Arundhati Roya sagt Berlinale ab

Der indische Film „In Which Annie Gives It Those Ones“ aus dem Jahr 1989 ist vor allem wegen seiner Drehbuchautorin Arundhati Roy bekannt, die einige Jahre später mit dem Roman „Der Gott der kleinen Dinge“ weltberühmt wurde. Regie führte ihr Ehemann Pradip Krishen, erzählt wird die Geschichte eines Studenten für Architektur und Stadtplanung namens Anand („Annie“), der mit schrägen Ideen einen Kampf gegen einen autokratischen Direktor führt. Neuerdings liegt eine restaurierte Fassung vor, die ab Montag in der Reihe Special auch dreimal auf der Berlinale zu sehen sein wird. Ein Hintergrund der Einladung dieses vielleicht aus filmhistorischen Gründen nicht in höchstem Maße vorrangigen Werks war sicher der Umstand, dass Arundhati Roy, die beim dem lesenden Publikum nach wie vor große Beliebtheit genießt, ihr Frühwerk selbst hätte präsentieren sollen. Doch diesen Auftritt hat sie nun kurzfristig abgesagt. Und zwar aus Gründen, die einen Punkt betreffen, den die Berlinale nach Möglichkeit so wenig wie möglich berühren möchte: die in der internationalen Welt der Kultur nach wie vor virulente Frage, wie sich Menschen zum Krieg in Gaza verhalten.

Eine unfaire Frage?

Auch nach Ende der Kampfhandlungen ist der Streit darüber, ob es sich um einen Genozid handelt, und wie die Regierung Israels zu kritisieren wäre, nach wie vor im Gang. So meldete sich am Mittwoch bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der internationalen Jury der Journalist Tilo Jung zu Wort und berührte in offensichtlich genau gewählten Worten den wunden Punkt des Festivals: „Im Licht der Unterstützung der deutschen Bundesregierung für den Genozid in Gaza“ fragte er die Jury, ob sie sich zu diesem „selektiven Umgang mit Menschenrechten“ auf der Berlinale erklären wollte? Denn die Berlinale, so Jung, erkläre sich zwar solidarisch mit der Aufstandsbewegung in Iran und mit dem Defensivkrieg der Ukraine, aber nicht mit Palästina.

DSGVO Platzhalter

Es war die polnische Produzentin Ewa Puszczyńska, die aus dem Kreis der Jury zuerst reagierte, indem sie die Frage im Grunde zurückwies: „This question is unfair“, „This is a very complicated question“. Tatsächlich war in diesem Moment wohl allen im Saal bewusst, dass es vor allem darum ging, die Berlinale, die überwiegend vom Bund finanziell unterstützt wird, bloßzustellen. Und Wim Wenders, der dieses Jahr als Präsident der Jury fungiert, sprach dann jenen ausweichenden Satz, den Arundhati Roy nun als Grund für ihre Absage nimmt: „We have to stay out of politics“, „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten“. Er ergänzte noch: „We have to do the work of people“.

Das Dilemma des Festivals

In ihrer Stellungnahme nannte die Schriftstellerin den Satz von Wim Wenders „jaw-dropping“ – ihr fiel die Kinnlade hinunter. Sie versteht ihn so, dass damit ein Gespräch unterbunden werden soll über ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das sich vor unseren Augen vollzieht“. Aufgabe der Kunst sei es, alles zu tun, um dieses Verbrechen zu stoppen. Dem Festival blieb nichts anderes übrig, als mit einer Stellungnahme zu reagieren, die in konventionellen Worten den Entschluss von Arundhati Roy „respektiert“. „Ihre Anwesenheit hätte das Gespräch auf dem Festival bereichert.“ Tatsächlich hätte Roy die Bühne in Berlin auch nutzen können, um ihren Standpunkt deutlich zu machen. Sie entschied sich stattdessen für eine Ansage, die nun Schlagzeilen macht.

Zwei Jahre nach der Abschlusszeremonie der 74. Berlinale im Februar 2024 steckt das Festival in einem nicht lösbaren Dilemma. Schon damals, als das Massaker vom 7. Oktober noch sehr unmittelbar präsent war, hatten Filmemacher auf offener Bühne den Krieg Israels kritisiert und dabei auch den Begriff Genozid in Stellung gebracht, der seither zu einem diskursiv alles entscheidenden Kriterium geworden ist: Wer den Krieg nicht als Genozid bezeichnen oder zumindest die Implikationen des Begriffs genauer diskutieren möchte, gerät in die Nähe von Rechtfertigungen einer Kriegsführung, die inzwischen ja sogar von Bundeskanzler Merz hinterfragt wurde. Die Berlinale gehört zu den Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin (KBB lautet das entsprechende Kürzel), sie ist damit enger an die sogenannte deutsche Staatsräson gebunden als andere kulturelle Träger. Und sie ist damit zu einer diskursiven Gratwanderung gezwungen, die sich in dem ungeschickten Satz von Wim Wenders am Mittwoch manifestierte.

Dass Arundhati Roy sich nun ihrerseits auf ein paar Sätze beschränkte, muss vor diesem Hintergrund als bedauerlich gewertet werden. Denn tatsächlich ist die deutsche Position (und damit auch die der Berlinale) stärker im Fluss, als die radikale Palästina-Solidarität zugestehen will. Die Berlinale aber zeigte sich schon vor zwei Jahren (damals noch unter Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek) unvorbereitet auf die Debatten, und so auch dieses Mal. Tricia Tuttle, die Festival-Direktorin, wollte am Mittwoch die Frage sichtlich vor allem diskret vom Tisch haben, und beließ es bei dem ungenügenden Satz von Wim Wenders. Doch ist es mit einem dürren Statement nicht getan. Denn spätestens bei der Preisverleihung am kommenden Samstag wird das Thema wieder auf dem Tisch sein.