Die Freude über den historischen Moment, dass der Audi-Werksrennstall gleich beim ersten Formel-1-Auftritt Punkte einfahren konnte, stand Jonathan Wheatley in Melbourne ins Gesicht geschrieben. Keine zwei Wochen später ist der Brite, der als Teilchenbeschleuniger des ehrgeizigen Ingolstädter Projektes geholt worden war, bereits selbst wieder Geschichte. Am Freitagnachmittag verkündete der deutsche Autobauer die Trennung: „Aus persönlichen Gründen verlässt Jonathan Wheatley das Team mit sofortiger Wirkung.“ Die Floskel ist oft der Branchencode für einen Jobwechsel. Es ist eine merkwürdig anmutende, überhastete Flucht.
Wheatley, zuvor Sportdirektor bei Red Bull Racing, war nicht mal ein Jahr in seinem Amt als Teamchef. Die Funktion des leitenden Angestellten an der Rennstrecke bei Audi wird vorerst Mattia Binotto übernehmen müssen. Der Italiener, ein erklärter Fahrerlager-Politiker, sollte als Projektleiter primär den Kontakt zwischen dem Konzern, den Motorenbauern in Neuburg an der Donau und dem Einsatzteam in Hinwil bei Zürich halten. Jetzt kehrt er in jener Doppelrolle in die Boxengasse zurück, mit der er sich schon bei Ferrari schwergetan hatte. Das Team ist auf dem Sprung nach Japan, wo am Wochenende der dritte WM-Lauf ausgetragen wird. Wie es generell in der Führungsetage bei Audi weitergehen soll, bleibt offen.

:Der Neuling mit der Elektro-Expertise
Die elektrische Revolution in der Formel 1 ist wie zugeschnitten auf Audi – weil sie Neueinsteiger und arrivierte Teams gleichermaßen zum schnellen Lernen zwingt.
Die überraschende Personalie bringt die Spekulations-Weltmeisterschaft auf Touren. Der 58 Jahre alte Wheatley schien die Idealbesetzung zu sein, ein Macher mit Manieren. Geraunt wird, dass seine Gattin in der Schweiz nicht heimisch geworden sei. Auch von Spannungen innerhalb der Doppelspitze wird berichtet, was bei gemeinsamen Auftritten an Mimik und Körpersprache abzulesen war. Audi-Konzernchef Gernot Döllner hatte die beiden Manager unabhängig voneinander verpflichtet.
Das Konstrukt, die Verantwortung so aufzuteilen, war auf dem steinigen Weg der Marke in den Top-Motorsport schon mit den Vorgängern Oliver Hoffmann und Andreas Seidl gescheitert. Dass es zum zweiten Mal nicht funktioniert, ist ein gewaltiger Rückschlag im Bestreben, spätestens 2030 um den Titel kämpfen zu wollen. Wheatleys Stärke ist eine Kombination aus der notwendigen Struktur und der nötigen Improvisation, er ist beliebt und vernetzt in der Formel 1 – sein Weggang ist ein Zeichen. Möglicherweise hat nicht nur seine Frau mit den Sitten in der neuen Umgebung gefremdelt, sondern auch er selbst mit den Gepflogenheiten in deutschen Konzernen. Zuvor bei Red Bull ist es wohl unkonventioneller zugegangen. Möglicherweise ist Wheatley auch nicht vom schnellen Erfolg des Projektes überzeugt.
Geht Wheatley zu Aston Martin? Dort würde ein ziemliches Chaos auf ihn warten
Die Unruhe trifft Audi zu einer empfindlichen Zeit. Alle in der Formel 1 sortierten sich gerade, der Punktgewinn zum Auftakt wird von wiederholten Ausfallerscheinungen bei den Rennwagen von Nico Hülkenberg und Gabriel Bortoleto begleitet. Überall in der Boxengasse haben die Teams mit den Folgen der drastischen technischen Zäsur im Reglement zu kämpfen, bei Audi kommt als Erschwernis hinzu, dass sich die Rennstall-Organisation noch im Aufbau befindet. Ein so schneller Wechsel beim Führungspersonal bringt eine Menge durcheinander.
Mindestens so spannend zu verfolgen wird der Weg sein, den Wheatley künftig gehen wird. Denn für seinen Schritt, das Audi-Projekt derart überhastet zu verlassen, könnte ein noch tiefgreifenderer Grund vorliegen. Die Rückkehr nach Großbritannien soll nach Berichten in den englischen Fachmedien mit der dramatischen Krise beim Rennstall von Aston Martin zusammenhängen, der bislang überhaupt nicht in die Gänge kommt.

Teamchef ist dort Adrian Newey, der erfolgreichste Auto-Designer der Formel-1-Geschichte. Der eigenwillige 67-Jährige tut sich weit schwerer mit Menschen als mit seinen Zeichnungen und musste die ungeliebte Führungsrolle auf Wunsch des Rennstallbesitzers Lawrence Stroll einnehmen. Der kanadische Milliardär werkelt seit Jahren mit viel Geld und deutlich weniger Erfolg an einem Champion-Team herum, die Personalfluktuation ist hoch. Newey, der Teilhaber bei Aston Martin ist, muss auf dem Chefposten aushelfen, weil Stroll seinen Vorgänger Andy Cowell degradiert hatte. Wheatley wäre eine logische Wahl, mit Newey hatte er bei Red Bull je vier Weltmeistertitel mit Sebastian Vettel und Max Verstappen gewonnen. Die beiden verstehen sich gut, ihr persönlicher Ehrgeiz ist ähnlich groß.
Die an einem Freitagnachmittag ungewohnte Unruhe in den Personalabteilungen der Formel 1 wurde durch eine kryptische Mitteilung des mächtigen Stroll höchstpersönlich noch verschärft. Er wolle ein paar Dinge geraderücken: Aston Martin werde regelmäßig von Führungskräften anderer Teams kontaktiert, solche Spekulationen wolle er nicht kommentieren. Dafür bestätigte er, dass Newey sein Partner bleibe und man dieselbe Vision teile: „Bei uns laufen die Dinge absichtlich anders, auch was die traditionelle Rolle von Teamchefs angeht.“
Ob er mit dieser Scharade die Treue zu Newey signalisieren und gleichermaßen den Poker um Wheatley vorantreiben will, ist so offen wie die Gründe für das Ausscheiden des Audi-Managers. Für gewöhnlich folgt einem Personalwechsel auf dieser Ebene eine mindestens mehrmonatige Sperrfrist. Bei Aston Martin, wo sich im Vorjahr schon der bei Red Bull geschasste Teamchef Christian Horner vergeblich beworben hatte, würde ein ziemliches Chaos auf Wheatley warten.
Audis Rivale Mercedes hatte, kurz bevor die Causa Wheatley offiziell gemacht wurde, ein Bekenntnis zur Stabilität abgelegt und den langjährigen Kommunikationschef Bradley Lord zum stellvertretenden Teamchef befördert. Der deutsch-britische Werksrennstall wolle damit die Organisation in einer Phase des anhaltenden Wachstums stärken und die Verantwortlichkeiten effizient verteilen, lässt Rennstallboss Toto Wolff mitteilen. Die Teilung entspreche den Gepflogenheiten, die man in weiten Teilen der Formel 1 beobachte. Eine Stunde später musste das aus Ingolstädter Sicht beinahe zynisch klingen.
