Andrea Eskau wohnt jetzt tatsächlich in ihrem neunten paralympischen Dorf. Peking, Vancouver, London, Sotschi, Rio, Pyeongchang, Tokio, Paris, Predazzo. „Ist schön“, sagt sie, „ich kann schlafen wie ein Baby.“ Leider nur bis morgens um fünf, denn der Japaner, der über ihr eingezogen ist, „der macht mich wahnsinnig!“ Lange vor Sonnenaufgang läuft er schon quer durch sein Zimmer, pock, pock, pock, „aber morgen früh“, sagt Andrea Eskau, „gehe ich da hoch und sage, er soll bitte auf Socken laufen, das nervt“.
Zwei Erkenntnisse stecken in dieser kleinen Geschichte, die Andrea Eskau, 54, kürzlich am Rande der Langlauf- und Biathlon-Wettbewerbe im Val die Fiemme erzählt hat. Erstens: Um sich noch aufgeregt im Bett zu wälzen in der Nacht vor dem Wettkampf, ist Eskau zu lange dabei. „Ich verspüre eine große Gelassenheit“, sagt sie, „weil ich nicht mehr gewinnen muss“. Aber, zweitens: Wenn es ein Problem gibt, ist Schluss mit Gelassenheit, dann weiß sie sich zu helfen …

:Der Bronzegewinner auf dem Goldstuhl
In kurzen Hosen durch den Schnee von Tesero: Marco Maier musste einige Hürden überwinden, ehe er zum besten und auffälligsten deutschen Para-Biathleten wurde.
37 Jahre Altersunterschied liegen bei den Frauen zwischen der jüngsten Athletin im deutschen Paralympics-Team, der sehbehinderten Alpinskifahrerin Maya Fügenschuh, 17, und der ältesten: Andrea Eskau. Die Wege, die zu den Paralympics führen, sind nun mal vielfältiger als im klassischen olympischen Leistungssport – und dasselbe gilt für die Wege aus den Paralympics wieder hinaus.
Der Vater von Maya Fügenschuh leitet die Skischule am Oberjoch im Allgäu, da war es fast zwangsläufig, dass seine Tochter, die wegen eines Gendefekts nur über etwa sechs Prozent Sehkraft verfügt, bereits als Schülerin in den Para-Skisport fand. Bei Andrea Eskau, die aus Thüringen stammt und Psychologie studiert hat, liegen die Dinge anders: Sie ist seit einem Fahrradunfall im Alter von 24 Jahren querschnittsgelähmt. Sie stieg dann zunächst aufs Handbike um, gewann 2008 in Peking, 2012 in London und 2016 in Rio viermal Gold und einmal Silber. Und dazu noch zehn Paralympics-Medaillen im Langlauf und im Biathlon. Möglich, dass das gerade ihre letzten Winterspiele sind. Aber 2028 in Los Angeles will sie mit dem Rad noch mal an den Start gehen.
In vielen Ländern, die bei Olympia Erfolge feiern, fehlen im Para-Sport professionelle Strukturen
Fragt man Ralf Rombach, den Bundestrainer Nordisch im Deutschen Behindertensportverband (DBS), warum man im Para-Sport länger aktiv sein kann als im olympischen, verweist er zunächst auf das Offensichtliche: Die Leistungsdichte ist oft geringer. In vielen Ländern, die bei Olympia Erfolge feiern, fehlen professionelle Para-Strukturen. Auch in Deutschland ist der Konkurrenzkampf – in manchen Behinderungsklassen – geringer. Bei den sehbehinderten Frauen gewannen Linn Kazmaier, 19, und Johanna Recktenwald, 24, mit ihren Guides in Tesero jeweils eine Medaille, die 22-jährige Leonie Walter zwei. „Und wenn wir zehn Schlitten-Frauen zwischen 18 und 30 in der Hinterhand hätten, wäre der interne Druck auf die Andrea natürlich höher“, sagt Rombach. „Haben wir aber nicht.“
Zugleich, sagt Rombach, „würde ich es mir nicht so einfach machen, alles mit der Leistungsdichte zu begründen“. Mancher Unterschied liege auch im Wesen des Para-Sports selbst, insbesondere bei den Schlittensportlern, bei denen es viel auf Kraft und Ausdauer ankommt. In anderen Sportarten fehlen mit zunehmendem Alter in unterschiedlichsten Bereichen ein paar entscheidende Prozent: bei der Reaktionsfähigkeit, der Koordination, der Spritzigkeit; auch die Verletzungsanfälligkeit steigt. Eskau hingegen sagt: „Mein Motor läuft, ich kann morgen früh um zwei dieselbe Zeit laufen wie jetzt.“
Für Goldmedaillen, wie früher, reicht das nicht mehr, trotz ihrer akribischen und auch asketischen Vorbereitung. Aber in Tesero wurde Eskau gegen Konkurrentinnen, die ihre Töchter sein könnten, immerhin Achte, Vierte und Zehnte. Und am Freitag, in der Biathlon-Sprint-Verfolgung (in der ihre Teamkollegin Anja Wicker, 34, wie auch Marco Maier bei den Männern Bronze gewann) kam Eskau als gute Siebte ins Ziel.
Was den Bundestrainer Rombach nun zu einem weiteren Punkt bringt: „Die Andrea“, sagt er, „ist einfach eine Ausnahmeerscheinung.“ Auch deshalb hat er sie gerne im Team: „Wenn die Jüngeren zu ihr rüberschauen, können sie sehen, wo man überall optimieren kann. Sie kommt immer mit neuen Ideen.“
Gerade hat Andrea Eskau zum Beispiel ihr Schießen komplett umgestellt.

Es ist eine ziemlich kuriose Geschichte: Vor etwa sechs Wochen stand Eskau zufällig hinter dem Schießstand, als eine Ukrainerin ihre Schüsse abgab. Es klang, als habe sie getroffen. „Aber die Scheiben fielen nicht.“ Bis Eskau feststellte: Die Scheiben fielen schon, aber nicht, wie üblich, von links nach rechts, sondern von rechts nach links. „Da habe ich gedacht, okay, das werde ich auch mal probieren.“
Die meisten Biathleten schießen in einem Rutsch von links nach rechts durch, „aber das kann ich nicht, dafür habe ich zu viel Spannung im Körper“, sagt Eskau. Beim Liegendschießen muss sie auf einem Arm das Gewicht des Gewehrs, ihr Eigengewicht und teilweise das Gewicht des Schlittens abstützen, in dem sie sich auf die Schießmatte wirft. 16 Jahre lang hatte sie also immer mit der mittleren Scheibe begonnen, sich nach rechts vorgearbeitet, einmal abgesetzt – und erst dann die zwei linken Scheiben erlegt. „Aber als ich die Ukrainerin da gesehen habe, dachte ich: Ich bin doch Linkshänderin, ich kann Spiegelschrift lesen, für mich fühlt sich Linksverkehr normal an. Vielleicht muss ich auch andersherum schießen!“
Sie hat das dann tatsächlich durchgezogen, sechs Wochen vor ihren wohl letzten Winterspielen. Sie kommt nun schneller und ohne Absetzen durch. Da soll noch jemand sagen, 54 sei zu alt, um sich im Leistungssport neu zu erfinden! „Du wirst im Team niemanden finden“, ist sich Eskau sicher, „der die Meinung vertritt: Die Alte soll jetzt mal gehen, die nimmt uns die Ressourcen weg.“

Und doch ist die Geschichte der Grande Dame des Langlauf- und Biathlonsports nicht zu denken ohne das dahinterliegende Thema: Wo kommt im Para-Sport der Zukunft der Nachwuchs her?
„Es kommt schon was nach“, sagt Rombach. In Thüringen etwa der erst 15-jährige Johannes Rank, den der DBS gerne mitgenommen hätte nach Italien, um ihn Paralympics-Luft schnuppern zu lassen. Doch dann vergab das Internationale Paralympische Komitee (IPC) seine Wildcards an Athleten aus Russland und Belarus, die sich wegen der kurzfristigen, umstrittenen Entscheidung, beide Länder trotz ihrer Rolle im Ukraine-Krieg wieder zuzulassen, nicht über die Weltcups hatten qualifizieren können.
Die Talentsichtung in den Schulen scheitert nicht selten am Datenschutz
Weitere positive Signale: Der traditionsreiche Schulwettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“ heißt inzwischen „Jugend trainiert für Olympia & Paralympics“. Es gibt ein Inklusionsmobil der „Aktion Mensch“, das durchs Voralpenland tourt und Schnuppertrainings anbietet. Und bei den Sehbehinderten hat sich eine Zusammenarbeit zwischen Beratungsstellen und dem DBS etabliert. Und trotzdem sagt der Bundestrainer: „Die Betroffenen müssten häufiger wissen, dass es uns gibt, und wir müssten häufiger wissen, wo wir sie finden und ansprechen können.“
Insbesondere eine Zusammenarbeit mit Schulen gestalte sich schwierig, sagt Rombach. Behinderte Kinder werden heute öfter als früher in die Regelschulen integriert – gelebte Inklusion, wie sie auch der DBS unterstützt. Aber die Schulen können dann nicht einfach beim Para-Sport anrufen und sagen: Hey, wir hätten hier einen Jungen mit amputiertem Bein oder ein Mädchen mit spastischer Lähmung für euch! „Das scheitert leider am Datenschutz.“ Rombach hat deshalb schon im zuständigen Ministerium in Baden-Württemberg vorgesprochen, aber auch da konnte man in diesem Detail bislang kaum weiterhelfen. Regeln sind eben Regeln.
Und dann ist der Wintersport noch mal ein Spezialfall: Für die meisten Menschen in Deutschland sind Pisten und Loipen weit weg. Das deutsche Ski-Para-Team konzentriert sich um den Bundesstützpunkt in Freiburg, es gibt dort jetzt auch eine neue Landestrainerstelle für Nachwuchsathleten. Allerdings ist auch Freiburg nicht um die Ecke.
Und, klar: Sport ist auch anstrengend. Viele Eltern wollen ihre Kinder nicht überfordern. „Aber nach einer Langlauftour durch ein verschneites Alpental, nach einem Trainingslager, da sagt eigentlich niemand, dass sich das nicht gelohnt hat“, sagt Rombach. „Die jungen Athleten erobern sich da ganz neue Horizonte. Die bleiben dann dabei.“
Wer wüsste besser als Andrea Eskau, wovon die Rede ist?
