Wie viele Bücher gerade in Kairo ausgestellt werden, ist kaum zu zählen. Abertausende, die Cairo International Bookfair, die noch bis 3. Februar andauert, zählt zu den größten Buchmessen der Welt. Was sich aber sicher sagen lässt: Die Zahl der präsentierten Bücher ist um zwei kleiner, als sie sein könnte – denn in Ägypten wurden kurzfristig zwei Werke deutscher Autoren verboten. Das berichtet Hamed Abdel-Samad am Telefon, der sich gerade im Ausland aufhält. Er hat beide Bücher geschrieben; eines alleine, den Roman namens „Die Wolkenfabrik“. Und ein Sachbuch mit Philipp Peyman Engel als Co-Autor. „Dialog mit meinem jüdischen Freund“, heißt es.
Wobei, was heißt hier Dialog? Der in Gizeh geborene Publizist Abdel-Samad und Engel, der Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen – sie streiten in dem Buch heftig über den Krieg in Gaza. Unter dem Titel „Was darf Israel“ war es im Herbst 2025 zunächst auf Deutsch erschienen. „Es gibt fast kein Thema, das so polarisiert und kontrovers diskutiert wird wie der Nahostkonflikt und Israels Reaktion auf den blutigen Terror der Hamas“, sagt Philipp Peyman Engel. Allzu oft werde diese Diskussion feindselig geführt, polemisch, oft auch verletzend und unsachlich. „Wir haben versucht, es besser zu machen.“

:„Was hat dich bloß geritten?“
Philipp Peyman Engel, der Chefredakteur der „Jüdischen Allgemeinen“, und der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad streiten sich über die Frage: „Was darf Israel?“ So scharf umrissen standen die beiden Positionen zum Gaza-Krieg noch in keinem Buch.
Entsprechend groß war die Freude bei den Autoren, als mit Al Mahrousa ein renommierter Verlag aus Kairo anfragte, ob er das Buch nicht nachdrucken könnte. „In einigen arabischen Staaten kann man mittlerweile durchaus offen über Israel diskutieren“, sagt Abdel-Samad. „In Marokko etwa oder in Dubai – selbst in Saudi-Arabien“. Sein Heimatland Ägypten gehörte bislang nicht dazu, obwohl es seit 1979 einen Friedensvertrag mit dem jüdischen Nachbarn geschlossen hat.
Den sogenannten Streisand-Effekt scheint man in Kairo nicht bedacht zu haben
Nun ist das Buch übersetzt, seine Veröffentlichung eigentlich genehmigt, das arabische Cover in Anlehnung an Warhol-Drucke mit bunten Porträts der beiden Autoren gestaltet – ausgeliefert wird es aber nicht, die Behörden haben interveniert. Wobei sich die Zensoren aber wahrscheinlich nicht einmal an den Aussagen seines „jüdischen Freunds“ Engel gestoßen haben, der das Vorgehen der israelischen Regierung in Gaza verteidigt, vermutet Abdel-Samad. Sondern an seinen eigenen sonstigen publizistischen Aktivitäten: Sein Roman „Die Wolkenfabrik“ beschäftige sich mit Sterbehilfe, zuletzt ging ein Video von ihm viral, in dem er sich für einen Blogger einsetzte, der wegen seiner atheistischen Ansichten festgenommen wurde und seit Langem ohne Anklage in Haft sitzt. Seine Religionskritik käme bei der konservativen Beamtenschaft nicht gut an. „Ägypten ist offensichtlich noch immer ein Polizeistaat“, sagt er.
Den sogenannten Streisand-Effekt, dass verbotene Inhalte sich manchmal am schnellsten verbreiten, scheint man in Kairo jedoch nicht bedacht zu haben: „Um unser Buch eine Debatte auszulösen, war das Dümmste, was der Staat machen konnte“, sagt Hamed Abdel-Samad, die Beamten hätten dem Thema so nur zu Prominenz verholfen. „Wir kommen gar nicht hinterher, die Mails von Ägyptern und anderen arabischen Leser zu beantworten, die bitten, das Buch zugeschickt zu bekommen“, erzählt Philipp Peyman Engel. Und so trägt es nun auch in Ägypten zu einer neuen Debattenkultur bei. Auf Arabisch, als PDF – und kostenlos.
