Wenn am 17. Februar das chinesische Neujahrsfest begangen wird, beginnt für alle, die an die Macht der Sterne glauben, das Jahr des Pferdes. Es ist ein Feuer-Tierkreiszeichen und steht für Dynamik, Enthusiasmus und Ausdauer. Sämtlich Eigenschaften also, die Arbeitgeber schätzen, nicht nur in China. Doch viele Arbeitnehmer haben so ihre liebe Mühe, jeden Tag besagte Eigenschaften aufzubringen (oder vorzutäuschen). Pünktlich zum Jahreswechsel manifestiert sich nun diese Melancholie des Arbeitsalltags in einem Stück Ausschussware, das es zum Verkaufsschlager gebracht hat.
Aus Anlass des Jahres des Pferdes werden überall in China rote Plüschpferde mit verträumten Augen und freundlichem Lächeln als Maskottchen und Glücksbringer angeboten. Doch bei einer Tranche mangelte es den Arbeitern, die sie zusammennähten, anscheinend am angemessenen Pferde-Enthusiasmus. Jedenfalls wurde hier der Teil mit Nüstern und Mäulchen falsch herum angenäht. Die Mundwinkel sind deshalb nach unten gezogen, die Nasenlöcher hängen am Kinn und sehen aus wie Tränen. Selbst die korrekt angebrachten Augen nehmen im physiognomischen Gesamtensemble einen traurigen Aspekt an.
Als „Weinendes Pferd“ hat das Spielzeug offenkundig einen Nerv getroffen. Laut South China Morning Post ist die Nachfrage so hoch, dass die Fabrik in Yiwu International Trade City die Produktion massiv hat ausweiten müssen. Viele überarbeitete junge Chinesen, die sich selbstironisch als „niu ma“ (Kühe und Pferde) bezeichnen, sehen in dem missgelaunten Plüschpferdchen das perfekte Symbol ihrer eigenen Psyche. Eine Käuferin schreibt online: „Dieses kleine Pferd sieht so traurig und mitleiderregend aus – genau wie ich mich bei der Arbeit fühle. Ich hoffe, im Jahr des Pferdes all meine Beschwerden bei der Arbeit hinter mir zu lassen und nur noch glücklich zu sein.“
Zumindest für die Produzenten wirkt die erhoffte Dynamik des neuen Jahres schon jetzt. Alle anderen dürfen sich damit trösten, dass wenigstens ein Spielzeug versteht, wie sie sich fühlen.
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