

Wer dieser Tage an Grönland oder die schmelzenden Gletscher der Arktis denkt, wird nicht nur wegen des kalten Januars frösteln. Im Stuttgarter Hospitalhof herrscht dagegen eine Hitze wie am Lagerfeuer. Das liegt vor allem an den achthundert Menschen, die sich in den großen Saal des Evangelischen Bildungszentrums drängen. Sie sind voller Erwartung, ihren Trostspender persönlich zu erleben, Pater Anselm Grün.
„Er ist ein Kompass fürs Leben“, sagt eine Frau aus Ludwigsburg. Ein Glanz umweht ihr Gesicht. Sie ist wie viele andere schon anderthalb Stunden vor Beginn des Vortrags gekommen, um nur ja einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern. Sie will ihrem Idol ganz nah sein. Seine Stimme sei so angenehm, sagt sie, andere um sie herum nicken zustimmend. Sie sprechen über seine Ausstrahlung, die sie verzückt. Jemand erzählt von seinem Besuch im Kloster Münsterschwarzbach, wo Anselm Grün mit seinen heute siebzig Ordensbrüdern seit sechs Jahrzehnten lebt.
Der Benediktinermönch kommt seit Jahren zu Veranstaltungen nach Stuttgart, immer im Januar. Er ist inzwischen 81 Jahre alt, und der Termin fällt meist in die Nähe seines Geburtstages. Das Publikum weiß das und stimmt auch dieses Jahr einen Kanon an: „Viel Glück und viel Segen“. Anselm Grün betritt die Bühne und lächelt verlegen.
Eine Mischung aus Mystik und praktischen Achtsamkeitstipps
Warmes, rötliches Licht erfüllt den Saal, in dem jetzt das überwiegend ältere Publikum Platz genommen hat. Ohne Manuskript steht Grün am Rednerpult. Er wirkt überraschend klein. Das Älterwerden, sagt er, habe ihn befreit. Er müsse nicht mehr viel leisten, es reiche, „einfach da zu sein“. Das Publikum murmelt zustimmend. Fühlt es sich von seinen Worten entlastet? Der Pater hat einen Sendungsauftrag. Er will da sein, wo Menschen Rat suchen.
Der promovierte Philosoph und studierte Betriebswirt gibt Seminare und hält Vorträge auf der ganzen Welt, und er schreibt Bücher, aus denen er bei seinen Veranstaltungen gern zitiert. Sie haben eine Millionenauflage, sind inzwischen in dreißig Sprachen übersetzt, fünfzig seiner dreihundert Werke kann man auch auf Chinesisch lesen. Sein neuestes Werk heißt „Alles in Allem. Was letztlich zählt im Leben. Über Glück, Sehnsucht und die Kraft der Spiritualität“.
Anselm Grün, der in seiner Unangestrengtheit überraschend jung wirkt, spricht jetzt davon, auf die „innere Stimme zu hören und danach zu leben, was glücklich macht“. Seine Glaubenssätze klingen wie eine Mischung aus Mystik und praktischen Achtsamkeitstipps. Die Grenzen unterschiedlicher Religionen verschwimmen. Vieles klingt wie aus einschlägigen Yoga-Videos. Das Publikum hängt an seinen Lippen. Als Leitmotiv zieht sich die Sehnsucht als Glaube durch den Abend. „Ich möchte niemanden belehren, aber ich glaube, in jedem ist Sehnsucht“, sagt Pater Grün. Er wiederholt dies so oft, dass seine Botschaft bald Züge eines Mantras annimmt, ja einer Beschwörung. Lässt sich damit wirklich das Gute befördern? Wenn man nur im Einklang lebt mit sich selbst? Und was genau heißt das eigentlich, wie genau soll das vonstattengehen? Der Moment ist suggestiv, und irgendwann fragt man sich plötzlich selbst, ob es nicht tatsächlich nur darum geht, um die richtige Einstellung zum Leben.
Die achthundert Menschen im Saal fühlen sich hier und jetzt von ihm gesehen. Nun nimmt sich Anselm Grün berühmte Stichwortgeber vor, Augustinus, Saint-Exupéry, Erich Fromm. Erstaunlich genug bei diesen Säulenheiligen geht es dann aber kaum je in die Tiefe. Zitiert Grün hier aus Martin Walsers Essay „Gott fehlt mir“, erklärt er sich dort von C. G. Jung beeinflusst. Ihn interessiere der Weg vom Ego zum Selbst. Das Gottesbild im Inneren zu finden, sei die Begegnung mit sich selbst. Das klingt ja gut, aber was konkret heißt das, fragt man sich? Wer nicht zu sich finde, der verdränge und werde ohnmächtig, und „wer sich ohnmächtig fühlt, der wird depressiv oder aggressiv“, gibt Pater Grün selbst die Antwort auf das selbst gestellte Lebensrätsel.
Feier des Authentischen
Das Publikum nickt andächtig. Dazu passt die Aura der Schüchternheit, die sich der Pater mit der sanften Stimme verleiht. Die Pausen scheinen wohl bedacht, zuweilen gestattet er sich eine ausladende Geste. Die Inszenierung ist perfekt, die Gemeinde beseelt, während es eine gute Stunde lang um Glück geht und um Sehnsucht, um Glaube, Stille, das Alter und immer wieder um die Hoffnung. Auch eine Heilsgeschichte wird zum Besten gegeben, in der ein Drogenabhängiger durch die Hoffnung der Mutter den Weg zurückfand. Still und regungslos lauschen die Leute, einige nicken, andere lächeln sich leise zu, als wüssten sie, wenigstens in diesem Moment, wie sich die Welt in einen besseren Ort verwandeln ließe.
Ist das sein Erfolgsrezept? Oder woran liegt es, dass der katholische Ordensbruder seit Jahrzehnten Turnhallen-große Säle füllt, während die Kirchen leer sind? Weil er seine Botschaften auf Kalendersprüche herunterbricht und die Menschen damit für diese heitere Stunde von ihren Sorgen und der Dramatik der Gegenwart entlastet.
In Zeiten, in denen alle so sehr aufs iPhone starren, dass Länder schon die Nutzung reglementieren wollen, wird die persönliche Begegnung bei Grün zur Feier des Authentischen. Aber was daran ist authentisch, nur weil man sich gemeinsam zu Hunderten in einem Saal befindet? Weiß nicht das, was der Tröstende hier sagt, heutzutage jede gewöhnliche KI? Pater Grün ist dabei selbst zum Internetphänomen geworden. Auch an diesem Abend haben sich Gleichgesinnte über die Kennenlern-App Meet5 gefunden, um die Veranstaltung gemeinsam zu besuchen.
Als es zum Abschluss ans Beten geht, alle aufstehen und die Arme vor der Brust kreuzen, fühlt es sich dann fast an wie Kirche. Beten sei Beben, sagt Grün unter Verweis auf Lukas 11. Im Hospitalhof ist es totenstill – bis schließlich anders als im Gottesdienst tosender Applaus aufbrandet, als würden die Ergriffenen sich selbst feiern, ehe sie zum Signiertisch eilen.
Es ist schon merkwürdig. Die Werte, die Pater Grün predigt, Achtsamkeit, Respekt, Hoffnung, sind universell. Es wirkt dabei fast skurril einfach, wie der freundliche ältere Herr darüber spricht. Er glaubt, schon die Präsenz allein sei hilfreich. Für einen Abend funktioniert das glänzend.
