
Antonin Kinsky wird nach 17 Minuten ausgewechselt. Zuvor hat Tottenhams Torwart in Madrid drei Gegentore verschuldet. Der Ruf nach mehr Menschlichkeit im Fußball ist heuchlerisch. Die Auswechslung war richtig – aus drei Gründen.
Peter Schmeichel griff gleich in das oberste Regal. Der ehemalige Weltklasse-Torwart entschied sich für den Superlativ. Kein Abwägen, kein Verständnis für die andere Seite. „Das wird ein Moment sein, an den sich jeder im Fußball erinnern wird, wenn er Namen sieht oder hört. Man muss ihn mindestens bis zur Halbzeit auf dem Feld lassen. Er hat seine Karriere komplett ruiniert. Er tut mir wirklich leid“, sagte Schmeichel
Der Name ist Antonin Kinsky. Derjenige, der Kinskys Karriere am Dienstagabend angeblich zerstört hat, heißt Igor Tudor. Tudor ist Trainer der Tottenham Hotspurs, Kinsky als Torwart sein Angestellter. Tudor gab dem Tschechen, der eigentlich die Nummer zwei bei den Spurs ist, im Champions-League-Achtelfinalspiel bei Atletico Madrid in einem der wichtigsten Spiele der Saison eine faire Chance.
Der Keeper nutzte sie nicht – er verbockte es auf ganzer Linie. Der 22-Jährige griff in der Anfangsphase zweimal fatal daneben und leitete mit seinen Fehlern die 2:5-Niederlage und das wahrscheinliche Aus seines Klubs in der Champions League ein.
Kinsky war nach drei Gegentoren in der Anfangsviertelstunde Minuten von der Rolle. Tudor machte das einzig Richtige und wechselte seinen völlig verunsicherten Torwart in der 17. Minute aus und erlöste ihn sowie seine Mannschaft. Der Trainer musste so handeln. Im Sinne des Klubs, der Mannschaft und auch Kinskys.
Die Teilnahme am Viertelfinale ist eine Frage von knapp 15 Millionen Euro, sogar für einen Verein aus der Premier League viel und wichtiges Geld. Ein verunsicherter Torwart strahlt auf die ganze Mannschaft aus, der Wechsel, so bitter er auch erscheinen mag, war ein Zeichen an das Team. Und auch eines an Kinsky: Tudor befreite ihn von der furchtbaren Situation und dem Kopfkino, das ihn mit Sicherheit auf dem Platz nach den Fehlgriffen begleitet hat.
Nur Kinsky selbst entscheidet darüber, ob seine Karriere zerstört wird
Der Ruf nach Mitleid und die Anklage an einen unmenschlichen Trainer sind heuchlerisch. Es geht im Spitzenfußball um Milliarden, der Druck ist gigantisch. Jeder weiß das, auch Kinsky, der als Ersatztorwart des 16. der Premier League 1,25 Millionen Euro im Jahr verdient. Sein Marktwert ist mit 13 Millionen taxiert.
Nur er selbst entscheidet darüber, ob seine Karriere zerstört wird oder nicht – mit Leistung. Die hat er in Madrid nicht gebracht. Er wird die Chance bekommen, zu zeigen, dass er es viel besser kann und dass er dem Profifußball gewachsen ist. Wenn er das nicht ist, hat er sich den falschen Job ausgesucht.
Jens Lehmann wurde 1993 in jungen Jahren bei Schalke 04 zur Pause ausgewechselt und war so frustriert, dass er in voller Torwart-Montur mit der S-Bahn nach Hause fuhr. Die fünf Mark für die Fahrt lieh er sich von einem Fan, der ebenfalls enttäuscht abreiste. Eine große Karriere machte Lehmann dennoch.
