Der Quoten-Nazi ist eine aussterbende Art. Vor rund 20 Jahren bevölkerte er hierzulande fast alle Dokudramen und Spielfilme über die NS-Diktatur und ihre Auswirkungen. Besonders der ZDF-Zeitgeschichtler Guido Knopp garnierte die Mär vom deutschen Volk als Hitlers erstem Opfer mit durchschnittlich 2,63 Tätern, die als einzige vor Ort NSDAP gewählt und Juden gequält hatten. Als Amazon Prime vor acht Jahren Lothar-Günther Buchheims „Boot“ als Serie zu Wasser ließ, nahm es den Mythos der Kollektiv-Unschuld zwar nochmals an Bord.
Darüber hinaus aber war das handelsübliche Reenactment von der Machtergreifung bis zu den Auschwitzprozessen damals nicht nur demografisch, sondern generell realistischer als Alice Weidel lieb ist. Da riecht es ein bisschen revisionistisch, dass ARD Degeto jetzt einen Roman über die letzten Kriegstage verfilmen ließ, in dem es ungefähr 2,63 Hardcore-Nazis im Umfeld einer Stadt voll Aufständischer gibt. Aber gut: der Drehort ist ja auch nicht Dresden, Tannbach oder Berlin. Sondern Prag.
Dort, so hat es der tschechische Literat und Bürgerrechtler Pavel Kohout vor 29 Jahren in den Bestseller „Sternstunde der Mörder“ geschrieben, tötet ein Ritualkiller mehrere Frauen und schneidet ihnen die Herzen raus. Weil das erste Opfer die Witwe eines Wehrmachtsgenerals ist, leitet der eingeborene Kommissar Morava (Jonas Nay) die Ermittlungen aber nicht allein; Standartenführer Meckerle (Devid Striesow) stellt ihm den Gestapo-Wachhund Buback (Nicolas Ofczarek) zur Seite – auch, um polizeiliche Systemgegner aufzuspüren.
Der frei erfundene Vierteiler geht also eine Art fiktionalen Sonderweg. Wie 1997 Max Färberböcks lesbisches Kriegsmelodram „Aimée & Jaguar“, 20 Jahre später „Babylon Berlin“ oder zwischendurch Jonathan Littells Tatsachenroman „Die Wohlgesinnten“ aus dem Alltag eines SS-Offiziers, benutzt Drehbuchautor Holger Karten Schmidt den Faschismus als Fototapete regimeferner Erzählungen. Und die versieht Christopher Schier mit einer Vielzahl imposanter Hakenkreuzfahnen; nur dekorieren sie eher einen Krimi im als über Besatzungsterror.
Anders als süffige Geschichtsklitterungen von Knopps „Kinder der Flucht“ über Roland Suso Richters „Dresden“ bis hin zu Joseph Vilsmaiers „Gustloff“, dank der sich die Enkelgeneration des Tätervolks aus Sicht von „Zeit“-Kritiker Peter Kümmel „mit ihren Großvätern versöhnen“ konnte, ist Kohouts Fokus-Verschiebung allerdings legitim. Einerseits war die Heeresgruppe Mitte auch im Prag der letzten Kriegstage längst auf dem Rückzug. Andererseits geht das Leben ja auch im Ausnahmezustand weiter.
Die ersten drei der vier Dreiviertelstunden, zu Knopps Zeiten Zweiteiler genannt, nehmen sich demnach viel Zeit für Privates. Das Grauen ringsum aber lässt sie seltsam kalt. Als sich die Stadt bereits unterm Beschuss alliierter Truppen befindet, sitzt Kriminaladjunkt Morava folglich mit lustigen Landsern im Café und wird kurz darauf zum Tatort einer zivilen Straftat gerufen. Von hier an hat der junge Ermittler zwar schon auch mit systematischer Willkür zu tun. Den Fall jedoch seziert er mit ähnlicher Gewissenhaftigkeit wie der Täter (Gerhard Liebermann) seine Opfer.
Für eine Lovestory mit Kollegin Jitka (Diana Dulinková) hat der moralisch geschmeidige (nicht opportunistische) Beamte zweier Systeme dennoch Zeit und gerät zudem parallel in die Dreiecksbeziehung seines – glaubhaft jähzornigen – Oberkommandeurs. Denn Meckerles Geliebte (Jeanette Hain) landet ausgerechnet im Bett von Moravas einsilbigem Aufseher Buback, der seit dem Tod seiner Familie verzweifelt nach Halt sucht. Ein selbstreflektierter, mental labiler, latent systemkritischer Gestapo-Scherge als Antipode eines fanatischen SS-Klischees also? Das ist nicht nur inhaltlich heikel.
Obendrein wurde die Serie nämlich von Servus TV koproduziert. Red Bulls PR-Portal, das die „Süddeutsche Zeitung“ bereits als „Heimatsender des österreichischen Rechtspopulismus“ bezeichnete, bevor ihn Covid endgültig in die Schwurbelecke stieß. Degeto-Geschäftsführer Thomas Schreiber weist den Vorwurf der politischen Anrüchigkeit zwar weit von sich. Den ganzen Sender wegen des früheren Programmchefs Ferdinand Wegscheider als „rechtspopulistisch zu definieren“, halte Schreiber zufolge „einem ernsthaften Blick nicht stand“.
Abgesehen davon, dass Wegscheider dort weiterhin wöchentlich Verschwörungsideologien verbreitet und Sendungen wie „Talk im Hangar-7“ ein, nun ja: recht(s) positives Verhältnis zur False Balance pflegen, schmeckt die Sternstunde aber auch inhaltlich fahl. Immerhin ist das Reenactment aus der braunen Gewaltherrschaft nahezu frei von Shoah oder Krieg. Und wenn Holger Karsten Schmidt ein Skript nur mit seinem Pseudonym Klaus Burck unterzeichnet, deutet dies auf kreative Differenzen hin. Umso erstaunlicher, dass die Serie keinesfalls ungenießbar ist.
Der Alltagsfokus wirkt schließlich schon deshalb unverfänglich, weil das Nationalheiligtum Pavel Kohout über jeden Zweifel literarischer Relativierung erhaben ist. Ein gewöhnlicher Tscheche mit Hut, der Frauen ausweidet, steht überdies im philosophischen Kontrast zur Banalität des Bösen gewöhnlicher Deutscher im SS-Drillich. Wer das Gute, wer das Böse verkörpert, variiert nach individueller, nicht kollektiver Verantwortung. Der trübsinnige Tango, den die „unbesetzte Seele“ Marlene im Licht allgegenwärtiger Schuld mit dem Melancholiker Buback tanzt, ist da ebenso anrührend wie tiefgründig.
Unterm düsteren Sound seiner Referenzserie „Der Pass“ verkneifen sich Buch und Regie außerdem jeden Heroismus, von Triumphalismus ganz zu schweigen. Und weil Set-Designer Conrad Moritz Reinhardt die Kulissen ungewohnt authentisch ausstattet, dringt die Tyrannei weit ins Gemüt aller Beteiligten. Selbst der Dialekt deutscher Darsteller tschechischer (zur Nutzung der Feindsprache verpflichteter) Polizisten stört nicht weiter. Kohouts Reise ins Herz der Finsternis einer untergehenden Diktatur ist so ergreifend – das kriegen nicht mal Quoten-Nazis und dubiose Partnerkanäle klein.
Das Erste zeigt die vier Folgen am Karfreitag ab 20:15 Uhr. In der ARD-Mediathek stehen sie bereits zum Abruf bereit.
