„Meine Kunst muss getragen, berührt und benutzt werden“, sagt Catherine Blackburn beim Presserundgang durch die Ausstellung „Sich verwandt machen“ im Berliner Humboldt Forum. Nur durch direkte Erfahrung, betont die multidisziplinäre Dënesųłinë-Künstlerin aus dem Norden Kanadas, werde sie lebendig. Doch ihre funkelnden, von der Geschichte ihrer weiblichen Vorfahren durchdrungenen Objekte werden hier in verschlossenen Glaskuben präsentiert – unnahbar und weggesperrt.
Der Totenschädel mit Geweih, verziert mit Swarovski-Steinen und Karibuhaar, wirkt eher konserviert als nutzbar. „Wir mussten die Sicherheitsvorschriften des Humboldt Forums beachten“, sagt Kerstin Pinther, Kuratorin für Moderne und Zeitgenössische Kunst im globalen Kontext, als die Diskrepanz zwischen Blackburns Anspruch und der Präsentation zur Sprache kommt.
Gemeinsam mit Ute Marxreiter aus der Bildungs- und Vermittlungsabteilung hat sie die Ausstellung kuratiert. Auf den Hinweis, dass die Räumlichkeiten des Humboldt Forums generell wenig Spielraum lassen, reagiert sie mit einem Seufzen. Ein Jammer. Denn eigentlich könnte alles so überzeugend sein. Im Rahmen des Programmschwerpunkts „Beziehungsweise Familie“ eröffnen vier neue Ausstellungen im Humboldt Forum, die klug und vielfältig zeigen, wie prekär, politisch und facettenreich Zugehörigkeit heute ist.
Dass dieses Programm ausgerechnet im wiederaufgebauten Stadtschloss stattfindet, einem Gebäude, das mit seinem goldenen Kreuz auf der Kuppel eher konservative Werte symbolisiert, verleiht dem Ganzen zusätzlichen Reiz. Oder könnte es zumindest, wenn die Räume dieses neu-alten Museumsgebäudes nicht so abweisend wären.
„Beziehungsweise Familie“. Sechs Ausstellungen und Programm, Humboldt Forum Berlin, bis 12. Juli 2026
Verwandtschaft nicht als Blutlinie
Besonders leidet die Ausstellung „Sich verwandt machen“ im hinteren Teil des Ethnologischen Museums. Sie zeigt die Arbeiten von zwölf Künstlerinnen, die Verwandtschaft nicht als Blutlinie, sondern als Geflecht aus spirituellen, organischen, materiellen und historischen Bindungen begreifen.
Ein offenes Verständnis zieht sich durch die Werke: Haegue Yangs Skulpturen verbinden Elemente des koreanischen Schamanismus mit Alltagsmaterialien und verschieben so die Grenze zwischen Ritual und Routine. Meryl McMaster nutzt Objekte ihrer indigenen und europäischen Herkunft, die sie in ihren Fotografien wie fragile Erinnerungsfäden an den Körper zurückbindet.
Soe Yu Nwe geht noch weiter: Ihre Keramiken dehnen Verwandtschaft auf Brunnen, Bäume und andere Dinge aus. Zugehörigkeit wird bei ihr zu einem offenen, nichtmenschlichen Gefüge. Es sind flüchtige, immaterielle und zarte Bindungen, die die Arbeiten sichtbar machen – doch die grauen Podeste, die geschlossenen Vitrinen und die sterile Atmosphäre der Räume halten die Besucher auf Abstand.
Wenn nur der Raum nicht wär: KI-generiertes Bild der Hohenzollern-Frau Sophie von Hannover und Skulptur eines Hohenzollern-Fürsten
Foto:
Alfred Hagemann; Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg / Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss
Anders die Ausstellung „An das wir uns festhalten“ in einem begehbaren roten Kubus. Dessen räumliche Intimität tut den Arbeiten gut. Hier geht es darum, wie queere und postmigrantische Lebensentwürfe familiären Halt neu definieren. Cheryl Mukherji etwa lenkt den Blick auf digitale Nähe: Überwachungskameras im Haus ihrer in Indien lebenden Mutter werden zu Werkzeugen fürsorglicher Präsenz – Care-Arbeit über Kontinente hinweg.
George Demir entwirft drei Familienwappen, die die klassische Wappensymbolik in ein fließendes Vokabular queerer und migrantischer Erfahrungen überführen. Zugehörigkeit wird so neu codiert.
KI-generierte Figuren von Hohenzollern-Frauen
Die stärkste thematische Konzentration zeigt „Alles unter dem Himmel“ im Museum für Asiatische Kunst. Hier geht es um Familie als staatlich reguliertes Gefüge in China und Korea. Fotografien des chinesischen Künstlers He Chongyue etwa machen historische Propagandaparolen zur Ein-Kind-Politik in ländlichen Regionen sichtbar. Chongyues Fotos werden von grell pinken Plexiglasrahmungen eingefasst, „damit sie sich deutlich von der ständigen Ausstellung absetzen“, sagt Kuratorin Maria Sobotka, leider nur überstrahlt die dominante Farbe die zarte Kolorierung der Fotos.
Die vierte Ausstellung „Systemrelevant: Frauen in Herrscherfamilien“ ist das größte Opfer der Humboldt Forum-Architektur. Sie hinterfragt patriarchale Machtlinien, indem sie den dauerhaft im dritten Geschoss des Treppenhauses stehenden männlichen Hohenzollern-Skulpturen vier KI-generierte Hohenzollern-Frauen hinzufügt. Die stehen aber nun wie vergessene Requisiten im offenen Treppenhausambiente herum, das ständige Surren der Rolltreppen liefert den Hintergrundsound eines Einkaufszentrums.
Die vier Ausstellungen im Rahmen von „Beziehungsweise Familie“ bieten ein kluges, internationales Panorama dessen, was Verbundenheit im 21. Jahrhundert bedeuten kann. Man erkennt: Familie ist heute flexibler, überraschender und lebendiger, als es die steinerne Fassade des Humboldt-Forums vermuten lässt.
