Niko Kovac hatte keine Zweifel aufkommen lassen wollen. „Keine Experimente bis zum Schluss!“, hatte der Trainer von Borussia Dortmund vor den restlichen acht Saisonspielen gesagt, obwohl sein BVB hinter dem Tabellenführer FC Bayern München und vor der nachfolgenden Konkurrenz die Spielzeit doch ziemlich sicher auf Platz zwei beenden dürfte. Kovac jedoch wollte und will Dortmund stabil halten. Und seriös! Und so bot er am Samstagabend im Heimspiel gegen den Hamburger SV exakt jene Startelf auf, die eine Woche zuvor am selben Ort 2:0 gegen den FC Augsburg gewonnen hatte.
Die Stabilität, die sich der Trainer für den Rest der Saison vorstellt, ließ seine Mannschaft am Samstagabend zunächst allerdings vermissen, woraus sich eines der verrücktesten Spiele der Saison ergeben sollte. Die Dortmunder strapazierten die Nerven ihres Trainers und des Publikums gravierend. Der zur Pause 0:2 zurückliegende BVB fand erst in der zweiten Halbzeit zu einer angemessenen Verfassung und gewann gegen den HSV so eben noch mit 3:2 (0:2). Drei Elfmeter erhielt der BVB dabei, vergab durch Felix Nmecha einen und verwandelte durch Ramy Bensebaini zwei. Sieben Spieltage vor dem Saisonende haben die Dortmunder neun Punkte Rückstand auf München und elf Punkte Vorsprung vor dem drittplatzierten RB Leipzig. Immerhin wahrten sie ihre Spitzenposition in der Rückrundentabelle vor dem FC Bayern.
Erneut hatte Kovac den Mittelstürmer Serhou Guirassy zu Beginn auf der Bank belassen. Er brachte mit der Doppelspitze Karim Adeyemi und Maximilian Beier vielleicht nicht zufällig jene beiden Stürmer, die vom Bundestrainer Julian Nagelsmann soeben nicht für die Nationalmannschaft nominiert wurden und sich noch explizit für den WM-Kader empfehlen müssen. Doch dieses Spiel war dazu nicht geeignet. Adeyemi zum Beispiel durfte zur zweiten Halbzeit gar nicht mehr auf den Platz.
Philip Otele brachte die Hamburger in der 19. Minute in Führung, weil sich Dortmunds Daniel Svensson einen üblen Ballverlust geleistet hatte. Überhaupt waren die Borussen anfangs erstaunlich leichtfertig unterwegs. Die Hamburger lauerten auf Ballverluste und kamen kurz vor der Pause nach einem solchen von Felix Nmecha durch Albert Sambi Lokonga zur 2:0-Führung (38.). Dieses Malheur hätte Nmecha in der 45. Minute noch abfedern können, allerdings schoss er einen Foulelfmeter glatt neben das Tor.
Kovac wechselte nach dem Wechsel viermal, und der BVB zeigte sich fortan von seiner besseren Seite. Nach einem Foul von William Mikelbrencis an Beier gab der Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck wieder Elfmeter für Dortmund – diesmal verwandelte Bensebaini zum 1:2 (73.). In der 78. Minute erzielte Guirassy den 2:2-Ausgleich, und weil Miro Muheim einen Schuss von Jobe Bellingham mit dem Arm blockierte, durfte Bensebaini den dritten Elfmeter zum 3:2-Sieg (84.) verwandeln. Binnen elf Minuten hatten die Gastgeber das Spiel gedreht. 24:4-Torschüsse deuteten darauf hin, dass der Erfolg trotz des Spielverlaufs nicht unverdient war. Das Dortmunder Publikum, das zur Pause noch teils gepfiffen hatte, war am Ende hellauf begeistert.
