Biontech-Gründer Şahin und Türeci verlassen Unternehmen – Wirtschaft

Die Impfstoff-Pioniere und Biontech-Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci werden das in der Corona-Pandemie weltweit bekannt gewordene Unternehmen verlassen und ein neues gründen. Die Eheleute scheiden spätestens Ende 2026 aus, dann enden ihre aktuellen Dienstverträge, wie Biontech in Mainz mitteilte.

Ihr neues Biotechnologie-Unternehmen soll sich demnach der Entwicklung der nächsten Generation von Medikamenten auf mRNA-Basis widmen. Anteilseigner von Biontech wollen die Eheleute aber bleiben, derzeit halten sie nach Unternehmensangaben rund 15 Prozent.

Geplant ist laut Biontech, Rechte und mRNA-Technologien in das neue Unternehmen einzubringen. Im Gegenzug bekomme Biontech eine Minderheitsbeteiligung an der neuen Firma sowie Lizenzgebühren. Auch seien Meilensteinzahlungen vereinbart worden, Biontech wird also bei Erreichen bestimmter Entwicklungsschritte Geld von dem neuen Unternehmen erhalten.

Viele Auszeichnungen und satte Gewinne

Şahin und Türeci hatten Biontech 2008 gegründet. Ziel war die Entwicklung von Krebstherapien auf mRNA-Basis. In der Corona-Pandemie wurden kurzerhand dann alle Kapazitäten der Mainzer in die Entwicklung eines mRNA-Vakzins gegen Covid-19 gesteckt – mit Erfolg. Das Unternehmen gewann das Wettrennen gegen eine Reihe von Mitbewerbern und erhielt gemeinsam mit dem US-Partner Pfizer die erste Marktzulassung für einen Corona-Impfstoff.

Biontech verdiente in der Folge Milliarden und expandierte kräftig. Şahin und Türeci erhielten zahlreiche renommierte Auszeichnungen, darunter 2021 das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und 2022 gemeinsam mit ihrer einstigen Weggefährtin und späteren Nobelpreisträgerin Katalin Karikó den Paul-Ehrlich-und-Ludwig-Darmstaedter-Preis, einen der wichtigsten Medizinpreise Deutschlands.

Jahre nach der Pandemie sind Gewinn und Umsätze bei Biontech wieder deutlich geschrumpft, und obwohl das Geschäft mit dem Corona-Vakzin weiterläuft, steht längst wieder die Forschung an mRNA-Therapien gegen Krebs und andere Krankheiten im Mittelpunkt.

Nach wie vor ist das Vakzin das einzige Biontech-Produkt am Markt, das regelmäßig weiterentwickelt wird. Die Hoffnungen für die Zukunft ruhen auf mehreren späten klinischen Studien für Krebspräparate. Biontech peilt bis 2030 mehrere Zulassungsanträge für Onkologie-Therapien an.

Biontech hatte Konkurrenten Curevac übernommen

Und warum nun der Ausstieg Şahins und Türecis? „Özlem und ich wollen ein weiteres Mal als Pioniere neue Wege beschreiten“, sagte Şahin in einer Mitteilung. Es sei schon immer ihre Vision gewesen, Wissenschaft in Fortschritte für Patientinnen und Patienten zu überführen. Nun biete sich die Chance, die nächste Generation an Innovationen zu erschließen.

Sowohl Şahin als auch Türeci sind Kinder türkischer Einwanderer. Şahin zog im Alter von vier Jahren mit seiner Familie aus der Türkei nach Köln, wo sein Vater bei Ford arbeitete. Die in Siegen geborene Türeci wuchs im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg auf, ihr Vater arbeitete als Arzt in einem katholischen Krankenhaus. Die beiden lernten sich während ihrer medizinischen Ausbildung an der Uniklinik im saarländischen Homburg kennen, gemeinsam gingen sie später nach Mainz.

Die Ankündigung dieses Schritts erfolgt einige Monate nach einem großen Deal in der deutschen Biotechnologie-Branche. Biontech hatte den einstigen Konkurrenten im Rennen um einen Corona-Impfstoff, das Tübinger Unternehmen Curevac, übernommen. Zuvor hatten Biontech und Curevac ihren Streit um Corona-Vakzin-Patente beigelegt.

Name des neuen Unternehmens noch nicht bekannt

Nach dem angekündigten Abschied von Şahin und Türeci hat der Aufsichtsrat von Biontech nun damit begonnen, Nachfolgerinnen und Nachfolger für die beiden zu suchen, um einen reibungslosen Übergang sicherzustellen, wie es hieß. Şahin und Türeci hätten im Laufe ihrer Karriere immer wieder ihre Innovationskraft unter Beweis gestellt, sagte Aufsichtsratschef Helmut Jeggle. Man unterstütze sie bei ihrer Entscheidung, „die Chance zu ergreifen, ihre Stärken und volle Aufmerksamkeit einem neuen Unternehmen zu widmen, um das volle Potenzial von mRNA-basierten Technologien auszuschöpfen“.

Wie das neue Unternehmen heißen, wo es sitzen und welche Gesellschaftsform es haben wird, ist noch nicht bekannt. Es soll aber definitiv keine Tochtergesellschaft von Biontech werden. Für Şahin und Türeci ist es nach Biontech (2008) und Ganymed Pharmaceuticals (2001) die dritte Gründung.

Das Impfstoffgeschäft von Biontech und die weitere Entwicklung der Pipeline mit möglichen neuen Produkten bleibe von dem Ausstieg der beiden unberührt, betonte Biontech. Şahin sagte, er und Türeci hätten Biontech in 18 Jahren von einem Start-up zu einem globalen biopharmazeutischen Unternehmen aufgebaut. Das Unternehmen sei sehr gut aufgestellt, um sich als kommerzielles Biopharma-Unternehmen mit mehreren zugelassenen Produkten zu etablieren.
Das werden Şahin und Türeci, die trotz des ganzen wirtschaftlichen Erfolgs im Herzen stets Wissenschaftler geblieben waren, nun ein Stück weit von der Seitenlinie aus begleiten.