

Von allen Karnevalsregionen in Europa findet sich in der Nordwestecke der iberischen Halbinsel, speziell in der Provinz Ourense, die möglicherweise größte Ansammlung an unterschiedlichen karnevalistischen Traditionen, deren Ursprünge ebenso schwer zu ergründen sind wie ihre exakten Bedeutungen.
„Im Jahr 2012 haben wir wieder begonnen, den traditionellen Ritualen zum Beginn der Fastenzeit mehr Beachtung zu schenken,“ erzählt Lois, der hinter seiner schwarzen Maske mit den neckischen Fransen kaum zu erkennen ist. „Damals gab es gerade einmal zwei Hähne, so wie meiner hier.“ Mittlerweile besteht die Gruppe wieder aus gut 20 Masken, dem „Os Galos da Mezquita“ mit dem ungewöhnlichen, etwas verspielt erscheinenden Kopfschmuck. Unter dem roten Hahnenkamm flattert buntes Papier im Wind, das die Maske überaus voluminös erscheinen lässt. Gleich mehrere Generationen sind an dem kleinen Umzug durch das Dorf A Merca beteiligt, wobei insbesondere die Jüngsten die Aufmerksamkeit des, wenn auch überschaubaren, Publikums genießen. „Wir ziehen von Haus zu Haus, um wie in früheren Zeiten die Schergen der Grundbesitzer, Geld oder Naturalien einzutreiben, jetzt natürlich nur symbolisch.“
Ganz ähnlich, vielleicht sogar noch etwas exzentrischer, geht es in dem beschaulichen Bergdorf Gustomeau nahe der portugiesischen Grenze zu. Hier jedoch sind die Karnevalisten in urigen, tatsächlich veganen Kostümen unterwegs. Verschiedene Maissorten machen die zauberhaft gestaltete Maske aus, während die recht üppige Verkleidung aus Stroh und trockenen Pflanzenblättern besteht. So ziehen die „Follateiros de Lobios“ durch die enge, Kopfstein gepflasterte Gasse zwischen vereinzelten rustikalen Häusern und Höfen. Es geht im urigen Umzug den Hang hinauf und wieder hinunter. Nur gelegentlich lassen sich die wenigen Dorfbewohner blicken, grüßen herunter vom Balkon ihres Hauses und halten einen kurzen Plausch mit den emsigen Kostümträgern, die über den Tag noch ein stattliches Pensum in den umliegenden Weilern zu absolvieren haben. Der vielschichtige galicische Karneval, O Entroido genannt, ist, so hat es den Anschein, vor allem eine Veranstaltung für die ländliche Bevölkerung.
Eher martialisch und rüde verlaufen hingegen die Festlichkeiten im ebenfalls abgelegenen Dorf Laza. Fliegt des Morgens bei ohrenbetäubendem Lärm Matsch und Ruß in die johlende Menge in den engen Gassen, entsprechende Schutzkleidung ist unter den Zuschauern dabei stets das Kostüm der Wahl, wird am Nachmittag zunächst ein sinnbildlicher Ochse bergab in die Ortsmitte getrieben. Ihm folgen die kostümierten Zugteilnehmer in langer Prozession und schleudern dabei Mehl beziehungsweise weißes Puder in die Zuschauer. Den choreografischen Höhepunkt bildet im Anschluss eine überdimensionale Ameise, die bedrohlich wie in einem Science-Fiction-Film über die talwärts eilende Menge hinwegschreitet. Sie ist der unmissverständliche Vorbote für weiteres, nun folgendes und eher ekliges Ungemach. Denn eigens für diese Veranstaltung gezüchtete und zuvor mit Essig gereizte Emsen werden nun, statt Kamelle, unters Volk gebracht, das kreischend, oft, ob der räumlichen Enge aber vergeblich das Weite sucht.
Welch Eleganz und Anmut verströmen dagegen die Madamas und Galáns de Cobres, größer könnte der gesellschaftliche Kontrast kaum sein. Sie tragen bei ihrem stilvollen Marsch durchs Dörfchen Vilaboa als einzige im galicischen Karneval keine Masken, dafür wunderbar verspielten, farbenprächtig überwiegend mit künstlichen Blumen verzierten, teils schwergewichtigen Kopfschmuck und bunte Kostüme, juwelenbesetzte Schürzen die Damen, weiße Hosen und lange bunte Schals und Federboas die Herren. In wohlfeiler Ordnung und einstudierter strenger Choreografie machen sie nach alter Überlieferung auf ihrem Weg ins Tal mehrfach Halt, um ihre Tanzdarbietungen, die „Danza de Cobres“, und Gesänge zu präsentieren. Begleitet von einem Orchester, in der Trommeln und Gaitas, die kleinen galicischen Dudelsäcke, dominieren, versammelt sich sofort eine kleine Publikumsschar, die sie gleich nach Ende der unterhaltsamen Darbietung mit Speis und Trank für den weiteren Weg versorgt.
Die „Xenerais da Ulla“, sie sind in der Region um Santiago de Compostela heimisch, wiederum unterscheiden sich von den übrigen galicischen Traditionen durch die Pflege eines besonders ungewöhnlichen Rituals: Hoch zu Ross, natürlich farbenfroh gekleidet mit leicht militärischem Charakter, liefern sie sich vor johlendem Publikum lautstark und eindringlich Wortgefechte. Die Inhalte der „Atranque“ genannten Versduelle erschließen sich auch der spanischen Sprache mächtigen Reisenden kaum. Es handelt sich meist um lokale und regionale Geschehnisse und Umstände, die auf diese Weise, quasi als Zwiegespräch-Büttenreden vom Rücken der Pferde, satirisch diskutiert werden. Vor allem die daran beteiligten Kinder ernten hier großen Applaus.
Da die karnevalistischen Charaktere zumeist nur in ihrem heimischen Umfeld zu sehen und zu erleben sind, ist es schlicht unmöglich, die komplette, mithin faszinierende und überaus lebhafte Vielfalt an Riten und Traditionen, an Masken und Kostümierungen während eines einzigen Galicien-Aufenthaltes zu erleben. Lediglich beim Umzug am „Domingo Gordo“, dem Fetten Sonntag, in Viana do Bolo treffen sich Delegationen diverser Karnevalsfiguren zu einer gemeinsamen Parade, in welcher die prächtigen Masken stolz in buntem Reigen, mit Musik und Tanz und mancherlei Interaktion mit den Zuschauern präsentiert werden.
Die Recherche wurde unterstützt vom Spanischen Fremdenverkehrsamt und Turismo Galicia.
