Begegnungen in der großen Stadt: Je nachdem, wer zuerst stirbt

Z uerst fällt mir die junge Frau auf, weil sie so eng an der Bahnsteigkante steht. Beim Passieren erwischt die Tram fast ihre Nase. Sie trägt eine weite Jacke und darunter ein buntes Shirt. Jetzt fahren wir gemeinsam Richtung Zentrum. Dann entdecke ich ihre glasigen Augen.

Die Frau greift nach dem Einsteigen mit harter Hand eine Haltestange. Sie steht etwas verloren hinter einer Gruppe Jugendlicher, als sich die Tür knapp hinter ihr schließt.

Wenig später haben die Jugendlichen sich verteilt und die junge Frau findet einen Sitzplatz. Sie muss um die 30 sein. Ich kann ihre Haare nicht sehen und auch von ihrem Gesicht nicht viel. Sie trägt eine dunkle Kapuze.

„Ich bin Pflegekind“, erklärt sie dem Raum. „Und ich muss heute im Altenheim vorsingen.“ Sie lächelt, als verriete sie hier ein Geheimnis, und ihre Stimme wird ganz warm. „Was Kirchliches“, sagt sie, „oder Helga Hahnemann. Je nachdem, wer zuerst stirbt.“

Die junge Frau lacht kurz hell auf. Sie dreht sich leicht ein, um einem alten Herrn Platz zu machen. Er setzt sich ihr gegenüber. Der Mann trägt einen beige-braunen Mantel. Er versteckt zitternde Hände in den Taschen.

Die junge Frau beugt sich vor. „Ich heiße Verena“, sagt sie. Und: „Sagen Sie, haben Sie eine Fahne, von Alkohol? Oder sind Sie schon neunzig?“ Der alte Herr stutzt, aber irritiert wirkt er nicht „Neunundachtzig“, antwortet er.

„Na, das zählt schon fast“, Verena klatscht in die Hände. Ob er auch einen schönen alten Vornamen hat, einen, der bald ausstirbt, will sie wissen. „Gottfried“, antwortet der Mann. „Wie schön“, sagt Verena. Und steht ruckartig auf, sie müsse nun, aber Gottfried solle unbedingt zu ihrem Konzert kommen. Dringend!

Es ist irgendwo in einem Vorort, wirklich weit draußen. Verena winkt. Im Hinausgehen beginnt sie leise zu summen. Vielleicht Helga Hahnemann. Vielleicht etwas mit Jesus.