Die Meeresspiegel steigen. Das ist eine bedrohliche Folge der Klimakrise, nicht nur für Küstenbewohner. Das Wissen darum bildet eine düstere Folie für eine Reihe von Performances des britischen Künstlers Simon Faithfull. 2016 etwa entstand das Video „Going Nowhere 1.5“ (https://www.simonfaithfull.org/works/going-nowhere1-5/) in der Nordsee, das ihn von einer Drohne gefilmt auf einer Sandbank zeigt, von beiden Seiten meerumspült.
Er läuft die Ränder zwischen trockenem Sand und der Wasserlinie ab. Man sieht das Meer nagen an der Sandbank, zunehmend kleiner wird die Fläche, bis die Figur im Meer verschwindet. Das ist zwar nur Ebbe und Flut geschuldet, aber doch ein Hinweis auf Drohszenarien der Gegenwart.
Simon Faithfull, der in Berlin lebt, tritt im Kindl Berlin jetzt in zwei Ausstellungen auf, einmal als Künstler und einmal als Kurator. In „Earth-ling“, kuratiert von Kathrin Becker, sind Fotografien, Skulpturen, ein Film und eine Postkarten-Serie mit Geschichten von ihm zu finden. In den Fotos folgt man dem Weg einer Ameise über seinen Arm, bis der Weg zu einer tätowierten Linie auf seiner Haut geworden ist.
Ausstellungsansicht: „An Intimacy with Strangers“ im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Maschinenhaus M1
Foto:
Jens Ziehe, 2026
Im Film sieht man, wie ein Luxusresort an Floridas Küste, eine Reihe von Kuppelbauten aus den 1980er Jahren, heute zur Ruine geworden im Meer steht. Kormorane und andere Vögel leben nun hier. Keine Katastrophenstimmung unterliegt diesen Bildern in „Reenactment for a Future Scenario no.2: Cape Romano“, sondern mehr eine friedliche Beobachtung der neuen Bewohner. Die Skulpturen sind Büsten von Faithfulls eigenem Kopf, bewohnbar gemacht für Pilze und Bienen.
Verhältnis des Menschen zu Tieren und Pflanzen
Um das Verhältnis des Menschen zu Tieren und Pflanzen, um Perspektivwechsel, die das Narrativ vom Menschen als Krone der Schöpfung korrigieren, um andere Formen des Miteinanders geht es auch in den Werken der 12 Künstler:innen, die Faithfull als Kurator für „An Intimacy with Strangers“ ausgewählt hat. Seine eigene Ausstellung wird so gewissermaßen zu einem Prolog, eine sympathische Geste der Bescheidenheit.
Die Suche nach einer Neugestaltung des Verhältnisses zwischen dem Menschen und anderem Leben äußert sich vielgestaltig. Vor wenigen Wochen war es der Film „Silent Friend“ der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, der in drei Episoden von der Kommunikation mit Pflanzen erzählte, einmal auch als Liebesgeschichte zwischen einem jungen Mann und einer Geranie. In „An Intimacy with Strangers“ ist es der chinesische Künstler Zheng Bo, der eine erotisch aufgeladene Beziehung zwischen unbekleideten jungen Männern und den Farnen und Wurzeln in einem Urwald Bild werden lässt.
Weil sie so klein und verloren wirken, berühren die weißen Objekte, die Peggy Atherton in die Ecken der Räume gebettet hat. Man ahnt bald, dass die Formen in der Serie „Roadkill“ auf Tierkadavern beruhen, Vögeln, Mäusen, Eichhörnchen und Karnickeln, gefunden auf Straßen. Was sie so weiß umhüllt wie ein Leichentuch, ist Porzellan, in dessen Inneren die Tier-Skelette zu Asche verbrannt sind.
Die sterblichen Reste so zu verwandeln, ist eine symbolische Handlung, um das vergangene Leben der Tiere zu ehren. Das Alltägliche als etwas Besonderes herausheben, das geschieht auch bei Pope L., der mit einer kleinen Topfpflanze, einem Löwenzahn, kriechend auf New Yorks Straßen unterwegs war, in Fotografien dokumentiert.
Joseph Beuys, der einem toten Hasen die Kunst erklärt hat, mag hier Pate gestanden haben. An seine Aktion, sich 1974 in der New Yorker Galerie von René Block mehrere Tage mit einem Kojoten einschließen zu lassen, erinnert wiederum Jessica Segall: Deren Zweikanal-Videoarbeit „(un)common intimacy“ zeigt sie unter Wasser, mit einem Tiger und einem Alligator.
Sie trägt dabei rote Stöckelschuhe und ein rotes Kleid, drückt Kopf und Schultern an den Bauch des Alligators oder streckt ihre Hände mit rotlackierten Nägeln den Tigertatzen entgegen. Man staunt über dieses Abenteuer, den circensischen Mut, die ungewohnte Nähe. Was sonst noch im Lauf der Performance passierte, weiß man nicht.
In seinem Buch „Survival of the Nettest“ hebt der Naturwissenschaftler Dirk Brockmann die Notwendigkeit der Kooperation hervor, die er als erfolgreiches Modell des Überlebens schildert, abgeleitet aus Analysen verschiedener naturhistorischer Szenarien. Die Ausstellungen von Simon Faithfull und seinen Künstlerkolleg:innen bieten in diesem Kontext Bilder an, die Verstand, Gefühl und Fantasie triggern, um von gewohnten Mustern der Einordnung abzuweichen. Auch wenn vielleicht nicht alles funktioniert, was sie vorschlagen.
