
Im Jahr 1989 kamen zwei Verfilmungen der „Gefährlichen Liebschaften“ von Choderlos de Laclos ins Kino: der gleichnamige Film von Stephen Frears und die Adaption „Valmont“ von Miloš Forman. Beide waren exzellent ausgestattet und besetzt (Glenn Close, John Malkovich und Michelle Pfeiffer bei Frears, Colin Firth, Annette Bening und Meg Tilly bei Forman), beide stammten von erfolgreichen und preisgekrönten Regisseuren. Aber „Valmont“ war ein steifes, penetrant moralisierendes Stück Papierkino, während Frears’ „Liebschaften“ alles hatten, was ein Liebesintrigendrama aus dem französischen Rokoko braucht: Tempo, Esprit, Eleganz und die richtige Dosis herzzerreißender Bosheit.
Hatte Frears für sein Team und sich selbst am Set einen Zaubertrank gebraut? Nein, er hatte nur, anders als Miloš Forman, ein Drehbuch des britischen Dramatikers Christopher Hampton verfilmt, das auf Hamptons eigener Theaterbearbeitung von Laclos’ Roman basierte. Und dieses Skript machte aus dem klassischen Stoff einen Klassiker des Kinos.
Aufgeklärtes Rittertum als Kunst sexueller Ausbeutung
Christopher Hampton hat noch viel mehr geleistet als Theater- und Filmautor, Übersetzer, Librettist und schließlich auch als Regisseur, aber mit den „Gefährlichen Liebschaften“ hat er sich in die Kinogeschichte eingeschrieben, denn sie sind der endgültige Beweis für Hitchcocks Bonmot, dass es bei einem Film erstens, zweitens und drittens nur auf ein gutes Drehbuch ankomme. Wenn John Malkovich als Valmont über die von ihm verführte und geschwängerte Cécile (Uma Thurman) spottet, sie werde nach einer Fehlgeburt bald wieder im Sattel sitzen, dann steckt in dieser Sottise, die im Roman nicht vorkommt, die Quintessenz der Geschichte: aufgeklärtes Rittertum als zynische Kunst sexueller Ausbeutung. Malkovich war genial, aber der Erfinder dieses Satzes war es auch.
Christopher Hampton, als Sohn eines Marineingenieurs auf der Azoreninsel Faial geboren, kam mit dreizehn Jahren auf das Elite-College Lancing in Sussex, wo er sich als Boxer und Schülerkadett hervortat, und schrieb mit achtzehn sein erstes Stück, das auf dortigen Erfahrungen beruhte. Sein zweites, „Total Eclipse“ über die Beziehung von Rimbaud und Verlaine, wurde später erfolglos von Agnieszka Holland verfilmt, sein drittes, „Der Philanthrop“ nach Molière, lief drei Jahre im Londoner West End.
Die Liste seiner Theater- und Musicaladaptionen ist lang und eindrucksvoll, aber die der Filme, für die er die Drehbücher schrieb, noch ruhmreicher: Maximilian Schells „Geschichten aus dem Wienerwald“ nach Ödön von Horváth, „Der Honorarkonsul“ nach Graham Greene, Frears’ „Mary Reilly“ nach Stevenson und „Chéri“ nach Colette, Joe Wrights „Abbitte“ nach Ian McEwan und David Cronenbergs „Eine dunkle Begierde“, um nur eine Auswahl zu nennen. Wenn es im Filmgeschäft einen Autor gibt, der weiß, wie man aus Literatur Kino macht, ist es Hampton.
1995 drehte er seinen ersten eigenen Film. „Carrington“ ist die Chronik der komplizierten Liebesgeschichte zwischen der Malerin Dora Carrington und dem homosexuellen Romancier und Kritiker Lytton Strachey und zugleich eine Liebeserklärung an die Schauspieler, die sie verkörpern, an Emma Thompson und Jonathan Pryce, und an die Landschaft Südenglands, ihre Gärten und Cottages. Eine Ballade in sechs Kapiteln, untermalt von der Musik Michael Nymans. Kein Film für die Ewigkeit, aber einer für die Erinnerung. Heute wird Christopher Hampton achtzig Jahre alt.
