Arbeitnehmerrechte missachtet?US-Gewerkschafter machen Mercedes schwere Vorwürfe
Von Christina LohnerArtikel anhören(06:02 min)

In den Werken deutscher Autobauer in den USA werden die Beschäftigten nicht wie hierzulande selbstverständlich von Arbeitnehmervertretern unterstützt. Die Gewerkschaft UAW will das seit Jahren ändern und liefert nun neue Munition gegen Mercedes-Benz. Das Unternehmen weist Anschuldigungen vehement zurück.
Arbeitsplätze in der deutschen Autoindustrie sind im Vergleich zu anderen Branchen gut bezahlt und waren lange mehr als sicher. Diese Arbeitsbedingungen sind auch Ergebnis einer einflussreichen Gewerkschaft. Die mächtige IG Metall leidet zwar auch unter der Krise, ist aber nach wie vor stark vertreten. Im vergangenen Jahr meldete die Gewerkschaft etwa im Streit um den Jobabbau bei Ford Köln, dort sei ein sehr hoher zweistelliger Anteil der Beschäftigten in der IG Metall organisiert – „nicht mehr weit weg von den 100 Prozent“.
Ganz anders sieht es in den amerikanischen Fabriken aus. Im VW-Werk in Chattanooga ist die US-Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) seit weniger als zwei Jahren gewählt, für die Arbeitnehmer einzutreten. Es ist das erste Autowerk in den US-Südstaaten seit 1940, in dem die Gewerkschaft die Beschäftigten vertritt, und das erste solche Werk eines ausländischen Autobauers überhaupt. Bis dahin war UAW nur im Norden der USA und bei den heimischen Herstellern stark. Für die VW-Beschäftigten zahlt sich die Vertretung aus. Vor wenigen Tagen einigten sich Unternehmen und Arbeitnehmer auf 20 Prozent mehr Gehalt sowie eine Einmalzahlung und Boni.
Drei Anläufe hatte es gebraucht, bis die VW-Arbeiter in Chattanooga dafür stimmten, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Zuvor seien die Wahlen an „massiven gewerkschaftsfeindlichen Kampagnen und juristischen Winkelzügen gescheitert“, wie die IG Metall der Arbeitgeberseite zur Last legte. Das werfen Arbeitnehmervertreter auch anderen Unternehmen vor. Einen Monat vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg bekräftigt die UAW ihre Vorwürfe gegen den Vorzeige-Hersteller aus dem Ländle: Mercedes-Benz. Die Gewerkschaft hofft, dass sich auch deutsche Politiker zum Verhalten des Unternehmens in den USA äußern.
Die Vorwürfe in einem neuen UAW-Bericht wiegen schwer: Mercedes-Benz verletze die Rechte seiner Beschäftigten im Werk in Alabama und fahre eine „gewerkschaftsfeindliche Kampagne“. So seien etwa Gewerkschaftsmitglieder unrechtmäßig entlassen und Beratungsunternehmen engagiert worden, die auf „Gewerkschaftsvermeidung“ spezialisiert sind. Mercedes widersetze sich zudem in seinem Autohaus in New York „aggressiv den Bemühungen der Beschäftigten, einen ersten Tarifvertrag“ auszuhandeln.
Mercedes weist „Vergeltungsmaßnahmen“ zurück
Die Gewerkschaft behauptet unter anderem, Mitarbeiter seien daran gehindert worden, in gemischt genutzten Bereichen des Werks über Gewerkschaftsangelegenheiten zu sprechen. Ein Beschäftigter sei wegen seiner Beteiligung an einer gewerkschaftlichen Organisation abgemahnt worden, ein anderer bedroht. Seit der Abstimmung über eine gewerkschaftliche Vertretung im Frühjahr 2024 seien in New York etwa zehn Gewerkschaftsunterstützer entlassen oder unter Druck gesetzt worden, das Autohaus zu verlassen. Die UAW hat Beschwerde bei der US-Behörde National Labor Relations Board (NLRB) eingereicht, die die Vorwürfe untersucht.
Ein Mercedes-Sprecher wies Anschuldigungen der Gewerkschaft auf ntv.de-Anfrage vehement zurück. Weder Mercedes in den USA noch Vorstandsmitglieder der Gruppe hätten in das Recht von Beschäftigten eingegriffen, eine Gewerkschaftsvertretung zu etablieren, „und haben in diesem Zusammenhang auch keine Vergeltungsmaßnahmen gegen einzelne Mitarbeitende durchgeführt“. Nach einer Untersuchung durch die NLRB habe die UAW bereits den Großteil ihrer Vorwürfe zurückgezogen. „Es gibt derzeit keine abschließenden Feststellungen der Behörde bezüglich der wenigen verbleibenden Vorwürfe, die von der UAW noch nicht zurückgezogen wurden.“
Einer der laut UAW offenen Punkte ist die Kündigung von Jeremy Kimbrell vor einem Jahr, bis dahin „der bekannteste Gewerkschaftsführer im Werk“. Nach Angaben der Gewerkschaft wurde seine Entlassung nach 26 Jahren Betriebszugehörigkeit damit begründet, Kimbrell sei zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht an seinem Arbeitsplatz gewesen. Dabei habe er in dem Moment an einer regelmäßig stattfindenden Arbeitsbesprechung mit Kollegen teilgenommen. Zuvor war demnach bereits intern eine politische Spendensammlung von Kimbrell untersucht worden – während andere, regelmäßig stattfindende Spendensammlungen nicht disziplinarisch verfolgt würden. Der Mercedes-Sprecher ließ die Frage, warum Kimbrell entlassen wurde, unbeantwortet.
Nach Angaben der UAW ist der Veröffentlichungszeitpunkt ihres Berichts kurz vor der Landtagswahl ein „glücklicher“ Zufall. Die vergangene Woche beschlossene kräftige Lohnerhöhung bei VW in Chattanooga dürfte der Gewerkschaft neue Hoffnung machen, auch bei Mercedes in Alabama doch noch gewählt zu werden, die Beschäftigten zu vertreten. Vorbild ist dabei offenbar die hiesige Arbeitnehmervertretung, die in dem Bericht hervorgehoben wird: „In Deutschland schützt das Mitbestimmungsgesetz die Arbeitnehmer bei Mercedes-Benz und anderen Unternehmen vor Ausbeutung nach US-amerikanischem Vorbild.“
