Wenn der Winter geht, geht auch der Wintersport. Die Loipen und Rodelbahnen leeren sich, der Weltcupzirkus fällt in einen Sommerschlaf: Regeneration, Grundlagenarbeit, ein paar Höhentrainingslager – das ist die übliche Dramaturgie für die Wintersportler in den Monaten zwischen den Saisons. Aber wer auch ohne Schnee im Fokus der Sportwelt stehen will, muss kreativ werden, wie der ehemalige Biathlon-Weltmeister Émilien Jacquelin. Der 30-Jährige beginnt am 1. Mai ein Praktikum beim Nachwuchsteam des Radsport-Rennstalls Decathlon CMA CGM.
Da er nicht für das World Tour Team, die erste Mannschaft, fährt, ist er mit 30 Jahren mit Abstand der Älteste. Der Zweitälteste ist der 23-jährige Neuseeländer Nate Pringle. Dort bekommt Jacquelin die Möglichkeit, das Radfahren auszuprobieren – eine Disziplin, die laut Marketingdirektor Jean-Baptiste Quiclet „eine der Grundlagen seines Biathlontrainings“ darstellt. Gleichzeitig steht Jacquelin nicht unter dem Druck, erfolgreich sein zu müssen. Vielmehr soll er testen, wie gut sich seine Ausdauerleistung von der Loipe auf den Asphalt übertragen lässt.

:Historischer Tiefpunkt
Noch nie schnitten die deutschen Biathleten in einem Winter mit so schwachen Ergebnissen ab. Worin die Gründe zu finden sind – und welche Schritte den Erfolg zurückbringen könnten.
Vom Wintersport in den Radsport zu wechseln, scheint ein erprobtes Modell zu sein. Der deutsche Shootingstar Florian Lipowitz kommt ebenfalls vom Biathlon. Seine Teamkollegen Primoz Roglic, Skispringen, und Emil Herzog, Skilanglaufen, haben auch ihren Weg vom Winterzirkus ins Peloton gefunden. Aber Jacquelin will nicht einfach vom Biathlon aufs Rad wechseln. Da die Biathlonsaison dann endet, wenn die Radsaison startet – und andersherum –, will der Franzose beide Sportarten betreiben. Also weder Winterschlaf noch Sommerschlaf. Wie soll das gehen?
„Die Idee ist, dass er sich zunächst von seiner Wintersaison erholt“, sagt der Manager des Nachwuchsteams Guillaume Bonnafond, „bevor er mit einem anaeroben Trainingsblock in den Aufbau einsteigt.“ Und nach sechs Monaten Radfahren geht es dann im November wieder auf die Loipe und an den Schießstand. Denn die Olympischen Winterspiele 2030 in Frankreich werden „ein klares Ziel bleiben“, sagt Jacquelin. Dort will der gebürtige Grenoblois auch mithilfe des Radfahrens noch fit genug sein für die Spiele, und für die Spitze.
Ein „Kindheitstraum“ von Émilien Jacquelin geht in Erfüllung
Jacquelin gehörte in den vergangenen Jahren zu den erfolgreichsten Athleten im Biathlon. 2020 und 2021 wurde er jeweils Weltmeister in der Verfolgung, in den Jahren danach holte er mit Staffeln noch drei weitere WM-Titel. Und jüngst bei den Olympischen Spielen gab es eine goldene Medaille in der Staffel und eine bronzene in der Verfolgung. Zugleich holte er in diesem Winter viele zweite Plätze im Weltcup, ganze neun Stück. Und jetzt soll ihn der Ausflug in die Radszene noch erfolgreicher machen und seine Mentalität stärken – und das Quäntchen aufarbeiten, das ihm zuletzt für Rang eins fehlte. Die Trainingsmethoden, die Ernährungsberatung, die strikte Teamstruktur, all das werde ihm helfen, „mich zu entwickeln und ein neues Level zu erreichen“, glaubt Jacquelin.
So ganz aus dem Nichts kommt das für alle Beteiligten natürlich nicht. „Es ist ein Projekt, das in meinem Hinterkopf gereift ist“, sagt Jacquelin. Dazu soll er gute Kontakte zu dem französischen Radrennstall haben: etwa zu Sportdirektor Sébastien Joly und Fahrer Aurélien Paret-Peintre. Außerdem erfüllt er sich damit einen „Kindheitstraum“, weil er schon seit seiner Jugend eine Radsportkarriere angestrebt hatte. Dieses Ziel kann er jetzt verwirklichen.
Auch während der Olympischen Spiele in Italien zeigte er seine Zuneigung zum Radsport. Jacquelin trug bei den Wettkämpfen einen Ohrring des bereits 2004 gestorbenen Marco Pantani – der italienischen Radsportlegende aus der Hochdopingzeit. Auch wegen dieses Ohrrings nannte man Pantani zu seinen Lebzeiten il pirata. Jacquelin brachte der Glücksbringer, geliehen von Pantanis Familie, bei den Olympischen Spielen schon zwei Medaillen. Jetzt könnte er den Spuren seines großen Idols Pantani folgen und sich ebenfalls einen Namen im Radsport machen. Allerdings ist noch offen, ob sich Jacquelin auch für Rennen auf dem Asphalt den Ohrring von Pantanis Familie ausleihen könnte.
