Chemieverband VCI zum Iran-Krieg: Sind „im absoluten Krisenmodus“

Der Krieg im Nahen Osten hat die ohnehin kriselnde Chemieindustrie ins Mark getroffen. Die Unternehmen seien „im absoluten Krisenmodus“, sagte Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VCI vor Journalisten in Frankfurt. Wegen der volatilen Lage wagt der Interessensverband auch keine Prognose für das laufende Jahr.

Seit drei Jahren liege die durchschnittliche Kapazitätsauslastung in der Chemieindustrie Deutschlands unter der Rentabilitätsschwelle. Seit 2021 seien die Aufträge um ein Viertel gefallen, in der Basischemie sogar um 30 Prozent. Und Besserung sei nicht in Sicht. Im Gegenteil: der Wettbewerbs- und Preisdruck steige weiter, vor allem wegen des Krieges.

Horrende Preissprünge und stillgelegte Produktion

Wegen der nahezu unpassierbaren Straße von Hormus zwischen Iran und Oman gebe es bereits Engpässe und teils horrende Preissprünge bei Chemikalien. Die Chemieindustrie in Deutschland ist davon nach Große Entrups Worten in erste Linien indirekt betroffen: durch ausbleibende Chemieimporte aus China und andere Länder Asiens, wo der Großteil der Rohstoffe aus dem Nahen Osten weiterverarbeitet wird. Große Entrup nannte als Mangelprodukte Ammoniak für die Düngemittelherstellung, dazu Phosphat, Helium und Schwefel. Zusätzlich gebe es erste Hinweise auf Störungen bei internationalen Lieferketten.

Weil die Rohstoffe knapper würden, würden die chinesischen Unternehmen ihre Produkte im eigenen Land behalten und nicht mehr exportieren. Erste Kunden kämen schon heute nicht mehr an die notwendigen Vorprodukte. Immer mehr Lieferanten meldeten „Force Majeure“, also einen Lieferstopp aufgrund höherer Gewalt. Damit steige der Preisdruck weiter an. Je länger der Krieg dauert, desto heftiger seien die Folgen. Die hohen Preise und die anhaltende Unsicherheit brächten viele Betriebe an ihre Grenzen. Strategische Planung sei immer weniger möglich. „Stattdessen fahren die Unternehmen auf Sicht.“

Heimische Anbieter können das Angebot nach Darstellung des VCI offenbar nicht ersetzen. Zum einen fehlten in den komplexen Wertschöpfungsketten wichtige Teile, zum anderen sie die Produktion von manchen Chemikalien aus Europa abgewandert. Auf die Frage, ob sich Deutschland bereits in einer Phase der Deindustrialisierung befinde, sagte Große Entrup: „Ja! Wir trennen uns von industrieller Wertschöpfung und verlieren substanziell Industrie“. Die europäische Chemieindustrie hat nach einer Erhebung von Roland Berger von 2022 bis 2025 neun Prozent ihrer Produktionskapazitäten stillgelegt. In derselben Zeit haben nach Angaben des VCI in Deutschland 135 Chemieunternehmen Insolvenz angemeldet.

Die Branchen-Bilanz für 2025 wertet der Große Entrup als „unterirdisch“. Produktion, Umsatz und Preise seien im roten Bereich. Einzig die Pharmawirtschaft sei mit einem soliden Plus ein Lichtblick.

Tatsächlich geht die Schere zwischen Chemie- und Pharmaindustrie immer weiter auf. So fiel die Produktion in der chemischen Industrie um 3,3 Prozent zurück, der Umsatz um 3,8 Prozent. Autoindustrie, Bauwirtschaft, Möbelhersteller – überall sinke die Nachfrage. Auch die Produktion von Batteriezellen hat nach seiner Darstellung die Hoffnungen nicht erfüllt: sie sei bis heute eine Domäne der Asiaten. In der Pharmaindustrie hingegen zog die Produktion im vergangenen Jahr um 4,5 Prozent an, der Umsatz sogar um 5,5 Prozent. In Summe ging der Umsatz der in Deutschland produzierenden Chemie- und Pharmaunternehmen um 1,4 Prozent auf knapp 220 Milliarden Euro zurück. Die Beschäftigung blieb mit 478.000 knapp stabil.

Chemiebranche leidet unter falschen politischen Weichenstellungen

Der Politik, insbesondere der in der EU, warf Große Entrup, Planlosigkeit und Realitätsverweigerung vor. Von Initiativen wie „buy european“ oder der von Frankreich angestoßene Allianz zum Erhalt kritischer Chemikalien in der EU, erwartet sich der Verband kaum Besserung. Die schon durchgesickerten Absichtserklärungen der EU-Staaten zum EU-Gipfel am 19. und 20. März haben ihn sprachlos gemacht, sagte Große Entrup. Das Papier sei Ausdruck eines kleinsten gemeinsamen Nenners. Die Bundesregierung müsse auf dem Gipfel „unbedingt Kante zeigen, sonst braucht man das Treffen gar nicht zu veranstalten.“

Während die Weltordnung neu vermessen werde, ringe Europa um Orientierung und Deutschland reformiere im Schneckentempo. Nach dem Regierungswechsel in Berlin hätten sich die Unternehmen deutlich mehr erhofft. Die eingeleiteten Maßnahmen zur Kostenentlastung – Industriestrompreis, Strompreiskompensation, die Abschaffung der Gasspeicherumlage oder die Entlastung bei Netzentgelten – „dürften unterstützend wirken“, heißt es im Jahresbericht. Nach den Worten von Große Entrup ist von den Maßnahmen aber „noch nichts an den Werktoren angekommen“.

Das Sondervermögen zur Sanierung der Infrastruktur sei zwar gut und verschaffe Unternehmen Zeit, es biete aber keine echte Abhilfe für die strukturellen Probleme. Der Verband fordert neben einem Energiepreisdeckel ein sofortiges Belastungsmoratorium, etwa den Verzicht auf die Neufassung der Chemikalienrichtlinie Reach sowie eine Reform des europäischen Emissionshandels, konkret eine längere Zuteilung von kostenlosen Emissionszertifikaten und das Eindämmen der Bürokratie.

Als Alarmismus will der oberste Interessensvertreter der Chemie seine Kritik nicht verstehen, vielmehr als „Klartext“. Nächste Woche wollen Große Entrup und weitere Branchenvertreter in Berlin auf den Putz hauen. Man plane, sagte er, öffentlichkeitswirksame Aktionen im Regierungsviertel. Was genau, sagte er nicht.