Berater am Golf: „Zu wichtig, um es aufzugeben“

Der Irankrieg lähmt eine der besonders dynamischen Wirtschaftsregionen der letzten Jahrzehnte: die Emirate am Persischen Golf sowie das Königreich Saudi-Arabien. Seit Anfang März treffen die Vergeltungsschläge des iranischen Regimes auch die Nachbarstaaten. Raketen und Drohnen des Irans schlugen unter anderem an Flughäfen in Kuwait und Bahrain ein, Stadtteile der qatarischen Hauptstadt Doha waren betroffen, auch Saudi-Arabien meldete Einschläge. Gerade der Beschuss von Hotelanlagen und die Beschädigungen des Dubai International Financial Centre (DIFC) machen Wirtschaftsunternehmen deutlich, wie schnell ihre Mitarbeiter vor Ort als Unbeteiligte in der kriegerischen Auseinandersetzung Schaden nehmen können: Viele globale Beratungskonzerne und Großkanzleien sind in der Sonderwirtschaftszone von Dubai präsent.

Für Unternehmensberater, Wirtschaftsprüfer und Anwälte hat der Mittlere Osten in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Alle großen Häuser haben hier Büros eröffnet – vorrangig in Saudi-Arabien, Qatar und den Vereinigten Arabischen Emiraten; der Iran selbst dagegen war kein Arbeitsgebiet für Berater aus dem Westen. Die ersten Berater kamen vereinzelt schon mit dem Ölboom in den 1970er Jahren an den Persischen Golf, in den vergangenen 20 Jahren hat das Geschäft dort deutlich Fahrt aufgenommen – mit zweistelligen Wachstumsraten jährlich. Die Länder im Mittleren Osten geben viel Geld für westliche Berater aus, insbesondere für große Infrastrukturprojekte, die Digitalisierung und Megaprojekte wie das saudi-arabische Großstadtprojekt Neom.

Notfallprotokoll in US-Kanzleien

Gesprochen wird über das Geschäft im Mittleren Osten öffentlich nur ungern, viele der Auftraggeber sind undemokratische Machthaber wie der machtbewusste saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman – oft schlicht „MBS“ genannt. Die meisten Großunternehmen sind zwar formell privatisiert, aber in staatlichem Eigentum. Präsent sind nahezu alle großen Beratungshäuser in der Region.

McKinsey eröffnete 1996 ein Büro in Dubai, im Jahr 2009 eines in Riad, mittlerweile hat McKinsey sieben Büros im Mittleren Osten; die Boston Consulting Group kam 2007 nach Dubai und hat mittlerweile vier Büros im Mittleren Osten. Auch Bain, Kearney, Roland Berger, Accenture, Capgemini, Arthur D. Little, Alix Partners, Alvarez & Marsal, Simon Kucher und die vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften EY, PwC, Deloitte und KPMG haben dort zahlreiche Büros. Ähnliches gilt für internationale Großkanzleien: Baker McKenzie, A&O Shearman, Freshfields oder Clifford Chance und andere Einheiten sind zum Teil seit Jahrzehnten mit eigenen Anwälten vor Ort.

Blick auf Doha: Nahezu alle großen Beratungshäuser sind in der Region präsent.
Blick auf Doha: Nahezu alle großen Beratungshäuser sind in der Region präsent.AFP

Seit März mehren sich die Berichte, wonach mehrere Kanzleien Evakuierungspläne ausarbeiten. Wie „Bloomberg“ berichtete, tritt vor allem in US-Kanzleien eine Art Notfallprotokoll in Kraft. Es umfasst Reisesperren für Neuankünfte, Homeoffice-Anweisungen für das Personal vor Ort, verstärktes Sicherheitsmonitoring bis hin zur äußersten Option der Evakuierung.

Exponiert sind Kanzleien, die gerade in der Region expandieren, wie die britische Einheit Spencer West. Sie hatte erst Anfang Februar, wenige Wochen vor Beginn des Angriffs auf den Iran, in Dubai ein neues Büro eröffnet. Mit dabei war Jose Campos Nave, deutscher Anwalt und einer der geschäftsführenden Partner des Büros von Spencer West. Derzeit arbeitet er hauptsächlich von London und Frankfurt aus. Wenn Campos Nave über die bisherige Berichterstattung in den Emiraten spricht, schwingt Ärger in seinen Worten mit. Oft sei der Eindruck einer großen Flucht aus Dubai vermittelt worden.

„Die Unternehmen arbeiten weiter, die Malls sind offen. Die arbeitende Bevölkerung – die sind alle noch da“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Die Menschen würden ihren Alltag weiter organisieren, an ein Ende am Persischen Golf denke keiner. „Die Region ist viel zu wichtig, um sie einfach aufzugeben“, erklärt Campos Nave, hierzulande unter Anwälten bestens bekannt als langjähriger Partner von Roedl.

Das Satellitenbild zeigt eine Rauchsäule, die nach einem Angriff am 16. März  über dem Flughafen Dubai aufsteigt.
Das Satellitenbild zeigt eine Rauchsäule, die nach einem Angriff am 16. März  über dem Flughafen Dubai aufsteigt.AFP

Campos Nave verneint Evakuierungs- oder Homeoffice-Pläne nach dem Muster der großen angloamerikanischen Kanzleien. Die Beratung laufe normal weiter. Der Vorteil liege in der „dezentralen Kanzleistruktur“ von Spencer West, erklärt er. „Es gibt kein Büro mit 20 Mitarbeitern. Nur ein Partner arbeitet dauerhaft vor Ort, weitere Partner sind auch von London und Sydney aus tätig.“ Zudem arbeite ein Großteil der Mitarbeiter von Pakistan oder aus der Londoner Zentrale heraus.

Doch wann wäre die Schwelle für ihn, der Mitverantwortung für seinen Kollegen in Dubai trägt, überschritten? „Wenn kritische Infrastrukturen, damit meine ich insbesondere Wasserversorgung und Lebensmittel, betroffen sind“, antwortet er ernst. Denn ein Großteil des Trinkwassers in Dubai stamme aus einer großen Meerwasserentsalzungsanlage. „Gibt es dort einen Treffer, ändert das vieles. So eine Anlage bauen Sie nicht innerhalb von wenigen Wochen wieder auf.“

„Es bricht keine Panik aus“

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC hat vor zwei Wochen ihre Büros in Saudi-Arabien, Quatar, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait als „Vorsichtsmaßnahme“ zeitweise geschlossen, nachdem der Iran amerikanische Ziele am Golf ins Visier genommen und auch zivile Infrastruktur wie Flughäfen und Hotels bedroht hat, berichtet die Nachrichtenagentur AFP. Auch Deloitte hat demnach seine Mitarbeiter im Finanzviertel von Dubai aufgefordert, vorübergehend ihre Büros zu räumen. Deloitte – seit 1926 ununterbrochen aktiv in der Region – teilte aber mit, das Unternehmen sei dort „weiterhin voll funktionsfähig“. Man wolle Kunden dabei helfen, „diese schwierigen Zeiten zu meistern“. Offiziell äußern will sich kaum ein Beratungsunternehmen.

„Es bricht keine Panik aus“, sagt ein Berater, der viele Jahre dort gearbeitet hat. Die meisten versuchen, so gut es geht dort weiterzuarbeiten, ohne die eigenen Mitarbeiter zu gefährden. „Die Unternehmen in der Region arbeiten weitgehend wie gewohnt weiter, allerdings mit einer gewissen Vorsicht und unter Berücksichtigung von logistischen und mobilitätsbezogenen Einschränkungen, um die absolute Sicherheit ihrer Mitarbeiter zu gewährleisten“, sagt Vatche Kourkejian, der als Managing Director Middle East das Roland-Berger-Geschäft im Mittleren Osten leitet.

Bisher habe man keine nennenswerte Verlangsamung der Projektaktivitäten festgestellt. Die Lage bleibe im Fluss. Die meisten westlichen Beratungshäuser bieten ihren Mitarbeitern, die sie dorthin entsandt haben, an, auch von außerhalb der Region an ihren Projekten dort weiter zu arbeiten. Viele Mitarbeiter aber wollten dort bleiben, heißt es aus der Branche. Für Berater sei die Region spannend und lukrativ.

Das bestätigt auch Wirtschaftsanwalt Campos Nave. Das Geschäftskonzept in Dubai sei bis zu einem gewissen Grad entkoppelt von anderen politischen Realitäten, sagt er: „Geld bewegt sich immer, auch in Kriegszeiten.“