Als Erstes kam der Bundesminister der Verteidigung dran. Boris Pistorius war kurz zugeschaltet und resolut aufgelegt, lachte sogar kurz zynisch, als er zu Beginn gefragt wurde, ob er erleichtert sei, dass Trump Grönland nun doch nicht einnehmen wolle. „Gute Frage“, sagte er und insinuierte damit: Wo sind wir eigentlich hingekommen, dass wir darüber froh sein sollen? Ein wenig später sprach er mit Blick auf die amerikanische Regierung mit Fontanes Titel von „Irrungen und Wirrungen“. Man spürte, dass dieser ehrenhafte Politiker so langsam die Geduld verliert mit diesem ehrlosen Präsidenten. „Ich weiß nicht, ob ich ihm noch vertrauen kann“, sagte Pistorius und versuchte nur noch halbherzig, seine Entrüstung über das Verhalten Trumps zu verstecken.
Respektlose Schmähung von NATO-Soldaten
Ein Verhalten, das zuletzt sogar in ungeheuerlicher Weise die Opferleistung von NATO-Soldaten in Afghanistan herabgewürdigt hatte, indem Trump insinuierte, sie hätten sich nicht richtig an die Frontlinie getraut. Ein widerlicher Schmähsatz eines Mannes, der selbst niemals auch nur in die Nähe militärischer Opferbereitschaft gekommen ist.
„Einfach unanständig und respektlos“ nennt Pistorius diese Schmähung. Er, der weiß, dass auch Deutschland in Afghanistan einen hohen Blutzoll gezahlt hat, dass dort 59 Soldaten und 3 Polizisten ums Leben gekommen und etwa 500 Soldaten teils schwer verletzt worden sind, nimmt nur noch widerwillig ein diplomatisches Blatt vor den Mund. Sein Unterton sagt: „Es ist genug“. Und auf Miosgas Nachfrage hin lässt er sich sogar dazu verleiten, eine Entschuldigung von Trump zu fordern: „Ja, das wäre ein Zeichen von Anstand und Respekt und auch von Einsicht.“
Der deutsche Antiamerikanismus ist zurück – aber unter neuen Vorzeichen. Jetzt geht es nicht um einen Krieg, den Amerika irgendwo in der Welt führt, sondern um einen Businessbully als Präsidenten, der Bündnisse willentlich spaltet und Koalitionen mit Kriegsverbrechern eingeht. „Respekt muss gegenseitig sein“, ruft Pistorius und verspricht, beim nächsten Aufeinandertreffen mit seinem US-Amtskollegen Pete Hegseth auf Trumps Schmähworte entschieden zu entgegnen. Fast schon trotzig wirft der deutsche Verteidigungsminister am Ende dann noch hinterher: „Wir sind auf exzellentem Weg hin zur Kriegstüchtigkeit dieses Landes“, und beruhigt damit wahrscheinlich nicht nur, sondern erschreckt auch so manchen Zuschauer. Und doch ist es ein souveräner Ton, den Pistorius hier anschlägt, die Realitäten fest im Blick, und gleichzeitig zeigt er mit jeder Miene: Genug ist genug.
Europa spielt gegen Trump ein „Spiel mit verteilten Rollen“
Diesen Gestus übernimmt dann auch die auf das Interview folgende Diskussionsrunde. Man ist sich einig, dass es gut war, wie die Europäer in der Grönland-Frage geschlossen ihren Widerstand kundgetan hätten. Dass man sicherheitspolitisch von Amerika abhängig sei, sich aber nicht alles gefallen lassen dürfe. Dass die Lage ernst, aber nicht hoffnungslos sei. Ein wenig Genugtuung darüber, dass man Trump mit vereinten Kräften vom Pfad der Eskalation abgebracht habe, ist auch zu spüren.
Die Politikwissenschaftlerin Daniela Schwarzer rechtfertigt das „Spiel mit verteilten Rollen“ der Europäer, die Trump gegenüber mit unterschiedlichen Härtegraden auftreten und so spieltheoretisch geschickt verschiedene Entscheidungsräume eröffnen. Und doch, so differenziert der stets überaus vertrauenswürdig wirkende Norbert Röttgen (CDU), habe Trump seine Grönland-Entscheidung vor allem wegen der schlechten Umfragen und der einbrechenden Märkte getroffen. Und ein bisschen auch wegen des Widerstands der Europäer und der fehlenden Unterstützung im Kongress. 85 Prozent der Kongressabgeordneten stünden zur NATO, berichtet der CDU-Außenpolitiker und will damit beruhigende Signale ins heimische Angstpublikum senden.
Trump wird nicht für Europa kämpfen
Nicht ganz so optimistisch schaut der Militärhistoriker Sönke Neitzel auf die Lage. Er, der im vergangenen März davor gewarnt hatte, dass Deutschland womöglich seinen letzten Sommer in Frieden erleben könnte, sagt jetzt den entscheidenden, bitteren Satz: „Trump wird nicht für Europa kämpfen.“ Heißt übersetzt: Die NATO mag als Organisation bestehen bleiben, aber der Geist, mit dem diese Organisation gefüllt war, ist durch die Grönland-Eskalation endgültig entwichen. Es fehlt jetzt das Vertrauen, dass Amerika im Angriffsfalle bereit wäre, Litauen zu verteidigen. Darauf hatte unlängst auch der tapfere ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bei seiner Rede in Davos angespielt und die Europäer gewarnt: Verlasst Euch nicht mehr auf die Schutzmacht USA.
Der Militärhistoriker Neitzel sieht keinerlei Anzeichen dafür, dass Putin seinen Krieg gegen die Ukraine beenden will; im Gegenteil glaubt er, dass Putin davon überzeugt ist, die Ukraine durch einen anhaltenden Abnutzungskrieg zu besiegen. Dem stimmen auch die Politikwissenschaftlerin und der CDU-Außenexperte zu. Röttgen argumentiert sogar, Putin sei gar nicht mehr in der Lage, den Krieg zu beenden, denn dieser halte ihn im Angesicht einer wirtschaftlich katastrophalen Situation innenpolitisch am Leben.

Und doch, einen kleinen Hoffnungsschimmer will die Politikwissenschaftlerin darin erkennen, dass in Abu Dhabi gerade erstmals Ukrainer und Russen zusammen an einem Verhandlungstisch sitzen. In den vielen „Momenten der Wahrheit“, die wir gerade erlebten, so Schwarzer, sei dies vielleicht einer, der zeige: Durch die Disruptionen auf allen Seiten gehe auch einiges voran.
Neitzel allerdings kennt als Militärhistoriker nur eine Wahrheit: die Macht. Und die sei nach wie vor gesichert durch den Besitz von strategischen Nuklearwaffen; durch Abschreckung und Schutzschirm. Und da Europa in dieser Hinsicht blank dasteht, muss es sich den USA weiter andienen. Oder es spekuliert darauf, dass China „in zehn Jahren“ zur dritten Nuklearmacht aufgestiegen sei, und schlüpfe dann dort unter die Schutzdecke.
Aber wäre das wirklich eine beruhigendere Aussicht? Dann doch lieber beim „Ritt auf der Rasierklinge“ bleiben, wie Neitzel das in seiner gewohnt intelligenten Schnoddrigkeit sagt und damit meint: das Vabanquespiel zwischen Anbiederung und Abkehr weiterspielen. Also einerseits im Bewusstsein haben, dass die amerikanischen Nachrichtendienste auf Anweisung Trumps von heute auf morgen die Versorgung ihrer deutschen Kollegen einstellen könnten – anderseits aber auch etwa in einem Boykott der anstehenden WM in Amerika ein eigenes Machtinstrument erkennen. „Wenn die Europäer ihre Mannschaften nicht schicken, dann kann Trump seine WM vergessen“, sagt Neitzel und führt das noch einmal prägnant im Satz zusammen: „Alles kann man mit Europa eben auch nicht machen!“
Sollten die Europäer die Fußball-WM in Amerika boykottieren?
Ist das jetzt die richtige Zeit für eine Debatte über einen möglichen deutschen Boykott der Fußballweltmeisterschaft? Die Runde jedenfalls ist sich einig, dass darin ein mögliches Werkzeug aus dem „Instrumentenkasten“ liegen könne, um Trump zu schaden. Aber zum Glück sei man jetzt gerade ja einmal wieder auf dem Weg der Deeskalation, stellt die Politikwissenschaftlerin fest und vertagt damit die Entscheidung.
Was an diesem Talkshow-Abend klar wird: Die Beschreibung der epochalen Lage kennen wir. Aber was die wirklich sinnvollen und zukunftssicheren Schlüsse daraus wären, darüber wissen wir wenig. Dass Europa strategische Nuklearwaffen gut hätte gebrauchen können – ja. Dass es mehr „charismatische europäische Führungspolitiker“ brauche, um die Rangeleien zwischen den Mitgliedsstaaten zu beenden – das hat man auch schon einmal gehört. Dass eine Krise immer auch Chancen bietet – als Kalenderspruch ist das überzeugend, aber was für ein Tun erwächst daraus jetzt?
Röttgen übt in diesem Zusammenhang auch leichte Kritik an der vielgelobten Davos-Rede des kanadischen Premierministers: Mark Carney hätte eine rhetorisch starke Beschreibung der Lage geliefert, aber nur wenig eigene Gestaltungsideen präsentiert. Röttgen selbst hat allerdings auch nur harmlose Sprechblasen im Angebot: „Wir müssen das europäische Selbstbewusstsein mit Können unterlegen“, sagt er – und lächelt verlegen. Es ist dieses verlegene, im besten Falle zynische Lächeln, das Europas Geist im Moment bestimmt. Es ist ein Lächeln, das ganz und gar nicht ansteckend wirkt. Ein Lächeln, das um die eigene Schwäche weiß. Ein Lächeln, das den ein oder anderen Hintergedanken andeutet, sich aber keine Äußerung zutraut.
Es ist eine verhaltene Miene, die Europa zum bösen Spiel macht. Geplagt von Selbstzweifeln und Zugeständnissen, voller Sehnsucht nach der alten Zeit, voller Angst vor dem, was jetzt Neues kommen könnte, scheint der einzige Ausweg: das Rollenspiel. Es ist das Lächeln eines rechtschaffenen Idealisten, der sich nach ehrlicher Geradheit sehnt, aber gezwungen wird, im opportunistischen Ungefähr Schutz zu suchen. Das ist auf Dauer kein guter Platz, keine gesunde Haltung. Mit den Alptraumbildern der nächsten Exekution eines Amerikaners durch ICE geht man in die Nacht – wer weiß, welche Gründe jenseits von Grönland bald schon für einen Boykott der WM sprechen könnten.
