Champions League: Der BVB ist bereit für die Crunchtime – und muss sich Vorwürfe gefallen lassen

Borussia Dortmund biegt in die entscheidenden Wochen der Saison ein. Der Start gelingt, der BVB gewinnt das Hinspiel der Play-offs der Champions League gegen Atalanta Bergamo. Nach dem Spiel gibt es heftige Kritik an den Dortmundern vom Coach der Italiener.

Raffaele Palladino war geladen. Der Trainer von Atalanta Bergamo konnte sich gerade noch zusammenreißen, um es nicht zu einem echten Eklat kommen zu lassen.

Als Niko Kovac unmittelbar nach dem Schlusspfiff der Partie gegen Borussia Dortmund am vergangenen Dienstagabend auf Palladino zuging und ihm seine Hand entgegenstreckte, schlug der zwar ein, zog seine Hand aber auffällig schnell wieder weg. Dann erhob Palladino warnend den Zeigefinger in Richtung des Dortmunder Trainers, rief ihm etwas zu – und ließ ihn einfach stehen. Kovac war überrascht: Was bitte sollte das denn?

„Leider reicht mein Italienisch nicht aus, um zu verstehen, was er gesagt hat“, erklärte der BVB-Coach später, als er gefragt wurde, worum es denn in dieser viel beachteten Szene gegangen sei. Er vermute, Palladino hätte sich beschwert, dass sich die Dortmunder im ersten Play-off-Spiel der Champions League zu oft und zu laut über den Schiedsrichter beschwert hätten.

Damit lag Kovac richtig. „Sie haben sich über jede einzelne Szene beschwert“, erläuterte Palladino anschließend. Er selbst würde so etwas nie tun. „Also hab ich ihm gesagt: Er soll die Schiedsrichter einfach in Ruhe lassen“, so der Italiener.

Niko Kovac: „Das war Kindergeburtstag“

Kovac musste schmunzeln, als von diesem Vorwurf in Kenntnis gesetzt wurde. „Das habe ich nicht so wahrgenommen – es war eher auf beiden Seiten. Das war ganz normal, so ist Fußball“, sagte er. Doch eigentlich sei gerade in diesem Spiel, das die Dortmunder klar dominiert und folgerichtig 2:0 (2:0) gewonnen hatten, alles halb so wild gewesen. „Das war Kindergeburtstag“, sagte der 54-Jährige und grinste.

Nun waren die italienischen Journalisten, die sich in der Pressekonferenz besonders für den Zwist der Trainer interessiert hatten, verdutzt. Was bitte bedeutet „Kindergeburtstag“?

Fakt ist: Palladinos Unterstellungen an die Adresse der Dortmunder waren stark übertrieben. Doch seine Reaktion nach einer Partie, in der sich seine Mannschaft keine klare Torchance herausspielen konnte, dokumentiert: Der BVB geht seinen Gegnern derzeit aber mal so richtig auf die Nerven.

Weil die Mannschaft von Kovac extrem effizient spielt, sich in Zweikämpfen sehr robust zu wehren weiß – und damit ein völlig anderes Bild abgibt als jenes, das sich viele über Jahre hinweg von den Dortmundern gemacht hatten: von einem Team, das zwar ganz ansehnlich spielt, aber in schöner Regelmäßigkeit versagt, wenn es darauf ankommt.

Am Dienstagabend, als es in der Königsklasse in die K.-o.-Runde ging, wurde deutlich: Das stimmt so nicht mehr. Der Bundesligazweite gab sich gegen den Tabellensechsten der Serie A, der selbst als extrem unangenehm zu bespielende Mannschaft gilt, keine Blöße. „Das war spielerisch und kämpferisch eine sehr gute Leistung gegen einen sehr guten Gegner“, sagte Kovac.

Beide Treffer waren bereits in der ersten Halbzeit gefallen, in der die Dortmunder Bergamo stark unter Druck setzen konnten. Nach dem Wechsel war es dann eher eine kontrollierte Offensive – insofern blieb als einziger Kritikpunkt, nicht noch höher gewonnen zu haben. „Da hatten wir noch ein, zwei ganz gute Strafraumszenen. Ein 2:0 ist dennoch gut, aber auch ein bisschen gefährlich. Wenn man noch ein Auswärtsspiel vor der Brust hat“, sagte Dortmunds Offensivprofi Julian Brandt.

Dennoch überwiegt ein klarer, belastbarer Trend: Der BVB geht stabil wie lange nicht mehr in die entscheidende Phase der Saison – sowohl in der Champions League als auch in der Bundesliga. Da ist die Mannschaft seit 15 Spielen ungeschlagen.

Woher rührt die Resilienz? Die Spieler zeigen mittlerweile genau die Attribute, die Kovac einfordert. Dortmunds Fundament ist eine extrem starke Defensive – selbst wenn die personell derzeit arg gebeutelt daherkommt. Gegen Bergamo fielen mit Nico Schlotterbeck, Emre Can und Niklas Süle gleich drei routinierte Innenverteidiger aus.

18-jähriger Luca Reggiani überzeugt

Doch das Gebilde, die Abläufe sind so gefestigt, dass sich selbst ein 18-jähriger Debütant nahtlos einfügen kann. Luca Reggiani spielte erstmals Champions League. „Wenn ein erfahrener Spieler eine solche Leistung gebracht hätte, würden wir sagen: Das war gut. Aber für ihn war es sehr gut“, lobte Kovac.

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Das Spiel hat eine klare Struktur und basiert auf Automatismen. Jeder Offensivspieler weiß, wohin er beispielsweise bei Flanken von Julian Ryerson zu laufen hat – wie Torjäger Serhou Guirassy vor dem 1:0 (zweite Spielminute). Es wird in der Mittelfeldzentrale von Felix Nmecha gelenkt, der immer besser in die Rolle des Verbindungsspielers hineinwächst und der – wie vor dem 2:0 von Guirassy (42.) – aus dem Nichts heraus mit einem unerwarteten Pass einen neuen Raum öffnen kann.

Guirassy, der nach monatelangem Formtief nun in vier aufeinanderfolgenden Pflichtspielen gleich sechsmal getroffen hat, zeigte anschließend eine emotionale Botschaft. Der Nationalspieler aus Guinea hatte auf ein Shirt unter seinem Trikot in Französisch geschrieben: „Möge er sie in seinem großen Paradies willkommen heißen.“ Seine Nichte sei gestorben, erklärte Guirassy nach der Partie, die Nachricht habe seinem Bruder gegolten: „Wir stehen ihm alle bei.“

Die härteste Geduldsprobe mussten die BVB-Profis vor dem Anpfiff bestehen. Weil Star-Sänger Herbert Grönemeyer fast zeitgleich in der benachbarten Westfalenhalle auftrat, brach rund um die Arena ein Verkehrschaos aus. Mittendrin auch der Dortmunder Mannschaftsbus, der deshalb viel später als geplant ins Stadion rollte. Die Folge: Der Spielbeginn wurde um eine Viertelstunde nach hinten verschoben.

Am Ende des Abends voller besonderer Geschichten waren sie beim BVB happy: „Viele Dinge funktionieren. Wir schaffen es momentan, die Siege zu ziehen, gerade auch in wichtigen Spielen“, so Brandt.

Das soll so bleiben – und die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Denn das, was der BVB derzeit abbildet, entspricht einem Plan. „Zu Beginn einer Saison musst du versuchen, dich zu positionieren. Im Mittelteil musst du dich nach vorn pirschen. Und im letzten Drittel, der Crunchtime, musst du sehen, dass du viele gesunde Spieler hast und eine gute Mentalität entwickelst“, sagte Kovac. Bis jetzt liegt der BVB im Plan – wenn sich das Lazarett wieder lichten sollte.

Denn die Crunchtime bricht an. Am Samstag geht es zu RB Leipzig, am kommenden Mittwoch zum Rückspiel nach Bergamo – danach reist der FC Bayern zum Bundesliga-Topspiel nach Dortmund.

Das werden sicher keine Kindergeburtstage.

Oliver Müller ist Fußball-Reporter. Er berichtet seit vielen Jahren für WELT. Müller ist zudem Podcaster und war beim Spiel des BVB gegen Bergamo im Stadion.