Schon die erste Szene mit Andrij Naumow beginnt dramatisch. Man sieht ihn von hinten, wie er durch einen Park spaziert. Ein Mann Mitte 40, bullige Figur, weißes Hemd. Die Sonne scheint, die Blätter wogen im Wind. Als sich Andrij Naumow umdreht und in die Kamera blickt, lodern animierte Flammen über das Bild. „Der Mann, den Sie auf dem Bildschirm sehen“, sagt eine Stimme aus dem Off, „wurde vom Kyjiwer Regime zur Fahndung ausgeschrieben.“ Und: Niemand Geringerer als Wolodymyr Selenskyj, der ukrainische Präsident, wolle diesen Mann in die Hände kriegen. „Tot“, heißt es aus dem Off, „oder lebendig.“
Was aussieht wie ein schlechter Actionfilm, ist das Machwerk des russischen Staatsfernsehens, ausgestrahlt im Oktober dieses Jahres als Reportage auf dem kremlnahen Fernsehsender NTW. Die Kulisse für die Propagandasendung: Wien. Im Zentrum steht Andrij Naumow, ein ehemaliger General des ukrainischen Geheimdiensts SBU. Ein Mann, der sich mit der Führung in der Ukraine überworfen hat, wo mehrere Verfahren gegen ihn laufen. Und der inzwischen ganz offen gemeinsame Sache mit Russland macht. 2022, wenige Stunden vor dem russischen Überfall, floh er aus der Ukraine, zuerst nach Deutschland, dann nach Serbien – und schließlich nach Wien.
Dass Naumow ausgerechnet in Österreich gelandet ist, wird wohl kein Zufall sein. Wien hat nicht nur den Ruf, ein sicherer Hafen für Vermögen, Bankkonten und Immobiliengeschäfte zu sein. Sondern neuerdings auch für Personen, die sich vor dem Zugriff der Justiz in ihrer Heimat drücken. Das zeigt sich aktuell vor allem am Beispiel einiger prominenter Ukrainer. Es geht um Personen, die unter Korruptionsverdacht stehen – oder sogar verdächtigt werden, den Staat verraten zu haben.
Personen wie Naumow. Die ukrainischen Behörden werfen ihm Betrug, illegale Bereicherung und Amtsmissbrauch vor. Zudem wird ihm, in enger Zusammenarbeit mit Moskau, eine führende Rolle bei der langfristigen und der unmittelbaren Planung des großen russischen Überfalls auf die Ukraine zugeschrieben. Konkret soll Naumow den Russen vor der Vollinvasion sensible Informationen über die „Sicherheitssysteme der Sperrzone von Tschernobyl“ zugespielt haben, so steht es in einer ukrainischen Ermittlungsakte, die der ZEIT vorliegt. Darin wird Naumow auch als Vertrauensmann Moskaus beschrieben, der für eine Schlüsselposition in einer russisch besetzten Ukraine vorgesehen gewesen sei.
Die Ukrainer wollen ihn vor Gericht bringen, die Behörden haben bereits ein offizielles Auslieferungsgesuch an Österreich gestellt. Passiert ist bisher nichts, für die ZEIT war Naumow nicht zu erreichen. Aber es ist bezeichnend, dass sich Naumow hier offensichtlich so sicher zu fühlen scheint, dass er sich nicht einmal scheut, als Protagonist in einer 46-minütigen russischen Propagandasendung aufzutreten und dort gegen Selenskyj, die ukrainische Regierung und seinen ehemaligen Arbeitgeber SBU zu wettern. Selenskyj wird darin als „Diktator“ dargestellt, dem die Europäer zujubeln „wie damals Adolf Hitler“, die ukrainischen Sicherheitsdienste werden als „Gestapo“ bezeichnet. Mal schlendert Naumow die Donau entlang, mal blickt er von einer Dachterrasse, mit Blick auf den Funkturm im Wiener Arsenal, auf die Stadt. Dazwischen schnell geschnittene Bilder vom Viktor-Adler-Markt, von Frauen im Hidschab und Obdachlosen – die wenig subtile Botschaft: Wien, ein verkommenes Beispiel westlicher Dekadenz, ungebremster Migration und des kulturellen Niedergangs.
In ukrainischen Medien spricht man vom „Wiener Bataillon“
Naumow ist bei Weitem nicht der einzige Ukrainer, der sich in Wien der Strafverfolgung in seiner Heimat entzieht. Nur ein paar Beispiele: Da wäre etwa Kyrylo Schewtschenko, ehemaliger Gouverneur der Nationalbank der Ukraine, in Kyjiw wird gegen ihn wegen der Veruntreuung von umgerechnet fünf Millionen Euro ermittelt. Oder Oleksandr Tupytskyj, bis 2020 Richter am Verfassungsgericht der Ukraine, gegen den in der Ukraine in einer ganzen Reihe an Korruptionsfällen ermittelt wird.
Laut Recherchen ukrainischer Medien soll sich vor Kurzem auch Timur Minditsch in Wien aufgehalten haben. Der ehemalige Selenskyj-Vertraute gilt als Schlüsselfigur im aktuellen Korruptionsskandal rund um den ukrainischen Energiesektor. Inzwischen haben ihn ukrainische Journalisten in Israel aufgespürt. Zwischenzeitlich soll sich auch der ehemalige Vize-Premier und Minister für Nationale Einheit, Oleksiy Tschernyschow, der ebenfalls in diesen Skandal verwickelt ist, nach Wien abgesetzt haben.
Und nicht zuletzt der prominenteste Fall: Dmytro Firtasch, einer der reichsten und mächtigsten Oligarchen der Ukraine. 2014 wurde er aufgrund eines US-Haftbefehls in Wien festgenommen, kam aber gegen 125 Millionen Euro frei, die höchste Kautionssumme in der österreichischen Rechtsgeschichte. Seit damals wehrt er sich juristisch gegen seine Auslieferung – bisher mit Erfolg. Sein Anwalt im Übrigen: Dieter Böhmdorfer, FPÖ-Justizminister von 2000 bis 2004.
