Markus Kamieth hat sich für dieses Jahr einen neuen Hashtag ausgedacht, und zwar „wegotthis“. Der Vorstandschef des Chemiekonzerns will unbedingt schaffen, was er sich vorgenommen hat. Seine Strategie dazu, sie heißt Winning Ways, hat er im Herbst 2024 vorgestellt. Und „wegotthis“ steht jetzt oft unter seinen Beiträgen im Berufsnetzwerk Linkedin. In seinen Reden, Interviews und Beiträgen klingt Kamieth mittlerweile so alarmierend wie sein Vorgänger Martin Brudermüller nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine vor vier Jahren. Der Krieg hatte offenbart, wie abhängig BASF und andere Konzerne sich von russischem Erdgas gemacht hatten. Niemand zeichnete damals ein so düsteres Bild wie Brudermüller. Ein sofortiger Stopp der Gaslieferungen würde zu „irreversiblen Schädigungen der Volkswirtschaft führen“, zur „größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“.
Kamieth ist nun seit Ende April 2024 Vorstandschef des Dax-Konzerns aus Ludwigshafen, und er klingt mittlerweile noch schwärzer, obwohl es für diese Farbe eigentlich gar keinen Komparativ gibt. Er klagt wie sein Vorgänger über die zu hohen Energiepreise und die Belastungen durch die Bepreisung der CO₂-Emissionen; für ihren Ausstoß klimaschädlicher Gase müssen energieintensive Unternehmen Zertifikate erwerben. Die nach ihrer Ansicht überbordende Bürokratie ist eine Dauerklage der Industriebosse. Und Kamieth hat noch einige Sorgen mehr: die US-Zölle und die Überkapazitäten in China.
Die Chemieindustrie stehe vor einem tiefgreifenden Umbruch, schreiben Alexander Baumgartner und Ivy Sun vom Beratungsunternehmen Roland Berger in einer im September veröffentlichten Marktanalyse. Sie sprechen sogar von einer Disruption. Auslöser seien nicht technologische Durchbrüche, sondern die „unerbittliche Größe der chinesischen Produktion“. Überkapazitäten seien zwar nichts Neues für die globalen Märkte. Aber die schiere Größe, ihre Struktur und ihr Überangebot überschreite alles bisher Dagewesene. Die Überkapazitäten seien nicht zufällig, sondern geplant, so die Autoren. Über staatliche Anreize und billiges Geld habe China in den vergangenen fünf Jahren seine Kapazitäten systematisch ausgebaut.
Aber die Wachstumsgeschichte sei ins Wanken geraten. Die Nachfrage in China lasse nach, die Geschäfte der Abnehmerindustrien vom Bau bis zur Elektronik stagnierten. Es gebe massive strukturelle Überkapazitäten. Die Überkapazitäten in China seien nicht nur eine Gefahr für die Preise, sondern auch für Vermögenswerte im Westen, schreiben die Berater.
Die geo- und handelspolitischen Strapazen machen den Konzernen zu schaffen. Der Umsatz von BASF sank 2025 um knapp drei Prozent auf knapp 60 Milliarden Euro. Vorläufige Zahlen hatte der Konzern schon im Januar veröffentlicht. Wichtige Kennzahlen, wie das operative Ergebnis liegen noch unter der bereits im Laufe des Jahres zweimal gesenkten Prognose. Das Ergebnis nach Steuern lag bei 1,6 Milliarden Euro nach 1,3 Milliarden Euro im Vorjahr. Dass es höher ausfiel als im Vorjahr, hat mit der Beteiligung an Wintershall Dea von knapp 73 Prozent zu tun. Für seine Investitionen in Russland hatte der Bund Wintershall Dea Garantien gewährt, die Wintershall Dea nach der faktischen Enteignung geltend gemacht hat und die nun anteilig BASF zufließen. Wie Finanzvorstand Dirk Elvermann am Freitag in der Bilanzpressekonferenz erläuterte, nahm der Konzern 2025 rund 900 Millionen Euro ein. Im ersten Halbjahr 2026 erwartet Elvermann rund 800 Millionen Euro, davon seien etwa 500 Millionen Euro im Januar geflossen. Damit seien die Garantien dann auch ausgeschöpft, so der Finanzchef.
Das Sparprogramm habe BASF beschleunigt. Seit Ende 2023 sei die Zahl der Führungskräfte um elf Prozent gesenkt worden, eine absolute Zahl nannte BASF nicht. Die Zahl der Mitarbeitenden insgesamt sei um 4800 auf gut 108 000 gesunken, nicht eingerechnet rund 1000 Beschäftigte, die für den neuen Standort in Zhanjiang eingestellt worden seien.
Die Aussichten für 2026 seien grau. In einem unsicheren und sehr volatilen Umfeld mit heftigem Gegenwind wolle sich BASF auf das konzentrieren, was man selbst steuern könne, so Kamieth. Er rechnet kurzfristig weder mit einer nennenswerten Markterholung noch mit einer deutlichen Entspannung der geopolitischen Lage. Mit positiven Ergebnisbeiträgen des neuen Verbundstandortes in China rechnet der Vorstandschef vom Jahr 2027 an. 2026, im ersten vollen Betriebsjahr, werde er Verlust machen, der Standort ist erst vor wenigen Wochen angelaufen. Strategisch sei Zhanjiang gut, kurzfristig operativ schwierig. „Wir gehen in einen überversorgten Markt“, sagt Kamieth.

Kamieths Bühne ist längst größer als Saal 1 im Konferenzzentrum in Ludwigshafen. Seit Januar ist er Präsident des europäischen Chemieverbandes Cefic. Mitte Februar hatte er seinen ersten großen Auftritt in Antwerpen. Die Welt drehe sich weiter, sagt Kamieth. Und die europäische Industrie falle zurück. Die unangenehme Wahrheit sei, „wir haben einfach nicht genug getan, um die europäische Wettbewerbskraft wieder herzustellen“. Es fehlt die große Strategie, um die Industrie zurück auf den Wachstumskurs zu bringen. „Wir sind zu langsam und zu zögerlich, kühne Maßnahmen umzusetzen“, die es nun in der vielleicht kritischsten Zeit seit Jahrzehnten brauche. Standortschließungen und Jobverluste hätten eine neue bedenkliche Dimension erreicht. „Das ist ein struktureller Wandel, kein zyklischer Abschwung.“ Europa müsse entschlossen handeln, und zwar jetzt. Der wesentliche Grund für die Schwäche Europas seien nicht China, die USA und der Nahe Osten, sondern Europa selbst, sagt Kamieth. Die Zeit der Diagnosen sei vorbei, Europa müsse jetzt liefern.
