steigern, dass der Investorenprozess unter besseren Vorzeichen wieder aufgenommen werden kann. Bis dahin hofft man in Hamburg auf Ruhe. Die war schließlich mal der Kern eines auf Diskretion ausgelegten Geschäftsmodells.
Cornelius Welp ist Wirtschaftskorrespondent in Frankfurt. Er schreibt über Banken, Versicherungen und Finanzinvestoren und Unternehmen.