
Viereinhalb Minuten der siebenminütigen Nachspielzeit waren schon vorüber, und wenig deutete darauf hin, dass hier noch etwas passieren würde. Doch als alle schon mit einem Ende der Dortmunder Serie und bis auf Weiteres wohl auch der Meisterschaftshoffnungen der Schwarz-Gelben rechneten, ereignete sich in Leipzig noch etwas – eine emotionale Explosion.
Und so wie Torschütze Fabio Silva und seine Kollegen vor dem Dortmunder Fanblock ihrer Erleichterung freien Lauf ließen, musste man das wohl so verstehen: Vorbei ist es mit diesen Borussen erst, wenn es wirklich vorüber ist. Es wäre aus Dortmunder Sicht eine schöne, aber nach den fast 100 Minuten Fußball auch etwas übertriebene Pointe gewesen, hätte Julian Brandt sogar noch den Siegtreffer erzielt.
Dortmund hat acht Punkte Rückstand auf den FC Bayern
Nach dem 2:2 geht der BVB mit acht Punkten (sowie fast 40 Toren) Rückstand in den Klassiker gegen den FC Bayern am kommenden Samstag (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) in Dortmund. Den Lederhosen-Auftrag bekamen sie in Leipzig von ihren Fans mit auf den Weg.
Dann aber wird sich der BVB besser und wieder stabiler präsentieren müssen als in diesem Spiel. Lange schien ausgemacht, dass das Team von Niko Kovač nach 15 Spielen ohne Niederlage diesmal fällig sein würde. Unerwartete Löcher in der Abwehr und weitgehende Harmlosigkeit im Spiel nach vorn waren eine toxische Mischung, aus der Christoph Baumgartner vor der Pause mit seinen Saisontoren neun und zehn Kapital schlug (20. und 40. Minute).
Dabei war offensichtlich, dass die Leipziger mit ihrem Trainer Ole Werner es auf die rechte Abwehrseite des BVB abgesehen hatten, wo das Tempo und die Tricks des 19 Jahre alten Diomande auf die Unerfahrenheit des 18 Jahre alten Reggiani trafen, dem auch die erfahreneren Kollegen keine Hilfe waren.
Nach der Pause kam der BVB zwar auf die Schnelle heran, durch ein Eigentor des Leipzigers Romulo (50.). Aber auch danach blieben die Bemühungen lange wirkungslos – bis die Stunde der Eingewechselten schlug: Brandt fand Adeyemi, der wiederum Fabio Silva.

Dessen Treffer war zugleich auch ein herber Dämpfer für die siegesgewissen Leipziger, die ihre Anwartschaft auf einen Platz in der Champions League untermauern wollten, oder besser: sollten. Jüngst hatte ja Oliver Mintzlaff, der Aufsichtsratschef, den Geist der Erwartung aus der Dose gelassen, nicht zum ersten Mal in einer Situation, in der die fürs Sportliche Verantwortlichen ihn lieber unter Verschluss gewusst hätten – Marco Rose verfolgte er einst auf Schritt und Tritt.
Nun arbeitet Werner daran, sich und sein Team davon zu befreien, und am Samstagabend sah das erst einmal ziemlich gut aus. Eine halb neue Startelf hatte er auf den Rasen geschickt: Raum, Lukeba, Baku und Romulo begannen für Henrichs, Finkgräfe, Nusa und Harder, außerdem ersetzte Vandevoordt im Tor den verletzten Gulacsi.
Kapitän Can und Schlotterbeck nicht rechtzeitig fit
Kovač wiederum begnügte sich mit einem Wechsel, für Brandt startete der frühere Leipziger Sabitzer. Kapitän Can und Schlotterbeck waren nicht rechtzeitig fit geworden, vor allem Letzterer wurde diesmal schwer vermisst. Wie schon beim 2:0 im Champions-League-Hinspiel gegen Bergamo begann der junge Italiener Reggiani rechts im Dreier-Abwehrblock.
Schon früh deutete sich an, dass die Leipziger dort nach der Lücke suchen würden. Und nach 20 Minuten hatten sie damit zum ersten Mal Erfolg. Es war nicht Reggiani, sondern Ryerson, der versuchte, Diomande zu stellen, aber der Dortmunder konnte dessen Bewegungen schlicht nicht folgen, und weil in der Mitte Baumgartner im richtigen Moment aus der – für Dortmunder Verhältnisse nachlässigen – Deckung vor dem Tor gekommen war, hieß es 1:0.
Vorher hatte sich dem BVB die Gelegenheit zur Führung geboten, als nach acht Minuten Beier auf Vandevoordt zulief; seine Schussidee war aber zu unklar, um zum Erfolg zu kommen.
Trainer Kovač hatte vom nun angebrochenen letzten Saisondrittel als „Crunchtime“ gesprochen, und das konnte man am Samstagabend in mancher Szene auf dem Rasen wörtlich nehmen, es rumpelte und krachte, Leipzigs Gruda übersprang Bensebaini und räumte dabei beinahe Kovač ab, Kobel wiederum rempelte Baumgartner aus seinem Revier. Der aber ließ es sich nicht nehmen, dort immer wieder aufzutauchen.
Christoph Baumgartner ist wieder zur Stelle
Dreimal fehlten jeweils ein paar Zentimeter: bei der flachen Hereingabe von Romulo, der hohen von Diomande und der halbhohen von Raum. Die richtige Kombination fand RB dann mit Raum/flach, wieder war Baumgartner zur Stelle – 2:0. Der BVB kam vor der Pause noch zu einem Freistoß von Sabitzer, der Gefahr verhieß, aber das Resultat war der passende Ausdruck der Kräfteverhältnisse.
Einem Rückstand hinterherlaufen zu müssen, ist eine Situation, die sich nicht so gut mit dem Kovač-Fußball verträgt. Allerdings konnte der BVB auch diesmal auf eine Spezialität bauen: Eine Standardsituation führte zum schnellen Anschluss. Bensebaini verlängerte einen Eckball von Ryerson per Kopf, Romulo wirkte zwar nicht so unter Druck, dass er die Orientierung verlieren musste, dennoch beförderte er den Ball ins eigene Tor.
Doch aus dem Spiel heraus tat sich der BVB weiter schwer. In der 64. Minute versuchte Kovač es mit einem Dreifachwechsel: Brandt, Chukwuemeka und Yan Couto kamen für Beier, Nmecha und Reggiani, später Fabio Silva für den diesmal wirkungslosen Guirassy und Adeyemi für Sabitzer, doch zu klaren Chancen führte das nicht.
Kurz vor Ende der regulären Spielzeit hätten Adeyemi und die Borussen gern einen Elfmeter gehabt, aber es war eher so, dass der Dortmunder den Leipziger Lukeba mitriss. Etwas Mitreißendes ganz anderer Art aber hatten sich die Dortmunder noch aufgehoben.
