Man kann als letztgültige These zur Welt vielleicht mal wieder dies festhalten: Es gibt immer einen größeren Fisch. Ganz egal, wie gigantisch und übermenschlich die Leute sind, irgendwem eifern sie alle nach. Vor mindestens einem (oder einer) zittert jeder. Für den zwischenzeitlich als Gott gepriesenen Gitarristen Eric Clapton, nur zum Beispiel, war es der von irgendwo weit hinterm Mars eingeflogene Jimi Hendrix. Der wiederum soll in Fragen des Songwritings, Textens und ganz allgemein der Wahrhaftigkeit einigermaßen schlotternd auf Bob Dylan geblickt haben. Und so weiter.
Von Robbie Williams lässt sich recht fundiert behaupten, dass er während der bei ihm weithin übergangslos gedehnten Phase zwischen später Pubertät und früher Midlife-Crisis, also etwa von den frühen Neunzigern bis heute, sehr gerne Liam Gallagher gewesen wäre. Der wiederum vor allem in jenen Momenten, in denen er wie ein in LSD-getränkter Spargel krumm und arschcool über die Bühnen der Welt lümmelt, dem Stone-Roses-Frontmann Ian Brown huldigt. Und in allen anderen John Lennon.

Das ist hier nun deshalb interessant, weil Williams sich erstens (angeblich spontan) entschieden hat, die Veröffentlichung seines neuen Albums um drei Wochen vorzuziehen. Und weil er dieses Album (sorgfältig geplant und inhaltlich einigermaßen stimmig) „Britpop“ genannt hat. Was auf diversen Ebenen zunächst mal eine fantastische Nachricht ist.
Mit etwas Glück bewahrt es die Welt vor allem anderen mal davor, dass Oasis selbst sich mit dem Versuch lächerlich machen müssen, den sogenannten Spirit von einst noch einmal auszugraben. Zum anderen bringt es Williams aber auch endlich zurück zu neuer Musik.
Man hört, mit welcher Unbekümmertheit Williams diese Lieder eingesungen hat
Der Sänger war in den vergangenen Jahren ja arg als Verwalter und altersgütiger Haupterzähler seiner eigenen Geschichte gebucht. Mit einer bemerkenswert langweiligen Netflix-Serie, in der er in sehr engen Unterhosen auf einem Bett lag und alte Videos von sich selbst kommentierte. Mit einem bemerkenswert kurzweiligen Blockbuster-Film, in dem er von einem computeranimierten Schimpansen verkörpert wurde. Und vorher und nachher mit Tourneen, die Hit-satt waren, bombastisch und gleichzeitig immer wieder pantomimenhaft schön und intim. Aber doch auch latent Gefahr liefen, zum Vorort-gefällig vertonten Wikipedia-Eintrag zu werden. Und jetzt, gleich zu Beginn, ein Song mit Tony Iommi.
Der Gitarrist Iommi hat seine Greifhand Mitte der 60er-Jahre mal in einer Blechpresse versenkt und darüber die Kuppen von Ring- und Mittelfinger eingebüßt. Um weiterhin spielen zu können, setzte er Plastikprothesen auf, zog sehr dünne Saiten auf sein Instrument, stimmte die tiefer und erfand so, aus Versehen und mit einer Band namens Black Sabbath, das Hippie-Verschrecker-Genre Heavy Metal. Auf „Rocket“, dem Opener von „Britpop“, schmiert er denn auch gleich mal ein paar ölig-schwarze Riffs in die Szenerie. Dazu gibt es drüber und drunter und drum herum tolles Up-Tempo-Rock-Gerüpel und einen Text, in dem Williams mit viel Nachdruck feststellt, er wäre für eine nicht exakt benannte Gruppe von Menschen gerne „die Rakete“. Eine Metapher vermutlich. Es muss enorm Spaß gemacht haben, das aufzunehmen.
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Was auch für einen Schwung der anderen Songs gilt. Für das neongrelle, Papageien-zickige „Bite Your Tongue“, in dem die Sirenen heulen und die Gitarren glaskalt und bissig herumpicken. Für das breitbeinige, von Wuchtklavieren vorwärtsgehämmerte „Cocky“ („You get to talk to Jesus, I get to talk to god“). Für das von sehr unpeinlichen Streichern getragene Lied über das Abklingen der Drogen, über die miese Sonne, die die wohlige Dunkelheit vertreibt, und die verdammten Vögel, die daraufhin wieder ihre Unflätigkeiten zwitschern: „And it’s all good until the birds start chirping / The strangers leave and the drugs stop working“.
Man hört, fühlt, weiß nahezu, mit welcher Schwerelosigkeit, Freude und Unbekümmertheit Williams diese Lieder eingesungen hat. Erahnt die wiedergewonnene Naivität, mit der er, endlich, das Album geschrieben und veröffentlicht hat, das „ich nach meinem Ausstieg bei Take That im Jahr 1995 machen wollte“ (er über das Werk). Und wem dieses einigermaßen bezaubernde Gefühl genügt, lese an dieser Stelle nicht weiter.
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Wirklich gute Musik bringt das Ganze nämlich trotzdem kaum hervor. „Britpop“ will hymnisch sein, wuchtig, rotzig und unbekümmert. Und verwechselt das viel zu oft mit Streichersülz, Bombast und pseudofrechen Plattitüden, die leider auch noch hauptsächlich von früher künden („We used to stay up all night, thinking we were all spies“). Außerdem enthält es mit „Human“ und „Morrissey“, einer schwiemeligen, Spandex-blöden Synthie-Nummer über einen „exzentrischen“ Sänger, der von den Traurigen dieser Welt angehimmelt wird, zwei der erbärmlichsten Songs in Williams unbedingt beeindruckend langer Karriere. Zu viel kommt auch sonst nicht über Mimikry hinaus.
„Britpop“ ist damit wie „Swing When You’re Winning“ – nur mit den Gallaghers anstelle von Frank Sinatra als Krafttiere. Was natürlich erst mal ein guter, wahrscheinlich sogar mutiger Gag ist. Ob dieser Gag allerdings albumlang werden musste, ist eine andere Frage.
