Das Büro der European League of Football (ELF) liegt nur einen kräftigen Kick entfernt von den großen TV-Sendern des Landes, es ist die Nachbarschaft, in der Zeljko Karajica, 55, schon seit Jahrzehnten agiert. Aktuell ist aber kein Schild mit dem ELF-Logo am Eingang des Bürogebäudes in München-Unterföhring zu sehen, vor den Klingelschildern sagt der Briefträger: „Können Sie mir helfen hier?“ Die ELF befindet sich gerade in einer Insolvenz in Eigenverwaltung, hatte zuvor schon ihre Büroräume in Hamburg aufgegeben und sich in München verkleinert. Selbst viele Football-Interessierte im Land dürften glauben, dass es die ELF gar nicht mehr gibt – Vereinigungen namens AFLE (American Football League Europe) und EFA (European Football Alliance) wollen im Sommer einen Neuanfang initiieren. Aber Karajica hat sich entschieden, zu kämpfen für das, was er selbst aufgebaut hat.
Nach seiner Zählung gibt es aktuell nur eine europäische Liga: seine. Zwar hat er diese Meinung ungefähr so exklusiv wie die TV- und Streamingverträge, die er auch als Argument anführt: „Wir haben Verpflichtungen unseren Partnern gegenüber, es bestehen langjährige Kooperationen“, sagt er. Immer wieder sah sich Karajica mit Vorwürfen konfrontiert, die ELF habe Rechnungen der Teams nicht bezahlt. Er stellt aber die Relation infrage: Auch Rechnungen von der ELF an die Franchises seien nicht bezahlt worden. Sagt Karajica.
Am Ende steht wie bei vielen Auseinandersetzungen Aussage gegen Aussage. Das macht die Situation der europäischen Ligen kompliziert: Die EFA und die AFLE haben sich von der ELF gelöst und wollen ihre eigenen europäischen Ligen betreiben. Und die ELF will auf der Grundlage von vermeintlich bestehenden Verträgen – mit Teams aus der AFLE und EFA – ebenfalls in die nächste Saison starten. Es ist: kompliziert.
Die Fans warten schon seit Wochen auf Spielpläne. Zumindest ein Grund für die Verzögerung: Nach SZ-Informationen versandte die ELF am Dienstagabend ihren Spielplan an all jene Mannschaften, von denen Karajica überzeugt ist, dass sie immer noch vertraglich an die ELF gebunden sind. Karajica selbst sagt dazu: „Aus unserer Sicht bestehen die Verträge absolut, weil es keine Gründe zur Kündigung gegeben hat, insofern erwarten wir, dass diese Teams in unserer Liga spielen.“ Gut zwei Monate vor dem vermeintlichen Saisonstart bahnt sich somit ein langwieriger Rechtsstreit an.
Ob es möglich sei, dass dieses Jahr vielleicht niemand spielen wird? „Das kann passieren“, sagt Karajica, „wir werden von unserer Position keinen Millimeter abrücken.“
Ein Imageschaden für Football? „Den wird es sicher geben“, sagt Karajica
Karajica erweckt den Eindruck, als ob er das Produkt American Football auf dem alten Kontinent in gewisser Weise auch als ideelles Markenzeichen ansieht. Er war es, der dem Sport in Deutschland zum Sprung in die TV-Primetime verhalf, anfangs mit Pro Sieben Sat1. 2020 gründete er zusammen mit dem Entertainer Patrick „Coach“ Esume die ELF, mitten in der Pandemie also. Karajica blickt zurück: „Wir haben damals gesehen, mit der NFL zusammen, da entsteht etwas. Und wenn man eine europäische Marke aufbaut, mit viel Entertainment und Social Media als Aktivierung, dann kann das funktionieren.“
Im September 2025 erhielt er noch einmal die Bestätigung: 36 784 Zuschauer kamen zum ELF-Finale in die Arena des VfB Stuttgart, die Fantastischen Vier traten in der Halbzeit auf, die Stuttgart Surge siegten im „Finale dahoim“. Der Erfolg war überraschend, denn sowohl die Finanzsorgen der Teams als auch der daraus entstandene Streit waren da schon öffentlich bekannt: Elf von 16 Teams hatten bereits ihre Abspaltung angekündigt, wegen intransparenten Gebarens – die ELF hätte Rechnungen nicht bezahlt. Selbst der „Commissioner“ Patrick Esume kehrte Karajica den Rücken.
Im Oktober trugen sich die Surge noch ins Goldene Buch der Stadt Stuttgart ein, im November meldeten sie Insolvenz an. Im Dezember sprang ein großer ELF-Gesellschafter ab. Der Versuch, sich trotz einer üblen Schlammschlacht mit einer Vielzahl von gegenseitigen Vorwürfen doch noch zusammenzuraufen, war gescheitert. Karajica kann nicht verleugnen, dass das Geld knapp ist, er räumt auch Fehler ein – man hätte die Liga nicht so schnell auf 16 Teams aus neun Ländern vergrößern sollen, sagt er heute. Doch nach längerer Sendepause wehrt er sich nun, da die TV-Sender langsam ihre Planungen für den Monat Mai angehen, gegen die Vorwürfe, für die finanzielle Schieflage verantwortlich zu sein.
Dann taten ihm die Abtrünnigen auch noch einen Gefallen: Sie spalteten sich selbst noch einmal auf. In der AFLE gibt es ein Team, das Karajica in der ELF-Verpflichtung sieht, die Berlin Thunder – in der EFA seien es sogar fünf. Aus der Football-Szene ist zu hören, dass die AFLE in der Saisonplanung von allen Beteiligten am weitesten ist. „Für die Jahre 2026 und 2027 erhalten die Teams eine garantierte finanzielle Unterstützung“, sagt deren Geschäftsführer Moritz Heisler, „zusätzlich wird ein Notfallfonds eingerichtet, um in besonderen Situationen schnell helfen zu können.“ Obwohl die AFLE finanziell mit einem US-Investor nicht schlecht aufgestellt zu sein scheint, ist bis Donnerstagabend kein Name eines möglicherweise übertragenden Senders veröffentlicht worden. Immerhin ein Spielplan für die kommende Saison steht.
Zu möglichen vertraglichen Beziehungen anderer Organisationen äußere man sich darüber hinaus nicht, sagt Heisler. Auch ein EFA-Sprecher erklärte auf Nachfrage, dass man zu den Vorkommnissen rund um die ELF nicht Stellung nehmen möchte. Allerdings bestätigt die Antwort indirekt, dass der Rechtsstreit bereits im Gange ist. Es müssten nämlich „erst die Ergebnisse der Ermittlungen und Entscheidungen der Gerichte abgewartet werden“. Ferner hätten beispielsweise „die Munich Ravens – ebenso wie andere Teams – bereits vor geraumer Zeit Verträge gekündigt und damit Konsequenzen aus Entwicklungen gezogen, die dem Sport nicht dienlich sind“.
Auf die Frage, wie groß schon jetzt der Imageschaden für den Football ist, sagt Karajica nur: „Den wird es sicher geben.“ Er glaubt: „Dieses Jahr werden Millionen verbrannt – werden die finanziellen Engpässe dadurch weniger eng? Wenn es uns nicht gibt, wird American Football made in Europe nicht überleben.“
Nach SZ-Informationen haben zurzeit mehrere Teams, die vergangenes Jahr in der ELF spielten, erhebliche Probleme. Doch obwohl alle Beteiligten defizitär arbeiten, sind alle überzeugt, dass sich das Modell eines Tages rechnen wird – und kämpfen weiter gegeneinander. Karajica hat anscheinend auch noch Altlasten abzuarbeiten. Das Hamburger Abendblatt berichtete, dass die Hamburg Sea Devils, deren Mehrheitsgesellschafter Karajica ist, zurzeit noch mehr Vollstreckungsverfahren abarbeiten müssen als im vorigen Jahr. Und die Stuttgarter Zeitung schrieb, dass ein Großteil der Miete für das Finale in der MHP Arena jetzt vom VfB Stuttgart eingeklagt wird.
