Anna Wintour mit Meryl Streep auf der Vogue: Vom Stil-Ikone zur Marketing-Strategin?

Wie sich die Zeiten ändern! Als „Der Teufel trägt Prada“ 2006 in die Kinos kam, war Anna Wintour noch eine überirdische Figur aus einem unterkühlten Büro hoch über der 42. Straße, der niemand zu nah kommen wollte. Zwei Jahrzehnte später ist es umgekehrt. Vor dem Kinostart der Fortsetzung „Der Teufel trägt Prada 2“ kann man der mächtigsten Frau der Mode kaum entkommen. „Damals brauchte der Film den Mythos Anna Wintour“, schreibt das Magazin „1Granary“ zum Titel der amerikanischen „Vogue“ vom Mai, auf dem die ehemalige Chefredakteurin mit ihrem Film-Double Meryl Streep posiert. „Heute scheint es, als bräuchten Wintour und die ,Vogue‘ den Film, um relevant zu bleiben.“

Sollte der Zustand der Modemagazine schon so traurig sein? Vom „Arbiter elegantiarum“ über den Wolken, dem unfehlbaren Richter des guten Geschmacks, zum „Sales superstar“ an der Kinotheke in weniger als einer Generation? Von „Der Teufel trägt Prada“ zu „Der Teufel trägt nada“?

Vor der Modenschau von Tory Burch im September 2016 in New York: Anna Wintour mit ihren Redakteurinnen Tonne Goodman (links) und Virginia Smith
Vor der Modenschau von Tory Burch im September 2016 in New York: Anna Wintour mit ihren Redakteurinnen Tonne Goodman (links) und Virginia SmithHelmut Fricke

Anna Wintour ist jedenfalls so präsent wie nie zuvor. Die Frau, die mit Sonnenbrille zu den Modenschauen kommt, den Kopf gesenkt, die kinnlangen Kanten der Bob-Frisur ins Gesicht fallend, sodass niemand es wagt, sie anzusprechen – plötzlich ist sie traut vereint mit ihrer Film-Doppelgängerin „Miranda Priestly“ zu sehen, als wäre der neue Film, der in drei Wochen ins Kino kommt, nur eine großartige selbstironische Inszenierung der Zeitschrift und nicht ein vernichtendes Zeugnis der Umgangsformen im Flaggschiff des Condé-Nast-Verlags.

„Es ging darum, schnell heißen Latte zu liefern“

„Der Teufel trägt Prada“ basierte auf dem Buch der Autorin Lauren Weisberger, die um die Jahrtausendwende als Assistentin für Wintour gearbeitet hatte. Schon damals gab es „besorgniserregende Anzeichen“ dafür, dass Weisberger „nicht funktionieren würde“, schreibt Amy Odell in ihrer Wintour-Biographie: „Das deutlichste war, dass sie eindeutig Journalistin werden wollte.“ Bei „Anna“ hingegen, wie alle sie nennen, „ging es nicht um journalistische Qualitäten, sondern darum, schnell heißen Latte zu liefern, und zwar in High Heels“.

Weisberger ließ sich nicht beirren, besuchte einen Kurs in kreativem Schreiben und brachte ihren Schlüsselroman Anfang 2003 in einer Erstauflage von 100.000 Exemplaren heraus. Von nun an war sie Persona non grata. „Ich kann mich gar nicht erinnern, wer dieses Mädchen war“, soll Wintour gesagt haben. Kein Wunder, denn die häufig wechselnden Assistentinnen aus dem Büro nebenan, so schreibt Odell, seien meist nur eine Stimme am Telefon, die sagt „Können Sie kurz zu Anna kommen?“ Bei der Premiere des Films behielt Wintour das letzte Wort: Sie kam mit ihrer Tochter Bee, von Kopf bis Fuß in Prada gekleidet.

Eine Tasche mit riesigem Logo?

Wie gut sie diese Art der nonverbalen Kommunikation beherrscht, das erkennt man daran, wie klischeehaft Meryl Streep sie nachzuahmen versucht. Die Sonnenbrille herunterrutschen lassen und verächtlich darüber blicken? Das aufdringliche Klackern scharfer militärischer Schritte auf dem Weg zur Machtausübung? Und dann noch mit einer Prada-Tasche mit riesigem Logo am Arm? Das hat nichts mit der Frau zu tun, die so bestimmt wie diskret in der Modeszene herrscht.

Sie werben für sich: Meryl Streep (links) und Anne Hathaway präsentieren „Der Teufel trägt Prada 2“ am Mittwoch in  Seoul.
Sie werben für sich: Meryl Streep (links) und Anne Hathaway präsentieren „Der Teufel trägt Prada 2“ am Mittwoch in  Seoul.AP

Aber egal! Jetzt ist Wintour als „Global Editorial Director“ der „Vogue“ und „Chief Content Officer“ des Condé-Nast-Verlags frei von kleinteiligen redaktionellen Aufgaben. Das verschafft ihr die Freiheit, Fehler zu machen. Ihre öffentlichen Auftritte in letzter Zeit gaben jedenfalls Rätsel auf. Als sie im Januar zur Couture-Schau von Schiaparelli vorfuhr, stieg Lauren Sánchez Bezos mit aus der Limousine. Sie und ihr Mann Jeff Bezos unterstützen die „Met Gala“ am 4. Mai als Hauptsponsoren; daher ist Wintour als Veranstalterin nun an ein Paar gebunden, das ihren ästhetischen Vorstellungen vollkommen widerspricht.

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Ein weiterer seltsamer Auftritt dann im Februar: Im Videointerview der „New York Times“ mit ihrer „Vogue“-Nachfolgerin Chloe Malle versteckt sich Wintour im Mantel hinter ihrer Sonnenbrille, obwohl sie in den Verlagsbüros im One World Trade Center sitzt. Dann Anna Wintour und Anne Hathaway bei den Oscars mit Anspielungen auf den neuen Film. Außerdem die vielen „geleakten“ Videos von den Dreharbeiten in Mailand, dann das Lied „Runway“ von Lady Gaga und Rapperin Doechii im Trailer – und dann auch noch dieses Cover, als wäre es dem 360-Grad-Marketing von 20th Century Studios entsprungen.

Es ist ein Rendezvous mächtiger Frauen: Anna Wintour (76) und Meryl Streep (76), fotografiert von Annie Leibovitz (76). Einerseits wunderbar in der dreieinigen Selbstvermarktung, andererseits auch verdächtig. Die „Vogue“ macht Werbung für einen Film. Früher war es umgekehrt.