Böser Familienstreit? Die Medien und der Fall Pelicot

In ihrem neuen Buch „Ich kämpfe für die Wahrheit“, das diese Woche erscheint, schreibt Caroline Darian, die Tochter von Gisèle Pelicot, über ihr Leben nach dem Prozess: „Es wird ein neues Kapitel aufgeschlagen, das schon, aber diese öffentlich gewordene Familienangelegenheit hinterlässt unauslöschliche Spuren und brandmarkt uns für immer.“

Mit diesem Satz hat Darian in mehrerer Hinsicht recht. Man wird den Namen Pelicot für immer mit einem der prominentesten Prozesse der Justizgeschichte verbinden. Er stimmt aber auch, weil das Leben der Pelicots eine Art öffentliche Familiensaga geworden ist, über die manche Medien berichten wie über die neuste Folge einer Reality-TV-Show. „Paris Match“ veröffentlichte „exklusive Bilder“ von Gisèle Pelicot und ihrem neuen Partner, der Vorspann des Artikels klang wie ein billiger Filmtrailer. Das ist Boulevard, klar, doch auch seriösere Medien waren, wenngleich in anderem Ausmaß, sehr am Familienleben der Pelicots interessiert.

Ist das Verhältnis zur Mutter wirklich so relevant?

Im Sommer gab Darian dem britischen „Telegraph“ ein Interview. Es ging um ihr erstes Buch „Und ich werde dich nie wieder Vater nennen“, über die Verbrechen ihres Vaters Dominique Pelicot und die Auswirkungen auf ihr Leben. Zu diesen Auswirkungen gehört, dass Darian und ihre Mutter keinen Kontakt zueinander haben. Das Interview trug den Titel: „Gisèle Pelicot’s daughter: I don’t speak to my mother. She won’t believe I was a victim of my father.“ Der „Spiegel“ machte eine Meldung daraus: „Tochter von Gisèle Pelicot hat nach eigenen Angaben keinen Kontakt mehr zur Mutter“. Im „Stern“ erschien ebenfalls ein Interview mit Darian, hier unter der Schlagzeile: „Meine Mutter hat mich allein gelassen“.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



An dieser Stelle sollte man sich noch einmal vor Augen führen, was passiert ist: Ein Mann hat seine Frau über Jahre betäubt, vergewaltigt und andere Männer eingeladen, es ihm gleichzutun. Er hat seine Schwiegertöchter und seine Tochter heimlich fotografiert, Letztere möglicherweise auch vergewaltigt. Er hat schon in den Neunzigerjahren versucht, eine junge Immobilienmaklerin zu vergewaltigen, das hat er zugegeben, ob er eine andere Immobilienmaklerin ebenfalls vergewaltigt und sogar getötet hat, wird untersucht. All das schildert Darian in ihrem neuen Buch. Ist der zentrale Punkt, den man hervorheben sollte, wirklich, wie sie sich mit ihrer Mutter versteht?

Werbung für einen Verbrecher

Dass es offenbar ein Zerwürfnis in der Familie gibt, ist nur insofern interessant, als es beweist, welche Auswirkungen Missbrauch auf die Opfer und ihr gesamtes Umfeld hat. In dieser Hinsicht sind die Pelicots keine Ausnahme. Diesen gesellschaftlichen Aspekt erwähnen die Texte aber nicht, sie lassen es klingen wie Klatsch und Tratsch über einen hässlichen Familienstreit.

Nun könnte man sagen, dass Darian dazu beiträgt, indem sie ein zweites Buch geschrieben und zahlreiche Interviews gegeben hat, in der Öffentlichkeit also über das Verhältnis zu ihrer Mutter spricht. Sie tut das aber differenzierter, als die Schlagzeilen vermuten lassen. So sagte sie zuletzt in einem Interview mit der „Zeit“, dass sie sich nun seltener in den Medien äußere: „Oft entstehen Texte, die meiner Familie nicht gerecht werden.“

Doch es scheint verlockend zu sein, mit der Familie noch ein paar Clicks zu machen. Im November kursierte die Meldung, Dominique Pelicot habe Notizbücher voller „Gedichte und Romane“ verfasst und suche einen Verlag für seine „Bekenntnisse“. Bisher habe er noch keinen gefunden. Das war also eine Nichtmeldung, denn außer der Tatsache, dass Pelicot zum Stift gegriffen hatte, war nichts passiert. Warum also darüber berichten? Leider kann man nicht ausschließen, dass irgendein Verlag dieses Buch, das sich vermutlich verkaufen würde, dann doch druckt. Werbung wurde ja ausreichend gemacht.

Im Februar erscheint übrigens das Buch von Gisèle Pelicot, „Die Scham muss die Seite wechseln“. Vielleicht ist das ja ein Anlass, mal wieder über das eigentliche Thema zu reden: die Verbrechen ihres Mannes und das Ausmaß von sexuellem Missbrauch in unserer Gesellschaft.