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Fitness, Mut, ein Ex-Elitesoldat – und eine ordentliche Portion Qualität. Bodø/Glimt steht im Achtelfinale der Champions League und auch gegen Sporting (Hinspiel am Mittwoch ab 20.45 Uhr hier im Live-Ticker) muss für das Überraschungsteam dort nicht Schluss sein.
Geschichten über Bodø/Glimt sind in den letzten Wochen viele erzählt worden. Wer als norwegischer Verein aus Partien gegen Dortmund, Manchester City und Atletico Madrid sieben Punkte holt und dann in den Zwischenrunden-Playoffs zwei Mal Vorjahresfinalist Inter Mailand besiegt, der sorgt natürlich für Aufmerksamkeit.
Trainer Kjetil Knutsen, der nach dem Aufstieg in die erste Liga 2018 übernahm und das Team seitdem zu vier Meisterschaften und zwei Vize-Meisterschaften führte, ist einer, über den dieser Tage viel gesprochen wird. Zurecht. Denn Knutsen hat einen langjährigen norwegischen Zweitligisten zu einer Mannschaft geformt, die in der Königsklasse für Furore sorgt.
Kjetil Knutsen mit seinem Spieler Kasper Hogh
Ex-Soldat Mannsverk heilt Bauchschmerzen und bringt Siegermentalität
Weniger gesprochen wird über einen, den er schon als Co-Trainer 2017 in den Trainerstab holte: Bjørn Mannsverk. Wenn man besagten Mannsverk auf dem Portal Transfermarkt.de anschaut, um dessen Laufbahn zu recherchieren, steht dort „Mental-Coach“. Was dort nicht steht: Mannsverk war zuvor viele Jahre norwegischer Air-Force-Pilot. Unter anderem soll er den aktuellen Kapitän Ulrik Saltnes von dessen langjährigen mental bedingten Bauchschmerzen bei wichtigen Spielen geheilt haben.
Mannsverk hat der Mannschaft, die mittlerweile fast komplett aus Norwegern und diversen in Bodø geborenen Spielern besteht, eine Mentalität verpasst, die man auf dem Platz sehen kann. Und das spiegelt sich dann auch in der sportlichen Komponente wieder, von der der ehemalige Kampfpilot auch nach eigenen Aussagen nur sehr wenig Ahnung hat. Die obliegt natürlich Cheftrainer Knutsen.
Direkte Kombinationen, mutiges Pressing und Spielfreude
Und der macht einen beeindruckenden Job. Denn wer noch keine Champions-League-Partie der Norweger in dieser Spielzeit gesehen hat und „klassischen“ Außenseiterfußball erwartet, wie ihn zum Beispiel Union Berlin in der Bundesliga praktiziert, der täuscht sich gewaltig. Zwar hat die Knutsen-Elf unter den verbliebenen Mannschaften den wenigsten Ballbesitz, doch das Team um den ehemaligen Frankfurter Jens Petter Hauge spielt nur wenige lange Bälle, nutzt Fouls nur selten als taktisches Mittel und erzielt auch nicht viele Tore nach Standardsituationen oder Flanken.
Stattdessen pressen sie den Gegner in dessen Ballbesitz immer wieder plötzlich überfallartig, scheuen sich dabei auch nicht, mal drei oder vier Spieler ganz nach vorn vorzuschieben und schalten dann mit kurzen und direkten Kombinationen direkt um. Schnörkellos, mit vielen Spielern im Strafraum und schnell in Richtung Abschluss.
Besonders das Offensivtrio um Hauge (sechs Tore, eine Vorlage), den spielstarken Mittelstürmer Kasper Hogh (vier Tore, drei Vorlagen) und Ole Blomberg (ein Tor, vier Vorlagen) kombinierte gegen Inter, Atletico und Co. teilweise traumhaft im gegnerischen Sechzehner.
Trieb Inter Mailands Abwehr zur Verzweiflung: Jens Petter Hauge
Die meisten gelaufenen Kilometer – mit Abstand
In zwei Kategorien liegt Bodø/Glimt statistisch in der Königsklasse sogar ganz vorn – und das sind zwei, die dann doch zumindest auf dem Papier typisch für erfolgreiche Außenseiter sind: Paraden und Laufdistanz. Bei der abgespulten Distanz sind die Norweger mit 123,1 km pro Spiel die mit Abstand fleißigste Mannschaft der gesamten Champions-League-Saison. Fünf Kilometer Vorsprung auf Platz zwei – ein gigantischer Wert. Zur Wahrheit gehört hier auch, dass die heimische Liga gerade noch pausiert, dort geht die Saison erst Ende März los. Dementsprechend ausgeruht können Hauge und Co. gerade in die Partien gehen.
Torhüter Nikita Haikin hat von allen Champions-League-Keepern die meisten Paraden auf dem Konto, zeigte sich zum Beispiel auch beim 2:2 gegen Borussia Dortmund auf der Linie überragend. Schwächen hat die norwegische Mannschaft natürlich auch, gerade bei hohen Bällen wirkt die Defensive beispielsweise oft nicht sattelfest und hatte neben einem starken Haikin zuletzt auch manchmal das Aluminium-Glück des Tüchtigen.
Das macht den Lauf der Knutsen-Elf aber nicht weniger bemerkenswert. Mit noch ein bisschen Glück erzählt man über sie nach den beiden Spielen gegen das bisher so starke Sporting ja noch die ein oder andere Geschichte mehr.
