Normalerweise finanziert der Bund seinen Kreditbedarf geräuschlos über seine Finanzagentur. Doch diese Woche lief es anders. Banken, Fonds, Pensionskassen und Stiftungen waren weniger interessiert als erwartet. So hat die Bundesregierung am Mittwoch die Risikoscheu dieser institutionellen Anleger zu spüren bekommen, die nach dem Angriff der USA und Israels auf Iran und dem Sprung der Ölpreise auf mehr als 100 Dollar je Barrel ausgebrochen ist. Bei einer routinemäßigen Versteigerung von Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit im geplanten Volumen von fünf Milliarden Euro stellte sich nur eine Nachfrage von 4,5 Milliarden Euro ein. Wie die mit dem Schuldenmanagement des Bundes beauftragte Finanzagentur weiter mitteilte, entschloss sie sich daraufhin, nur 3,8 Milliarden Euro an Anleger zu verkaufen.

Der FDP-Politiker Florian Toncar reagierte auf den Verlauf der jüngsten Versteigerung. „Das ist ein Alarmzeichen“, schrieb er auf der Plattform X. Toncar weiß, worüber er urteilt, er war als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium für den Haushalt zuständig – bis der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) Finanzminister Christian Lindner (FDP) aus dem Kabinett warf.
Bundesfinanzministerium gibt sich gelassen
Das jetzt von Lars Klingbeil (SPD) geführte Bundesfinanzministerium sieht hingegen keinen Grund zur Besorgnis. Unsicherheiten im Markt könnten sich in Auktionen auf die Gebotslage von Bundeswertpapieren übertragen, hieß es in Ministeriumskreisen. Aber das sei kein Problem, da der Primärmarktauftritt auf unterschiedliche Marktsituationen ausgelegt sei. Der Bund behalte regelmäßig einen Teil seiner Anleihen zurück, um sie später im Sekundärmarkt zu platzieren. Reichten die Gebote in einer Auktion nicht für eine planmäßige Zuteilung zu marktnahen Renditen aus, werde ein höherer Anteil einbehalten. Wichtig sei, dass die Auktionen zu angemessenen, marktgerechten Preisen zugeteilt werden. Der einbehaltene Anteil der Auktion könne entsprechend der Nachfrage und den gebotenen Preisen flexibel und marktgerecht am Sekundärmarkt platziert werden. „Dies gelingt reibungslos.“
Dass der Bund auf angebotenen Schuldpapieren sitzen bleibt, ist schon vorgekommen, allerdings sehr selten. Normalerweise liegen die Gebote um das 1,7-Fache oberhalb dessen, was der Bund in einer Auktion verkaufen will, wie Tammo Diemer, Geschäftsführer der Finanzagentur im Oktober 2025 im Gespräch mit der F.A.Z. sagte. Eine Überzeichnung gilt als wichtig, um die Auktion zum aktuellen Zinsniveau durchführen zu können. Am Mittwoch indes kam es zu einer deutlichen Unterbietung, was für Toncar mehr ist als Kapitalmarkttechnik.
Renditen für Bundesanleihen so hoch wie zuletzt 2011
512 Milliarden Euro wird die Finanzagentur in diesem Jahr zur Deckung des Haushaltsdefizits des Bundes an neuen Anleihen verkaufen müssen, so viel musste sie sich noch nie in einem Jahr leihen. Das hat zwei Gründe: Erstens benötigt er mehr Kredite als früher. Die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben, die mit neuen Schulden geschlossen wird, ist nach der Lockerung der Schuldenregel größer als früher. Zweitens müssen fällig werdende Anleihen zurückgezahlt werden und müssen dann durch neue ersetzt werden.
Obwohl die Europäische Zentralbank und auch die amerikanische Notenbank Fed in den vergangenen Monaten ihre auf Ausleihungen für nur wenige Tage zielenden Leitzinsen gesenkt haben, sind die langfristigen Zinsen – wenn überhaupt – nur geringfügig zurückgegangen. Fachleute erklären dies mit den langfristig gestiegenen Ausfallrisiken durch die hohen Staatsschulden. Am Donnerstag rentierten Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit mit 2,9 Prozent – so hoch wie zuletzt vor fünfzehn Jahren.
