Benfica besiegt Real Madrid in letzter Sekunde: „So zu gewinnen, ist irre“ – Sport

José Mourinho hatte gedacht, im Fußball schon alles gesehen zu haben. „Ich sage immer: Für mich ist alles ein Déjà-vu“, erklärte der portugiesische Trainer von Benfica, kurz nachdem seine Mannschaft im Estádio da Luz, dem Stadion des Lichts zu Lissabon, in letzter Sekunde Real Madrid noch ein paar Lampen ausgeschossen hatte. „Dies hier ist mir zum ersten Mal passiert“, betonte Mourinho, als er am Mikrofon des TV-Senders TNT Sports stand. Auch sein Spieler Nicolás Otamendi sprach von einem „Wahnsinn“. Benfica-Stürmer Angelis Pavlidis fand: „So zu gewinnen, ist irre.“

Und derjenige, der den ganzen Irrwitz ausgelöst hatte, rang um Worte: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Es ist unglaublich“, sagte Benficas Torwart Anatolij Trubin. Die letzte Szene der gesamten Champions-League-Vorrunde war so unglaublich, dass ein paar Kilometer weiter, im Studio des portugiesischen TV-Senders Now, der Bischof von Setúbal, Américo Aguiar, vor Schreck dermaßen zusammenzuckte, dass ihm fast die Halsbinde geplatzt wäre. Just, als er dabei war, wegen des starken Regens während des Spiels „Gottes Beziehung zu Unwettern“ zu erklären. Denn als der mit aufgerückte Torwart Trubin in Minute acht der Nachspielzeit per Kopf das 4:2 gegen Real Madrid erzielte, sich Benfica damit unverhofft noch für die Playoffs der Champions League qualifiziert hatte (und Real aus den Top-8 herausgefallen war), da entfuhr den Benfiquistas unter den TV-Studio-Arbeitern ein lauter, spitzer Schrei des Jubels.

Es gab nicht den Hauch eines Zweifels an der Berechtigung des Sieges Benficas, eigentlich hätte viel früher ein Zwei-, Drei-, Vier-Tore-Vorsprung herausgeschossen werden müssen. Das eben noch von Xabi-Alonso-Nachfolger Álvaro Arbeloa als runderneuert geltende Real Madrid hatte zwölf Schüsse aufs eigene Tor und noch mehr Abschlüsse zugelassen. Reals Probleme in der Defensive sind nicht neu; nur der Torwart des norwegischen Vertreters Bodö/Glimt hat in der Champions-League-Gruppenphase häufiger eingreifen müssen als Madrids Thibaut Courtois. Für Benfica trafen aber bis zur Schlussszene „nur“  der Norweger Andreas Schjelderup (36./54. Minute), der Grieche Pavlidis (45.+3), und die ehrenwerte 3:2-Führung hätte für Benfica Platz 25 und das Aus in der Königsklase bedeutet. Aber dann traf eben noch jener Trubin, der im ukrainischen Donezk geboren wurde und 2023 nach Lissabon flüchten musste, um ein Leben in Frieden führen zu können.

Trubin hat nun in der laufenden Champions League genauso viele Tore wie Real-Stürmer Vinícius Jr. erzielt, höhnte die katalanische Zeitung El Mundo Deportivo. „Unglaublich“, sagte Trubin, nachdem er zum fünften Schlussmann geworden war, der in der Champions League ein Tor erzielt hat. Unter den Kollegen ragt Hans-Jörg Butt heraus, der zwischen 2000 und 2009 drei Tore für den Hamburger SV, Bayer Leverkusen und den FC Bayern erzielte. Doch keines davon war so emotional wie jenes des Ukrainers.

Mbappé kritisiert die fehlende Motivation seiner Mannschaft und umreißt damit, wie sehr diese Niederlage Real Madrid erneut in eine Sinnkrise stürzt

Trubin, der übrigens auch als Torwart etwas hergemacht hatte mit Paraden, an die sich niemand mehr erinnern wird, hatte die Heldenrolle gar nicht im Sinn, als sich das Spiel dem Ende zuneigte. Als er einen Ball aus der Luft pflückte, legte er sich im Strafraum der Länge nach auf den Bauch, um ein paar Sekunden von der Uhr zu nehmen. Das war nicht weiter verwunderlich: Trainer Mourinho und der Rest des Trainerstabs Benficas war davon überzeugt, dass das 3:2 reichen würde, um die Playoffs zu erreichen. So hatten das die Assistenten errechnet. Mourinho beorderte alle Mann nach hinten und wechselte zudem Verteidiger António Silva ein. „Ich wollte unser Tor versperren“, sagte der Coach, doch dann fiel jemandem auf, dass das Kalkül nicht aufging. Benfica benötigte noch ein Tor. Erst da wurde es hektisch: Real musste zwei Platzverweise hinnehmen – gegen Raúl Asencio und Rodrygo –, und weil plötzlich alle Welt Trubin energisch nach vorn winkte, als Reals Jude Bellingham im Halbfeld ein Foul begangen hatte, machte sich Trubin auf den Weg.

Fredrik Aursnes trat den Freistoß in den Strafraum, der 1,99 Meter große Trubin stieg hoch und köpfelte den Ball ins Tor. Mourinho vergaß sich: Er nahm einen Balljungen in den Arm und zog mit ihm jubelnd vor die Bank Real Madrids; später entschuldigte er sich dafür bei seinem früheren Spieler und heutigen Kollegen Arbeloa. „Er ist ein Mann des Fußballs, er hat es verstanden“, behauptete Mourinho. Das galt auch für andere, etwa für Reals Verteidiger Dean Huijsen, dem Mourinho im Kabinentunnel ein ungläubiges „f***ing hell“ zurief. Es waren nicht die einzigen derben Worte in den Katakomben. Diese füllten sich mit Flüchen der Madrid-Profis, die als Tabellen-Dritte nach Lissabon gereist waren – und die Rückreise im Wissen antraten, als Abschluss-Neunter im Februar Champions-League-Extraschichten schieben zu müssen.

„Sie waren besser als wir, und das war keine Frage der Qualität oder der Taktik, es war eine Frage der Motivation“, kritisiert Kylian Mbappé und konstatiert zur Leistung von Real Madrid: „So agiert keine Meistermannschaft.“
„Sie waren besser als wir, und das war keine Frage der Qualität oder der Taktik, es war eine Frage der Motivation“, kritisiert Kylian Mbappé und konstatiert zur Leistung von Real Madrid: „So agiert keine Meistermannschaft.“ (Foto: Armando Franca/AP)

Ob auch Kylian Mbappé, der die beiden Real-Tore schoss (30./58.), Injurien auf den Lippen trug, vermochten die konsultierten Ohrenzeugen nicht mit Sicherheit zu sagen. Gesichert aber ist, dass Mbappés Hals am Mittwoch dicker war als der vom echten Ronaldo, einem der Vorvorvorgänger des Franzosen als Mittelstürmer Reals. Er erging sich in Kollegenschelte. „Was wir gesehen haben, ist nicht normal“, wütete der Franzose: „Sie waren besser als wir, und das war keine Frage der Qualität oder der Taktik, es war eine Frage der Motivation. Man hat gesehen, dass Benfica um sein Leben gespielt hat.“ Als er ein paar Erwägungen zu Real anschloss, ging Mbappé ins Grundsätzliche. Es fehle „von allem ein bisschen“, insbesondere Konstanz und Kontinuität. Man könne nicht an einem Tag da sein und am nächsten nicht: „So agiert keine Meistermannschaft.“

Mbappés Worte umreißen hervorragend, wie sehr diese Niederlage Real Madrid erneut in eine Sinnkrise stürzt; nach dem 2:0-Sieg in Villarreal vom Samstag hielt man sie für überwunden. Coach Arbeloa war danach wie ein Schamane verehrt worden. Am Mittwoch warf ein Blick in sein Gesicht die Frage aus, ob zweieinhalb Wochen als Madrid-Trainer der Gesundheit zuträglich sind.

Mourinho hingegen? War nach dem ersten Sieg seiner Trainer-Karriere gegen Real Madrid obenauf, zum Ende eines Monats, der für ihn eine Enttäuschung nach der anderen bereitgehalten hatte. Benfica liegt in der Liga zehn Punkte hinter Spitzenreiter Porto nur auf einem Europa-League-Platz, dem Aus im Ligapokal folgte der K.o. im Viertelfinale des portugiesischen Pokals. Trubin hatte da bereits vergeblich versucht, in letzter Sekunde per Kopf zu treffen und war nur knapp gescheitert. Nun aber ist Benfica unverhofft in der Playoff-Runde der Premiumliga gelandet.

Für Mourinho wird das in jedem Fall eine Reise in die eigene Vergangenheit. Entweder trifft er in den Playoffs gleich noch mal auf Real Madrid – wo er von 2010 bis 2013 viel Aufmerksamkeit, aber wenige Titel an sich gezogen hatte. Oder aber auf Inter Mailand, den Verein, mit dem er 2010 in Madrid die Champions League gewann. Mit dieser Perspektive für den Februar zog Mourinho am Mittwoch den durchnässten Mantel aus und umgehend das Lammfell über: „Real Madrid und Inter sind die beiden stärksten Kandidaten auf den Titel. Wir nicht.“