Als „liebenswürdigsten Freudenspender“ ehrte der Bayer Richard Strauss seinen Wiener Komponistenkollegen Johann Strauss (Sohn), der vor zweihundert Jahren, im Oktober 1825, geboren wurde. Der Kritiker Eduard Hanslick stellte die Instrumentationskunst des Walzer- und Operettenkomponisten neben diejenige Mozarts; bedeutende Dirigenten wie Gustav Mahler, Bruno Walter, Carlos Kleiber, Herbert von Karajan oder Nikolaus Harnoncourt führten seine Werke mit ersten musikalischen Kräften an Opernhäusern von Wien bis New York, Hamburg bis London auf.
Das gediegene Plattenlabel cpo bringt jetzt die selten gespielte vorletzte Strauss-Operette, „Waldmeister“ (1895), heraus, in der komprimierten Bearbeitung einer diesjährigen Aufführung des Theaters am Münchner Gärtnerplatz. Komprimiert deshalb, weil in der Aufnahme die Sprechdialoge fehlen. Die Münchner Fassung von Josef E. Köpplinger (Regie), Karin Bohnert (Dramaturgie) und Michael Brandstätter (musikalische Leitung) hatte das Setting deutlich modernisiert und auch Texte geändert, ebenso wie es der Lustspiel-Komponist Ralph Benatzky in seiner Bearbeitung 1949 getan hatte. Edelmänner und Kammerzofen gibt es nicht mehr, dafür allerlei unvermutete Begegnungen von Menschen im Hotel „Zur Waldmühle“.
Ein schwelgerischer Fraternisierungsrausch
Das Libretto von Gustav Davis, einem passionierten Jäger, Grundbesitzer und Gründer der „Kronen Zeitung“, führt uns in zünftiges Milieu mitsamt Forstakademie, Botanik-Studenten und eben: Waldmeister. Dem aparten Pflänzchen mit den zierlichen weißen Blüten kommt hier ungefähr die Rolle zu wie dem Champagner in der „Fledermaus“. Als scheinbar unschuldiges Ingrediens einer hochprozentigen Bowle wird er wie eine höhere Macht beschworen: „Waldmeister hat es gesagt.“ Es ist die zaubrische Wirkung aus Wein, Zucker und Waldmeister, die zu dem gesungenen Gruppenwalzer mit dem dadaistischen Textanfang „Trau, schau, wem?“ führt.

Dieser schwelgerische Fraternisierungsrausch mit sanft absteigendem Dreiklangsmotiv — sozusagen umgekehrt wie in „An der schönen blauen Donau“ — bügelt alle Verwechslungs- und Verstellungsklippen aus. Die Musik zu „Trau, schau, wem?“ im gemäßigten Walzertempo gefiel Strauss so gut, dass er sie von der Ouvertüre an über den großen Chor im zweiten Akt bis hin zum Schluss prominent einsetzte; die eingängige und doch aparte Weise im lang aufblühenden Bogen ist das Herzstück der Operette. Das Orchester des Gärtnerplatz-Theaters spielt sie schwungvoll und lyrisch und mit nicht zu viel Vibrato.
Eine weitere bemerkenswerte Nummer ist die grandiose Gewittermusik gleich am Anfang („Himmel, so ein Wetter“) mit ihrer Dramatik aus chromatisch gehetzten Flötenläufen und Posaunenstößen. Auch das Auftrittscouplet „Mein Leben ist ein Irrtum“ des Botanikprofessors Erasmus Friedrich Müller erfreut durch die transparente Eleganz der musikalischen Diktion, hier von Daniel Prohaska mit selbstbewusster Nonchalance gesungen. Der Professor aus Herzogenburg ist in „Waldmeister“ der Hauptvertreter jener fröhlichen Frivolität, die neben Alkoholika und Amüsement zur Operettenmelange dazugehört: „Man darf kein Othello sein, sonst kommt der Ehezwist.“
In seiner berühmteren „Fledermaus“ oder im „Zigeunerbaron“ hatte Straussens musikalische Phantasie sich am exotischen Element entzündet, und für die unmittelbare Vorgängerin „Jabuka“ vertonte er 1894 bewusst einen slawischen Stoff. Die reizvolle Fremdheit etwa eines ungarischen Csardas fehlt jedoch in „Waldmeister“ fühlbar. Das Naturelement hat Strauss, abgesehen von einer Waldhorn-Einlage, offenbar nicht besonders „intriguiert“.
So bräuchte es schon außergewöhnlich brillante Sängerinnen, um die Handlung, die keine ist, zum Leben zu erwecken. Da sieht’s bei der Münchner Produktion auf der männlichen Seite besser aus als auf der weiblichen, der es an Finesse und stimmlichem Glanz fehlt, obwohl ausgerechnet die Protagonistin Pauline (Sophia Keiler) sich als Sängerin vorstellt. Gut gelaunt, mit schönem Zusammenklang gestaltet der Chor (einstudiert von Pietro Numico) seine Partie.
Johann Strauss: „Waldmeister“. Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz, Michael Brandstätter. cpo 555 701-2 (jpc)
