

Es wirkte 100 Minuten lang, als würden die Bayern ihren Augen nicht trauen: Das sollte ein Aufsteiger sein? Einer, der sich so mutig wehrt, Fußball nach vorn denkt und hinten weitgehend wach verteidigt?
Als auch die Nachspielzeit vorbei war (zehn Minuten), hatte Trainer Vincent Kompanys Mannschaft letztlich vergeblich versucht, eine Einstellung zu diesem Spiel zu finden: Das 2:2 (1:1) am Samstagabend im prall gefüllten Volksparkstadion roch verdächtig nach Pleite – was es fast auch geworden wäre, hätte der Hamburger Fabio Vieira in der 75. Minute kapiert, wie viel Zeit und wie viel Raum er hatte. Seinen überhasteten Schuss aufs leere Tor nach feinem Konter aber kratzte Alphonso Davies von der Linie.
Zwar rannten die Münchner die langen Schlussminuten an, nun mit Jamal Musiala verstärkt und schon seit der 46. Minute um Luis Díaz ergänzt, doch der Hamburger Abwehrbeton blieb stabil und überstand brenzlige Situationen. Torwart Daniel Heuer Fernandes und Abwehrchef Luka Vuskovic blieben Herr der Lage. „Das fühlt sich für uns wie eine Niederlage an“, verriet Torwart Manuel Neuer später.
Max Eberl: „Der Schiedsrichter war überfordert“
Die Bayern, erst schläfrig, dann zu schnell im Verwaltungsmodus, blieben zum zweiten Mal verletzlich und zeigen nach dem 1:2 gegen den FC Augsburg und diesem Remis beim HSV menschliche Züge – und eine unschöne Seite: Von der ersten Minute an reklamierten Harry Kane und Joshua Kimmich, was das Zeug hielt. In dieser Kategorie waren sie Spitze und bekamen später Zuspruch von Sportvorstand Max Eberl: „Der Schiedsrichter war überfordert“, behauptete er, vor allem auf einen vermeintlichen Elfmeter kurz vor Schluss bezogen. Harm Osmers hatte aber Fehlentscheidungen auf beide Seiten verteilt. Das klang nach dem Verlust zweier sicher eingeplanter Punkte verdächtig wie schlechter Verlierer.
Der BVB könnte an diesem Sonntag mit einem Sieg gegen den 1. FC Heidenheim auf sechs Punkte herankommen; Spannung sieht anders aus, aber die Bayern spielen in eigenen Kategorien – und weder Auftritt noch Ertrag dieses frostigen Abends dürften sie zufriedengestellt haben. Alles in allem hatten sie auf ihre Art dazu beigetragen, dass dieses Nord-Süd-Duell an faszinierende Aufeinandertreffen der siebziger und achtziger Jahre erinnerte – als der HSV kein kleiner Herausforderer war, sondern ein Kontrahent mit Meisterschaftsambitionen. Aussagen Kompanys zum Spiel gab es in der offiziellen Pressekonferenz nicht; der Coach ließ sich mit Verweis auf den zu kriegenden Flieger entschuldigen.
Mit einem starken Michael Olise ging es schwungvoll über die rechte Seite los; dort doppelten zwei Hamburger den gefährlichsten Bayern-Profi. Schnell wurde aber klar, dass der FCB im Testspielmodus nicht viel bei den heißen Hamburgern erreichen würde; schon Vieiras Schuss in der 24. Minute setzte einen ersten Nadelstich. Neuer wehrte ab. Kimmichs Lattenknaller war ein offensives Lebenszeichen, ehe der HSV Akzente setzte und die Rauten-Fans in der 34. Minute beglückte: Kimmich hatte im Strafraum Nicolai Remberg übersehen, ein Faller und einen Pfiff später durfte sich Vieira ungehindert aus elf Metern versuchen – 1:0 für die Hamburger. Kurios dabei, dass erst Albert Sambi Lokonga wie der Schütze wirkte, ehe Vieira antrat: geschickte Täuschung.
Das Erwartete kündigt sich an
Classic Bayern war der Ausgleich aus dem Nichts durch Harry Kane – 42. Minute, Bakery Jatta hatte gepennt und dem Tabellenführer so den Ausgleich ermöglicht. Der HSV blieb im Spiel, war im Mittelfeld gut positioniert und wunderte sich über manchen Raum, den andere Gegner nicht anbieten. Auch taktisch zeigte sich Polzins Team variabel.
Mit Luis Díaz für Lennart Karl wirkten die Bayern eifrig um einen Treffer bemüht und kamen rasch an ihr Ziel, als er kurz nach der Pause das 2:1 schoss; über Olise und Serge Gnabry lief der Ball diesmal viel zu schnell für den HSV. Das Erwartete kündigte sich an; selten gewinnt der FCB ja zweimal nacheinander nicht. Doch Hamburg blieb giftig, couragiert und voll auf der Höhe; ihr Bester, der unmöglich im Sommer zu halten sein wird, diese Tottenham-Leihgabe also, köpfte das 2:2 – Luka Vušković in der 52. Minute.
Er setzte sich nach feiner Hereingabe von William Mikelbrencis gegen drei Münchner durch und köpfte überlegt ein. Die Bayern hatten Mühe, wieder in den Angriffsmodus zu gelangen. Es waren Einzelaktionen oder hohe Bälle in den Strafraum, die sie in die Nähe eines nächsten Tores brachten. Kompany in seinem schwarzen Rapper-Outfit trieb sein Team nach vorn. Jonathan Tah und Jamal Musiala kamen. Dort wartete ein wohlsortierter HSV, bei dem Vušković, Daniel Elfadli und Nicolas Capaldo jeden Zweikampf nahmen.
Nach Vieiras vergebener Großchance und einer Wechselarie folgte viel Klein-Klein mit viel Gewürge und vielen Gelben Karten auf beiden Seiten. Nun war Gift und Galle in der Partie. Hamburg störte den Spielfluss erfolgreich. Die Bayern mühten sich 99 Minuten, aber der HSV blieb stabil und knüpfte ihnen einen verdienten Punkt ab.
