Autofiktionale Literatur: Die personalisierte Leidensgeschichte als Erfolgsformel

Seit Jahrzehnten bereits wabert ein zur Genrebezeichnung avancierter Begriff herum: Autofiktion. Etwas uneindeutig, aber gern verwendet, wird damit alles bezeichnet, was irgendwie den Anschein erweckt, dass der oder die Autorin es selbst erlebt hat. In Interviews wird gerade darauf gern Bezug genommen: „Wie war es für Sie?“ „Wie fühlen Sie sich heute?“

Zwischen Erzähler:in und Autor:in wird selten noch getrennt. Autor:innen werden dadurch zu Brücken zwischen Wirklichkeit und Literatur. Besondere Begeisterung kommt beim Publikum auf, wenn es um die Betroffenheit der Erzählenden geht.

Autofiktion, ernst genommen als Verbindung von Selbst und Fiktion, bedeutet Ermächtigung und die Rückgewinnung einer zerstörten Autonomie. Bemerkenswert ist jedoch weniger der Impuls, solche Erzählungen zu schreiben, als das breite Bedürfnis, selbige zu konsumieren.

Geschichten, die Identifikation mit Opfern erlauben, haben Konjunktur. Doch oft ist die eigene Geschichte das Letzte, was Betroffenen bleibt. Trotz der Hoffnung, sich so davon zu lösen, lässt sich die Erfahrung von Leid und Gewalt nicht wirklich verkaufen. Was sagt es über eine Gesellschaft aus, dass sie die dringende Sehnsucht hat, sich mit den Opfern zu identifizieren?

Kritik mit misogynem Unterton

Wer meinte, mit dem Literaturnobelpreis für Annie Ernaux sei der Höhepunkt erfahrungsbasierter Literatur erreicht, wird durch die Programme deutscher Verlage und die Shortlists vieler Preise eines Besseren belehrt. Nicht allen gefällt dieser Boom – Kritik erfolgt jedoch häufig mit misogynem Unterton. Nicole Seifert hat 2021 in ihrem Buch „FrauenLiteratur“ eindrücklich gezeigt, wie Autorinnen und vermeintlich weibliche Themen im Literaturbetrieb abgewertet werden. Denn wird die Losung „Das Private ist politisch“ ernst genommen und die Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum aufgelöst, folgt oft die Herabwertung der Texte.

Dahinter steht die Annahme, echte Literatur schrieben ohnehin nur Männer – Männer, die keine privaten Probleme hätten oder zumindest nicht darüber schreiben müssten. Karl Ove Knausgård bildet eine der wenigen Ausnahmen: ein Holzfäller mit Gefühl, dessen selbst- (und andere) entblößende Bücher sich trotz innerfamiliärer Widerstände millionenfach verkaufen. Bei Autorinnen jedoch gilt das Schreiben über sich selbst schnell als Ausdruck eines schwachen Subjekts.

Folgt man der Spur der Autofiktion, führt sie direkt in Debatten um Identitätspolitik. Schon Ende der 1990er Jahre kritisierte Maxim Biller die Homogenität der deutschen Gegenwartsliteratur und verzweifelte an der selbstbezogenen, kleinbürgerlichen Langeweile angesichts ausschließlich weißer, nichtjüdischer Autoren. Seitdem hat sich der Literaturbetrieb erfreulicherweise geöffnet: Themen, Erfahrungen und Erzählweisen sind vielfältiger geworden.

Gleichzeitig hat die Betonung eigener Zugehörigkeiten zugenommen. Während gestritten wird, wer über Rassismus, Antisemitismus oder Klassismus schreiben dürfe, gewinnt die identitäre Selbstverortung an Bedeutung. In unregelmäßigen Abständen wird das eine oder andere identitäre Merkmal jeweils zur Voraussetzung für spannende Perspektiven und Geschichten. Für alle anderen Erzählungen wird auf den Vorwurf der „Erfahrungsarmut“ zurückgegriffen: Ob das Studium an einer Schreibschule, die bürgerliche Herkunft oder das Alter – alles Marker, dass hier kaum spannende Geschichten zu erwarten seien. Was aber soll „Erfahrungsarmut“ überhaupt bedeuten?

Tod des Autors?

Nun hat Roland Barthes den Autor als Subjekt schon vor beinahe 60 Jahren begraben. Wer will, könnte auch bei Walter Benjamin nachlesen, wie er 1933 das Verhältnis von Erlebnis und Erfahrung auszuloten versuchte. Benjamin aber bezog sich in „Erfahrung und Armut“ auf die Erlebnisse der deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Überlegungen zur Kategorie der Erfahrungsarmut bräuchten daher ein notwendiges Update.

Und was wäre denn ihr Gegenteil, was wäre Erfahrungsreichtum? Was für eine Sehnsucht wird hier laut, wenn Schreibende für ihre vermeintliche Erfahrungsarmut kritisiert werden?

Der Literatur mangelt es nicht an Beispielen, in denen aus Langeweile, Eintönigkeit oder Privileg Großes entstand: Franz Kafka arbeitete als Prokurist, Virginia Woolf sehnte sich – finanziell abgesichert – nach einem eigenen Zimmer, Heike Geißler steckte in der Tristesse einer Woche fest, Tonio Schachinger driftete als Wohlstandsverwahrloster durchs Internat.

Aus all dem entstand bewegende Literatur. In der gegenwärtigen Sehnsucht nach Erfahrungsreichtum klingt jedoch eher der Wunsch nach Literatur von offensichtlich Beschädigten an als Interesse an ihrer Langeweile. Welche Beschädigungen aber sind hier erwünscht, hilfreich oder hinderlich für Autor:innen? Wie kaputt muss man sein?

Krise der Erfahrung

Was sich in der Literatur abzeichnet, wird auch an anderen Stellen deutlich. Angesichts dauerhafter Selbstinszenierung auf Social Media überhaupt von der Möglichkeit der Erfahrung zu sprechen, erscheint beinahe utopisch. Während Menschen im Internet ihren Kurzurlaub livestreamen und Tausende ihnen dabei folgen, bleibt kaum Zeit, das Gesehene zu verarbeiten oder zu bewerten.

Die mediale Vermittlung, Weiterverbreitung und Überlagerung unserer Welt sind längst für fast alle Teile dieser Gesellschaft Realität. Kaum ein Bereich, der nicht mehr dauerhaft der Inszenierung, Bebilderung und Vermittlung unterliegt. Maxim Biller sprach treffenderweise vom Ich-Zeitalter.

Ob auf Social Media oder im Journalismus: Vermehrt wird mit einfachen Identifikationsfiguren gearbeitet. Sogenannte „Hosts“ führen durch die journalistische Recherche im Radio oder Fernsehen, sollen stets die Perspektive offenlegen und so vermeintlich die Meinungsbildung der Zuschauenden besser ermöglichen. Hostbasierte Formate haben Hochkonjunktur, subjektive Erzählansätze sind omnipräsent. Kaum eine Nachricht kommt ohne Protagonist:innen aus. Nur im Konkreten – so scheint es – ist die Welt noch erfassbar. Nur durch den ausgestellten Blick anderer ist die Welt noch darstellbar.

Und in der Literatur? Auch Verlage gehen mittlerweile und in Zeiten stetig sinkender Buchverkaufszahlen mitunter gezielt auf Influencer zu: Wer viele Follower hat, erhält einen Vertrag. Zum einen, weil große Reichweite ein geringeres Risiko bedeutet, zum anderen, weil man annimmt, dass ein Leben in der Öffentlichkeit viel Unterhaltungswert bietet. Natürlich wurden Bücher schon immer auch über die Personality verkauft. Ging es früher jedoch häufig um Autobiografien, steht heute mit Autofiktion die Bearbeitung, Erweiterung und Fiktionalisierung der eigenen Geschichte mit auf der Genrebezeichnung.

Opfererzählungen werden zur Ware

Der Erfolg der Autofiktion spiegelt somit eine Gesellschaft, die sich für individuelle Leidgeschichten begeistert. Für den gesellschaftlichen Kontext, in dem sich diese Geschichten abspielen, interessiert sie sich jedoch weniger. Zwar erhalten Opfer von Gewalt mehr Gehör, doch Kämpfe um Sichtbarkeit werden individualisiert. Weniger die Auseinandersetzung mit einem Themenkomplex steht im Fokus als die personalisierte Leidensgeschichte von Einzelpersonen. Wird Aufmerksamkeit an erlittene Verletzungen geknüpft, entsteht Erwartungsdruck: Der Fokus auf das individuelle Schicksal stellt die Zuschreibung als Opfer in den Mittelpunkt. Diese Geschichten der Opfer wollen viele lesen und hören.

Die realen Erfahrungen eines Opfers sollte niemand erleben müssen, doch ihre Erzählungen sind längst zur Ware geworden. Das Publikum will Leiden nachvollziehen – konsumieren – ohne daraus zwingend Konsequenzen zu ziehen. Schaut man zum Beispiel auf erinnerungspolitische Fragestellungen im Kontext des Nationalsozialismus, stellt man fest, dass zwar eine Vielzahl von Erfahrungsberichten gelesen wird, die Forschung aber zeigt, dass immer mehr Nachfahren von nichtjüdischen Deutschen sich und ihre Familiengeschichte auf der Seite der Opfer verorten.

Diese Tendenz, sich als Gesellschaft nicht den Tätern zuordnen zu wollen, spiegelt sich auch im Boom der Autofiktion. Entsprechende Bücher bedienen das Bedürfnis nach Opfererzählungen und berühren Fragen von Schuld, blenden aber gesellschaftliche Verantwortung aus: Täter, das sind meist die anderen.