Am Ende ist es nur die halbe Wahrheit. Dass nämlich der Aufstieg der Fotografie in den Olymp der schönen Künste in den vergangenen 30, 40 Jahren selbst ein Stück Popkultur markiert. Es fällt einem rasch mehr als bloß eine Handvoll Namen ein, die für ein inniges, Kunst und Pop gleichermaßen befruchtendes Verhältnis beider Sphären stehen. Hat etwa Wolfgang Tillmans’ Weg in die Museen, Galerien, Kunstvereine weit abseits des Betriebs begonnen. Mit Aufnahmen aus der Szene, die in den Achtzigerjahren in Zeitschriften wie „Tempo“ oder „Spex“ erschienen sind. Und mithin gut und gern 15 Jahre, bevor Tillmans als erster Fotokünstler überhaupt den renommierten Turner-Preis erhielt.
Oder Anton Corbijn, der längst international gefeiert wird, nicht nur für seine ziemlich großartig fotografierten Filme, etwa über Ian Curtis und die Post-Punker von Joy Division. Sondern auch und gerade für seine stilbildenden, das Image von Bands wie U2 und Depeche Mode weniger bebildernden als erst begründenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Mehr noch, im Grunde hat der mittlerweile 70 Jahre alte niederländische Fotograf seinen Weg zur Kunst als Fan gefunden: War er doch in den Siebzigerjahren allein deshalb nach London gegangen, um seinen Idolen wie Joy Division nah zu sein. Insofern muss man nicht gleich einen neuen Trend ausrufen. Und doch ist allemal bemerkenswert, wie Kunst, Fotografie und Popkultur in diesem Frühjahr in zahlreichen Ausstellungen ganz selbstverständlich zueinanderfinden.
Als seien sie immer schon Geschwister. Und womöglich scheint nun Mike Diamond den Besuchern in Frankfurt mit auf ihren Weg zu geben, womöglich sind sie das ja auch. „Wir konnten all dies nur dank der großartigen Menschen erreichen, denen wir begegnet sind und mit denen wir zusammengearbeitet haben“, bringt der Mitbegründer der legendären Beastie Boys den Gedanken der Wahlverwandtschaften in der Popkultur auf den Punkt, der seinem eigens für das Jüdische Museum konzipierten Ausstellungsprojekt „Mishpocha. The Art of Collaboration“ zugrunde liegt. Mit einem durchaus bemerkenswerten Akzent auf der hiesigen Szene.

Nicht nur ist mit der Frankfurterin Sandra Mann und ihrer „Nightlife-Serie“ eine Position vertreten, die exemplarisch die symbiotische Beziehung beider Kulturen vorstellt. Man kann mit den Bildern Daniel Herrmanns eintauchen ins Nachtleben des einst auf Initiative von Heiner Blum von Ata Macias und Sebastian Kahrs gegründeten Techno-Clubs Robert Johnson. Open Stages etwa vor dem Museum, Workshops und Satellitenausstellungen, zu Tätowierungen in der Kunst der Gegenwart in den Opelvillen Rüsselsheim, runden das Programm ab. Dabei ist auch hier der Szene- oder Community-Gedanke für das Konzept der Präsentation zentral.
Nimmt doch „Unter die Haut“, so der Titel der Rüsselsheimer Schau, ihren Ausgang im Nachlass von Herbert Hoffmann, der Tätowierer und Fotograf gewesen ist, schlägt mit Jan Zappners „Mischpoche“-Serie einen Bogen zurück zur Ausstellung im Jüdischen Museum, und ist mit den Positionen Valie Exports, Ruth Martens oder Sandra Manns doch weniger Szenetreff als ganz entschieden Kunstausstellung. Was sich für die Darmstädter Tage der Fotografie ohnehin von selbst versteht, die mit Ausstellungen auf der Mathildenhöhe, im Designhaus oder mit Annegret Soltaus „Vatersuche“ im Kunstforum gleich zehn Orte in der ganzen Stadt bespielen.

Auch die Frühjahrsausstellung im Hessischen Landesmuseum ist hier im Programm gelistet, dabei spielt Bryan Adams nicht nur als Popstar, der er in erster Linie ist, in seiner ganz eigenen Liga. Und wird es deshalb, anders als Mike Diamond von den Beastie Boys, der sein Kommen zur Eröffnung von „Mishpocha“ angekündigt hat, kaum zur Vernissage nach Darmstadt schaffen. Ist doch der Kanadier gerade auf Tournee in Südamerika, während „#ShotbyAdams“, so der Titel der längst als Marke etablierten Schau, im Auftrag des Künstlers organisiert von einer Hamburger Agentur, schon seit einer Weile in Europa tourt. Poppiger, mag man da im Hinblick auf den Kunstmarkt denken, populärer, marktgerechter aber auch, geht es im Grunde nicht.
Zumal das fotografische Werk von Bryan Adams wesentlich das Porträt fokussiert. Bildnisse also von Kate Moss etwa und Amy Winehouse gehören zu seinem Werk ebenso wie Fotografien von Mick Jagger, Robbie Williams oder Alice Cooper und einer Menge Celebrities aus dem Innersten des Pop-Business mehr, die mitunter in Zeitschriften wie „Vogue“, „Esquire“ oder „Harper’s Bazaar“ erschienen sind – und im Museumskontext naturgemäß als Kunst wahrgenommen werden wollen. Und doch ist Bryan Adams als Fotograf nicht selbst ein Lifestyle-Phänomen: Seine Arbeiten taugen nicht als klischeehaftes Indiz für die Unterwanderung des elitären Kunstbetriebs durch die von Kommerz geprägte Populärkultur.
Eher schon ist Bryan Adams ein Popstar, der zugleich seit vielen Jahren auch als Fotograf erfolgreich ist. Mit Bildern anderer Stars naturgemäß, indes, wie „#ShotbyAdams“ zeigt, immer wieder auch von Menschen, die, statt im Scheinwerferlicht, auf dem Laufsteg und dem roten Teppich, eher am Rande der Gesellschaft stehen. Das gilt für eine Serie wie „Wounded: The Legacy of War“ geradeso wie für „Homeless“. Jene als Auftragsarbeit entstandene Folge respektvoller Porträts von auf den Straßen Londons lebenden Wohnungslosen, die im Obdachlosenmagazin „The Big Issue“ erschienen ist.
Mag sein, die meisten Besucher von „#ShotbyAdams“ werden wohl eher nicht wegen der Porträts von Sam Woodlock, Peter Le Page oder Chris Stanion kommen. Nicht für die Schwarz-Weiß-Aufnahmen Wohnungsloser also, sondern wegen all der großen Namen wie Naomi Campbell, Amy Winehouse oder eben Bryan Adams. Der Kunst aber tut das vermutlich keinen Abbruch.
#ShotbyAdams, Landesmuseum Darmstadt, bis 21. Juni, Mishpocha. The Art of Collaboration, Jüdisches Museum Frankfurt, 17. April bis 27. September. Unter die Haut. Tattoos im Blick, Opelvillen Rüsselsheim, 30. April bis 13. September, Darmstädter Tage der Fotografie, vom 24. April an.
