

Der Bizeps von Nico Schlotterbeck blieb unter einem schwarzen Langarmshirt verborgen. Alles andere wäre auch verantwortungslos gegenüber der eigenen Gesundheit gewesen angesichts der eisigen Temperaturen am Samstagabend in Berlin. Ein gut sichtbares Zeichen war der Torjubel des Innenverteidigers dennoch, und dazu eines, das aus mehreren Gründen ins Gesamtbild passte.
Erstens, weil Schlotterbeck selbst gerade ohnehin ziemlich kraftstrotzend daherkommt nach seiner Verletzungspause, sein Kopfballtor zum 2:0 in der 54. Minute war sein dritter Treffer in den vergangenen sieben Ligaspielen. Zweitens, weil es sinnbildlich für den kantigen Berliner Auftritt des BVB insgesamt stand, über den Schlotterbeck später sagte, dass es „erwachsener Fußball“ gewesen sei – und nicht „so ein bisschen Kinderfußball“ wie am Dienstag beim 0:2 in der Champions League bei Tottenham. Und drittens, weil Schlotterbeck auch derjenige war, der zumindest ein kleines Zeichen in Richtung München senden zu wollen schien.
Das Augsburger 2:1 beim FC Bayern am Nachmittag hatte er schon aus Verbundenheit mit seinem älteren Bruder Keven verfolgt. „Dass sie patzen würden, hätte ich nicht gedacht, aber wir freuen uns“, sagte Schlotterbeck, nachdem er dann beim Dortmunder 3:0 beim 1. FC Union, das den Abstand auf acht Punkte verkürzte, selbst aktiv geworden war. Und: „Wenn es dann irgendwann mal vielleicht vier, fünf Punkte sind, da kommen sie auch mal ans Überlegen. Sie kommen noch zu uns. Ganz weg sind sie nicht, sie sind schon ein bisschen enteilt, aber wir wollen einfach dranbleiben.“
Can: „Acht Punkte sind viel“
Hat da etwa jemand „Bayern-Jäger“ gesagt? Nein, auf derlei Glatteis wollte sich dann doch kein Borusse begeben an der Alten und ziemlich frostigen Försterei. Aber Witterung aufnehmen – das konnte man ja mal. „Acht Punkte sind viel, Bayern spielt eine überragende Saison, wir aber auch“, sagte Emre Can, der Zweite aus der Dortmunder Ecken-und-Kanten-Fraktion, der in Berlin nach zehn Minuten per Strafstoß den ersten Treffer erzielt hatte. „Wir schauen auf uns und werden sehen, was am Ende passiert.“
Wenn man sich allerdings den Fußball anschaute, den der BVB zwischen Cans und Schlotterbecks Toren spielte, dann sprach doch viel dafür, dass eher nicht mehr so viel passiert. Die Dortmunder waren zwar so gut, dass man erkennen konnte, warum sie in dieser Saison erst ein Ligaspiel verloren haben (wie die Bayern) und die zweitbeste Abwehr (nach den Bayern) stellen. Sie waren aber nicht gut genug, dass man sie sich in einem Titel-Showdown mit den Münchnern vorstellen konnte. Dafür gleitet der Stafettenfußball des Niko Kovač doch ein bisschen zu sehr ins Schablonenhafte.
Insofern war es eine realistische Einordnung von Lars Ricken, dem Geschäftsführer Sport, der den Blick eher in den Rückspiegel richtete. Es sei „prinzipiell ein gutes Zeichen für die Bundesliga“, dass die Bayern sich auch hier und nicht nur in der Champions League schlagbar zeigten. Für den BVB gehe es aber eher darum, die von hinten herandrängende Konkurrenz auf Abstand zu halten. Aktuell beträgt der zu Hoffenheim sechs und zu Leipzig sieben Punkte, beide haben aber ein Spiel weniger.
Schlotterbecks Grundsatzentscheidung steht aus
Festgefroren auf Platz zwei, das wäre schon eine Dortmunder Saisonperspektive, die sich sehen lassen kann. Schöner allerdings wäre noch, wenn in eine andere Sache Bewegung käme – und damit noch einmal zu Schlotterbeck. Geschäftsführer Ricken führte in Berlin geradezu demonstrativ aus, wie viel dem BVB an einer Vertragsverlängerung gelegen ist – und wie viel für den Klub daran hängt. Der Verbleib des Nationalspielers könnte eine eigene „Erzählung“ sein, eine Geschichte wie die von den großen Verteidigern und Vereinsikonen Mats Hummels und Jürgen Kohler. Schlotterbeck, der Mann mit dem Markenzeichen-Jubel, als eine eigene Dortmunder Marke. „In Zeiten, wo immer mehr Spieler immer schneller wechseln, wäre es natürlich ein überragendes Zeichen“, sagte Ricken.
Ob so jemand spricht, der schon überzeugt ist oder noch überzeugen muss, blieb am Samstag offen, auch wenn Trainer Kovač sagte, dass sein Gefühl ein „positives“ sei. Schlotterbeck selbst sprach von sich als „Bauchmensch“, er werde „irgendwann eine Grundsatzentscheidung treffen“, gemeinsam mit seinem Vater und seinem Bruder, auch eine Deadline stellte er in Aussicht, allerdings erst einmal für den internen Gebrauch.
Eine neue Erzählung, darf man noch hinzufügen, braucht der BVB auch deshalb, weil sein bisheriges Modell unter der Konkurrenz der Premier League ächzt. Ein Signal von Schlotterbecks Bauch – das wäre schon noch mal etwas anderes als eins von seinem Bizeps.
