

„Bist du tot?“ Das fragt Chinas derzeit meistverkaufte Handy-App, und der Name ist Programm: Eine simple Benutzeroberfläche verlangt von den Anwendern alle zwei Tage einen Klick auf einen grünen Knopf. Ein Lebenszeichen. Bleibt der Klick aus, verschickt die App eine Mail an eine Kontaktperson, die der Nutzer zuvor angegeben hat.
Was so einfach scheint, hat in der Volksrepublik einen Nerv getroffen. „Endlich interessiert es jemanden, ob ich tot bin oder nicht“, schreibt ein Chinese in den sozialen Medien. Ein anderer folgert: „Menschen ohne Kinder müssen sich endlich keine Sorgen mehr machen, zu Hause zu sterben und zu verrotten.“
Schon 2024 waren knapp zwanzig Prozent aller Haushalte der Volksrepublik Einpersonenhaushalte, so das chinesische Statistikamt. Gemessen an der rapiden Alterung der Gesellschaft und der sinkenden Geburtenrate bei abnehmenden Heiraten dürfte diese Zahl weiter stark steigen. Das Forschungsinstitut Beike schätzt die Zahl der Alleinlebenden in China bis zum Jahr 2030 auf bis zu 200 Millionen Menschen.
Der Name des Programms ist ein Wortspiel der weitverbreiteten Essensliefer-App namens „Ele.me“, auf Deutsch: „Bist du hungrig?“: Darauf reimt sich „sile me“, „Bist du tot?“. Entwickelt wurde die App von drei Chinesen innerhalb von einem Monat. Angeboten wird sie als „Sicherheitsbegleiter“, die Zielgruppe waren zunächst junge Menschen, „egal ob sie allein im Büro arbeiten, als Student nicht mehr zu Hause wohnen oder sich für einen einsamen Lebensstil entscheiden“.
„Angst, dass etwas passiert – und niemand es bemerkt“
In China wird die App mittlerweile auch in höheren Kreisen diskutiert. Der staatsnahe nationalistische Kolumnist Hu Xijin schlug gerade vor, den Namen der App vom Sterben in „Bist du noch am Leben?“ zu ändern. Das „würde den älteren Nutzern mehr psychologischen Trost spenden“, so Hu. Schließlich leben in China schon jetzt mehr als dreihundert Millionen Menschen über sechzig.
Im Sturm der Aufmerksamkeit gaben die Entwickler am Sonntag bekannt, man wisse die „vielen konstruktiven Vorschläge bezüglich eines neuen Namens zu schätzen, die wir alle sorgfältig prüfen und berücksichtigen werden“. Es gehe ihnen darum, „die Öffentlichkeit stärker auf alleinlebende Menschen aufmerksam zu machen und ihnen mehr Fürsorge und Verständnis entgegenzubringen“. Auch Alleinlebende „verdienen es, gesehen, respektiert und geschützt zu werden“.
Der Firmengründer schildert dabei seine ganz eigenen Erfahrungen: „Ich selbst war einmal ein junger Mensch, der allein lebte“, sagte er in chinesischen Lokalmedien, zitiert nur mit Nachnamen Guo. Mitte der Neunzigerjahre wurde Guo demnach in der Provinz Henan geboren, ging nach dem Uni-Abschluss ins weit entfernte Shenzhen, um dort bei einer Computerspielefirma zu arbeiten. Oft sei er erst sehr spät nach Hause gekommen und habe dunkle Wege in der Vorstadt passieren müssen, sagte er. „Es war kein klares Gefühl der Gefahr, sondern die Angst, dass jeden Moment etwas passieren könnte – und niemand es bemerken würde“, so Guo. „Wenn etwas schiefginge, würde es vielleicht lange dauern, bis es jemand herausfände.“
Die App kostet einmalig acht Yuan
Guo beschreibt ein typisches Leben seiner Generation in China, die viel lernt, viel arbeitet und keine Familie gründet. Er habe sich damals die Wohnung mit einem Mitbewohner geteilt. „Auch er war jung und lebte praktisch allein.“ Eines Abends habe der Mitbewohner eine akute Gastritis entwickelt, und wäre er nicht gewesen und hätte den Mitbewohner ins Krankenhaus gebracht, wäre es um ihn geschehen gewesen – weil es sonst niemand anderen gab. Irgendwann sei ihm klar geworden, dass man diese App zum Leben noch brauche, sagte Guo. Reich macht sie ihn allerdings auch. Einmalig acht Yuan kostet die App, einen Euro.
Die Dringlichkeit verschleiern auch die Staatsmedien nicht mehr. „Sicherheitsvorkehrungen und die frühzeitige Erkennung von Unfällen sind nicht mehr nur persönliche Angelegenheiten“, kommentierte „Beijing News“ jetzt, „sondern reale Herausforderungen, denen sich die Gesellschaft als Ganzes stellen muss.“
