Sie waren fast in Vergessenheit geraten, zwischen Spinnweben und Staubschichten fristeten die Chiemgauer Schneeschaufeln ein tristes Dasein. Bis zum Januar ließ die Renaissance der alten Schneeschippe auf sich warten, bis jetzt so viel Schnee vom Himmel fiel wie lange nicht. Für das Biathlonstadion in Ruhpolding gibt es kaum eine bessere Nachricht – die weißen Massen von oben ersparen den Loipenbauern unten größere Kunstgriffe. Nur das Kunstschießen, das kann den Biathlonsportlern niemand abnehmen.
Den jüngsten Beweis lieferte die Ruhpoldingerin Franziska Preuß höchstselbst. Zum Auftakt der Weltcup-Wettkämpfe in ihrem Heimatort am Mittwoch patzte die 31-Jährige beim entscheidenden letzten Scheibenschießen. Viermal verfehlte sie stehend das Ziel – und handelte sich eine Strafrunde ein. So kam es, dass die zuletzt stärker wirkende deutsche Frauenstaffel bei der Generalprobe für Olympia nicht nur das Podest der besten drei Nationen verfehlte, sondern zumindest für den Moment aus der Weltspitze rutschte. Am Ende wurde es Rang sechs für das deutsche Quartett, im Zielsprint hatte Team Norwegen die schnellsten Beine oder eben Skier, Rang zwei belegte Italien vor dem Team der Schwedinnen.

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Zweieinhalb Wochen nach dem Tod des norwegischen Biathleten Sivert Bakken stehen beim Weltcup in Oberhof zwei seiner engsten Freunde auf dem Podest – ein emotionaler Moment.
In Ruhpolding verwandelte sich der Schnee abseits der Rennloipe in ein sumpfiges Gemisch, die Zuschauerschaft benötigte einen guten Matschplan. Den hatten sie dem Vernehmen nach auch im deutschen Staffelteam, zur Halbzeit hatte die 20-jährige Julia Tannheimer als Führende übergeben, unaufhaltsam raste sie im Schatten des Zirnbergs den Gegnerinnen davon, kompensierte so ihre verfehlte Scheibe im Liegendschießen und übergab an Janina Hettich-Walz. Eröffnet hatte das Rennen Vanessa Voigt aus Thüringen, die als einzige deutsche Athletin fehlerfrei am Schießstand durch diese Staffel gekommen war, nur nicht ganz so rasant wie ihre acht Jahre jüngere Teamkollegin Tannheimer. „Wir hatten heute megagute Ski, ich konnte in der Ebene richtig viel Zeit gut machen“, sagte Tannheimer nach ihrem Schichtende in der Ruhpoldinger Mixed Zone. Dort, wo schließlich mit einer Strafrunde im Gepäck auch Preuß ankam.
Das letzte Schießen, cool bleiben, wenn es darauf ankommt: Eine Stärke der 31-Jährigen, die sie im vergangenen Winter zum Gesamtweltcupsieg führte. „Aktuell nicht so“, sagte Preuß. „Es ist schon sehr bitter, wenn man vor dem Heimpublikum links in die Strafrunde abbiegen muss.“ Man sah es ihr tatsächlich am Schießstand an. Die sonst so souveräne Schnellschützin wirkte gestresst. Sie habe es links und rechts neben ihr „schon scheppern gehört“, erzählte sie. „Da kann man dann auch nicht ewig rumzaubern, sonst sind die anderen so oder so weg.“ Während sie liegend noch im Stile eines Roboters die Scheiben getroffen hatte, wurde das Finale zum Zitterakt. „Die Nachlader fühlen sich für mich gerade eher wie ein Gegner an“, so Preuß. „Sobald ich nachladen muss, wackelt es einfach nur noch.“
Nicht wenige der 13 700 im Publikum hätten sich das anders gewünscht, so sehr wurde gejohlt, gegrölt und gebimmelt. Spätestens am Abend im Ruhpoldinger Kultstadel „Strafrunde“ werden sie die selbige wohl vergessen und verziehen haben.
